Context 17/06 vom 8. September 2006

Hong Kong calling

Welche Sprachen auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind, ist nicht so schnell beantwortet. Englisch – klar, Französich – auch gut. Aber was kommt dann?

Text: Lukas Kistler

 

Spricht man eine oder gar mehrere Fremdsprachen, dann empfiehlt man sich für neue und allenfalls höhere Auf-gaben - so lautet eine Binsenwahrheit. Will man es aber genauer wissen, fragt sich, welche Sprachen tatsächlich in welchen Branchen und in welchen Funktionen gebraucht werden. Dies sollten Arbeitnehmende wissen, bevor sie in den nächst besten Sprachkurs rennen.

Im Stellenanzeiger der Neuen Zürcher Zeitung von Ende August beispielsweise geben die Inserate häufig nicht an, ob die ausgeschriebenen Stellen bestimmte Fremdsprachen verlangen. Der oder die künftige Hoteldirektor/in eines Kongresshotels in Thun braucht bloss «sprachgewandt» zu sein und der/die neue Leiter/in Immobilien der Basler Versicherungen muss «hohe kommunikative Fähigkeiten» aufweisen können. Holcim hingegen sucht einen «Strategy Consultant» mit «excellent communications skills in English and German». «Spanish and French would be of advantage», heisst es weiter. «Excellent command of English is imperative, additional knowledge in Asian or Indian languages would be an advantage»: So inseriert die UBS die Stelle eines «Senior Client Advisors» im «Wealth Management Asia in Switzerland».

Die Inserate zeigen immerhin, dass Fremdsprachenkenntnisse für weltweit operierende Konzerne wie die UBS und Holcim unerlässlich sind. Dass Englisch als erste Fremdsprache genannt wird, ist kein Zufall. Dies bestätigen angefragte Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen, die alle global tätig sind.

 

«Auf neutralem Boden»

Die «Corporate Languages» der Schweizer Privatbank Sarasin sind nach Auskunft des Leiters der Kommunikation, Benedikt Gratzl, Englisch und Deutsch. Am Basler Stammsitz redet man Deutsch, aber mit den Niederlassungen in Lugano und Genf wird Englisch gesprochen. «So trifft man sich auf neutralem Boden», begründet dies Gratzl. Englisch kommt aber nicht nur in der Schweiz als Drittsprache zum Einsatz, sondern auch ausserhalb der Landesgrenzen bei Kontakten mit den Tochtergesellschaften, etwa mit denen von Singapur oder Dubai. Mitarbeitende aller Funktionen brauchen Englisch, vom Chef bis zur Sekretärin, beispielsweise um einen Termin in Hong Kong zu vereinbaren. Wie gut muss das Englisch denn sein? Das Niveau, so Gratzl, sollte zumindest dem «First Certificate» entsprechen, Kundenberater/innen allerdings müssen besser sein, auch in anderen Sprachen: «Die Anforderungen an Fremdsprachenkenntnisse sind da sehr hoch.» Sprachkurse für Mitarbeitende kauft die Basler Privatbank ein, daneben gibt es interne Diskussionsrunden zwecks Pflege des Englischen.

Was bei Privatbankiers gilt, ist für Küchenausrüster billig: «Englisch ist unsere Konzernsprache», sagt Natascha Widmer, Leiterin Kommunikation der Franke Gruppe, eines Unternehmens mit 84 Tochtergesellschaften und gegen 9000 Mitarbeitenden auf allen Erdteilen. Am Konzern-Hauptsitz im aargauischen Aarburg, wo rund 60 Angestellte tätig sind, sei Englisch das «A und O». Sie selber zum Beispiel muss Business-Englisch verhandlungssicher beherrschen können, mündlich wie auch schriftlich. Ihr Englisch braucht sie vor allem im Kontakt mit Mitarbeitenden des Konzerns andernorts, für die Englisch grösstenteils ebenfalls eine Fremdsprache ist. Franke bietet Mitarbeitenden der operativen Franke-Unterneh men Englisch-Kurse, die auch auf die üblichen Abschlüsse - etwa First oder Advanced Certificate - hinführen. Jungen Berufsleuten, die ihre Lehre bei Franke abgeschlossen haben, werden sogar sechs- bis zwölfmonatige Arbeitseinsätze in Tochtergesellschaften im englischsprachigen Ausland offeriert, in den USA, Grossbritannien oder Südafrika.

Auch die meisten Angestellten des Reiseunternehmens Tui Suisse sprechen Englisch, sei es am Zürcher Hauptsitz, in einem der siebzig Reisebüros oder als Reiseleite-r/innen. Reisebüromitarbeitende auf dem Land brauchen Englisch etwas weniger häufig als in den grossen Städten, so die Auskunft des Kommunikationsverantwortlichen Roland Schmid. Englisch werde beispielsweise in E-Mails oder telefonisch im Kontakt mit Geschäftspartnern im Ausland - Hoteliers, Fluggesellschaften oder Busagenturen - verwendet. Ebenso reden Mitarbeitende des Touristikkonzerns mit Hauptsitz in Deutschland an internationalen Meetings Englisch.

 

Französischan der Grenze

Dass Englisch bei der Privatbank Sarasin nicht nur im internationalen Kontakt, sondern sogar im Umgang mit Tessiner oder Westschweizer Kollegen und Kolleginnen gesprochen wird, ist wohl Ausdruck davon, dass es manchen Deutschschweizer/innen leichter fällt, Englisch zu sprechen als eine der anderen Landessprachen. Entscheidend ist aber sicherlich, dass es bei Sarasin Kollegen und nicht Kunden sind, mit denen in der gemeinsamen Fremdsprache kommuniziert wird. Ganz anders sieht es beim Kontakt mit Kundschaft aus. Nach wie vor wird hier von Berufsleuten Französisch oder gar Italienisch gefordert, etwa bei Franke: Mitarbeitende von operativen Gesellschaften in der Schweiz, so Natascha Widmer, benutzen im Kontakt mit Kunden Französisch oder Italienisch. Tui-Suisse-Angestellte sprechen mit Kunden ebenfalls Französisch, in erster Linie in Reisebürofilialen an der Sprachgrenze, etwa in Biel oder Freiburg, aber auch im Call Center am Hauptsitz. Ausserdem führen Hauptsitzangestellte Gespräche mit Tessiner Reisebüros mitunter auf Italienisch.

Auf den Punkt gebracht: Englisch ist im internationalen Kontext innerhalb und zwischen Unternehmen die Verkehrssprache und dient auch der Kommunikation mit nicht deutschsprachigen Mitarbeitenden in der Schweiz. Französisch und Italienisch pflegt man vor allem mit Kunden aus den anderen Landesteilen, wohl auch mit Geschäftspartnern. Nun fragt sich, ob nicht auch weitere Sprachkenntnisse nachgefragt werden, Sprachen, die in neuerdings boomenden Märkten gesprochen werden, Chinesisch beispielsweise, Arabisch oder Russisch.

 

Kunden entscheiden

«Chinesisch ist kein Thema», winkt Franke-Sprecherin Widmer ab. Expatriates - ins Ausland für längere Zeit entsandte Mitarbeitende - unterhielten sich mit lokalen Angestellten in der Regel auf Englisch. Entsandte haben selten direkten Kundenkontakt, da sie meist als Geschäftsführer eingesetzt werden. Den Kontakt mit Kunden besorgen einheimische Mitarbeitende. Kenntnisse der Landessprache seien kein Auswahlkriterium, jemanden zu entsenden, andere Kriterien seien wichtiger, sagt Natascha Widmer. Etwas anders sieht es in Osteuropa aus: Hier beschäftigt Franke Mitarbeitende - vor allem aus Deutschland -, die eine der osteuropäischen Sprachen sprechen. Umgekehrt gebe es vor Ort Einheimische, die Deutsch sprechen: «In Russland und Polen haben wir Mitarbeitende, die perfekt Deutsch sprechen.» Andernfalls werde auch im Osten Europas in Englisch kommuniziert.

Im Bankgeschäft, insbesondere in der Vermögensverwaltung, sind die Anforderungen klar anders: «Schweizer Kundenberater sprechen mit ausländischen Kunden wenn möglich in deren Muttersprache», sagt Benedikt Gratzl, Mediensprecher von Sarasin. In der Vermögensverwaltung sei nuancierte Beratung sowie Vertrauen entscheidend, entsprechend grosses Gewicht habe die Sprache. Und diese ist die Sprache der Kunden, sei sie nun Spanisch, Chinesisch oder Holländisch. Kundenberater/innen bei Sarasin sind deshalb auch Leute, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, aber auch Banker, die sich eine Fremdsprache angeeignet haben.

Bei Tui Suisse sind sowohl im Kundenkontakt als auch in der Kommunikation mit Geschäftspartnern weitere Fremdsprachen willkommen, insbesondere Spanisch. Zum einen, so Roland Schmid von der Kommunikation, weil viele Spanischsprechende in der Schweiz zur Kundschaft zählen, zum anderen, weil sich viele Geschäftspartner in spanischsprachigen Feriendestinationen wie Mexiko oder Kuba befinden.

 

Zertifikate nichtobligatorisch

Entscheidend dafür, ob nebst Englisch, Französisch und Italienisch noch andere Fremdsprachen gefordert sind, ist wohl, ob die Stelle den direkten Kontakt zu Kunden oder auch zu nicht deutschsprachigen Geschäftspartnern einschliesst. Kann man also entsprechende Sprachenkenntnisse ausweisen, hat man gegebenenfalls bessere Karten auf dem Stellenmarkt. Apropos ausweisen: Wie schätzen Unternehmen Sprachzertifikate ein? «Es macht einen besseren Eindruck, wenn man etwas vorzeigen kann», sagt Natascha Widmer von Franke. Allerdings habe sie die Kandidaten für einen Assistentenjob auf Englisch interviewt. Denn: «Zeugnisse sind nicht unbedingt ausschlaggebend. Trotz guter Noten kann jemand mündlich gehemmt sein.» Ganz ähnlich verfährt Benedikt Gratzl bei Sarasin, der Jobkandidaten im Gespräch auf Englisch und Französisch testet. «Der Spracherwerb in der Arbeitspraxis ist genau so viel wert wie Zertifikate», sagt er. Dem kann sich auch Roland Schmid anschliessen: Bei Tui Suisse ist ein Sprachzertifikat zwar ein Vorteil gegenüber Mitbewerbern. Aber ein Aufenthalt in einem fremdsprachigen Land, in einem Hotel oder als Reiseleiter, zähle mehr als ein Zertifikat. - Fazit: Sprachzertifikate machen sich gut, es geht aber auch ohne, vorausgesetzt man kann sich flüssig und fehlerfrei verständlich machen. Wobei Letzteres auch für Zertifikatsinhaber/innen gilt.