Newsletter Nr. 9-2010

Fehlende Freiheit

Kioskverkäufer/innen sollen ihre Verkaufsstellen künftig selbstständig betreiben. Sie gehen damit gewisse Risiken ein.

Von Andrea Mašek

 

Das Kioskunternehmen Valora möchte einen Drittel seiner Verkaufsstellen in Agenturen umwandeln. Die Kioskverkäufer/innen sollen dabei zu selbstständigen Unternehmer/innen werden. Mit Einschränkungen: Sämtliche Ware muss bei Valora bezogen werden.

 

Einerseits erhalten Arbeitnehmende so die Möglichkeit, ohne viel Eigenkapital – zum Start genügen 20 000 Franken – ein Geschäft zu eröffnen. Die Infrastruktur und die Ware werden zur Verfügung gestellt. Gewirtschaftet wird dann auf eigene Rechnung. D.h. konkret: Valora zahlt den neuen Kioskbesitzer/innen eine am Umsatz ausgerichtete Provision.

 

Andererseits wirft das Projekt, das seit ungefähr einem halben Jahr am Laufen ist, viele Fragen auf. In den letzten Jahren musste Valora bei den Kiosken Umsatzrückgänge verzeichnen. Ob es den neuen Besitzer/innen gelingt, das Steuer herumzureissen, ist fraglich. Sie lassen sich auf einen unsicheren Verdienst ein. Wie hoch die Provision ist, lässt sich nicht ermitteln. Valora-Chef Kaspar Niklaus sagte am Schweizer Fernsehen, das Risiko für die Besitzer/innen sei kalkulierbar.

 

Viele Fragen

Zu denken gibt Barbara Gisi, Leiterin Angestelltenpolitik beim KV Schweiz, zudem die fehlende unternehmerische Freiheit, die eigentlich die Selbstständigkeit auszeichnet. «Wie steht es mit Aktionen, Sonderrabatten für Stammkunden oder zur Werbung für neue Kunden? Wie mit Nischenprodukten und gebietstypischen Sortimentsergänzungen? Das was kleine Läden auszeichnet und abhebt, wird den Kioskbesitzerinnen verwehrt.»

 

Gisi stellt fest, dass Franchising eine Modebewegung geworden ist. Sie verweist u.a. auf die Coop-Pronto- und Migrolino-Geschäfte. «Die Arbeitnehmenden geben in Franchising-Unternehmen viel Schutz her für allfälligen Profit, der sich eventuell nicht als das erweist, was man erhofft, und der erst noch dem/r Geschäftsführer/in, nicht aber allen Arbeitnehmenden zu Gute kommt.» Das Arbeitsgesetz werde bei solchen Unternehmen häufig gerade knapp eingehalten. Oft würden sehr tiefe Löhne gezahlt und die Ferien sowie beispielsweise Lohnfortzahlungen bei Krankheit bewegen sich auf dem absoluten Minimum.

 

Die Gewerkschaft Syna hat eine Umfrage unter Kioskangestellten gemacht. Diese äussern sich mehrheitlich negativ über die Agenturidee. Seitens Valora heisst es, man akzeptiere Entscheidungen gegen das neue Modell. Neue Agenturleiter/innen sagen jedoch, es sei ein Anreiz, an den Umsatzsteigerungen mitzuverdienen.

 

Mit Valora ist ein guter Gesamtarbeitsvertrag ausgearbeitet worden. Für die Agenturen gilt er aber nur ein Jahr, danach können die Besitzer/innen ihren Angestellten Mindestlöhne bezahlen. Und an die 43-Stunden-Woche müssen sie sich auch nicht mehr halten. Barbara Gisi fragt sich deshalb, ob mit der neuen Idee schlicht der GAV unterwandert werden soll.