Context 13 – 2009 | 21. Dezember 2009

Teures Missverständnis

Ralf Margreiter, Stabsstelle Bildungspolitik beim KV Schweiz und Zürcher Kantonsrat der Grünen, über Gründe für den Fachhochschul-Boom, gegenüber welchen die Politik noch reichlich blind ist.

Die Fachhochschulen boomen - gerade der Bereich Wirtschaft verzeichnet eine regelrechte Explosion der Studierendenzahlen (vgl. Context 11/2009). Die Politik reagiert darauf wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Reflexartig ertönt der Ruf nach Zulassungsbeschränkungen oder höheren Studiengebühren. Das Problem dabei? Dass man nur Symptombekämpfung betreibt, statt drängende Fragen zu klären. Diese liegen mit Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre auf der Hand:

>Bund und Kantone investieren Milliarden in Aufbau und Vermarktung der Fachhochschulen. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Mittel praktisch verdoppelt.

>Ein Wirtschafts-Abschluss (Bachelor) an der ZHAW in Winterthur kostet den Staat über 50 000 Franken. Die Beiträge der öffentlichen Hand an die höhere Berufsbildung hingegen bewegen sich im Vergleich auf Niveau Portokasse, weshalb diese Abschlüsse um ein Mehrfaches teurer sind.

>Drohende Arbeitslosigkeit nach Lehrabschluss führt zu Flucht aus dem Arbeitsmarkt und zu Weiterbildung «aus Notwehr» - naheliegenderweise in Vollzeitangebote wie Berufsmaturität und Fachhochschule.

>Schliesslich drängt ein Mainstream mit der verqueren Optik «akademisch gleich wertvoller, schulisch gleich besser» junge Berufsleute an die Fachhochschulen. In vielen international orientierten Unternehmen heisst es heute: keine Karriere ohne Bachelor - weil das Management die höheren Berufsabschlüsse als Schweizer Eigenheit gar nicht mehr versteht.

Konsequenz daraus ist zum Beispiel, dass die Fachhochschulen die gesteigerte Nachfrage nach höherer Wirtschaftsbildung praktisch im Alleingang absorbieren. Im Gegenzug droht die höhere Berufsbildung unter die Räder zu kommen. Das wäre für die Schweiz wirtschaftlich wie gesellschaftlich gravierend. Denn die höhere Berufsbildung liefert den Unternehmen hoch qualifizierte Praktiker, ein globaler Wettbewerbsvorteil. Und ihre Abschlüsse stehen allen Berufsleuten mit Lehrabschluss offen - ohne Maturität und ohne reichen Papi oder Mami mit akademischem Bildungshintergrund. Wird dieser Weg entwertet, leiden die Chancen des beruflichen Mittelstandes in Gewerbe, Industrie und Dienstleistung.

 

Was also ist zu tun?

>Zunächst ist mit dem akademischen Dünkel gegen die Berufsbildung aufzuhören. Die Entwicklung hin zu höheren Abschlüssen ist sinnvoll. Aber sie kann und soll nicht nur an (Fach-)Hochschulen stattfinden; hochwertige Alternativen stehen zur Verfügung - effektiv und effizient, mit minimalen Kosten für den Staat.

>Bei der internationalen «Übersetzbarkeit» der Schweizer Berufsabschlüsse ist vor allem der Bund in der Pflicht.

>Die Jugendarbeitslosigkeit fordert die Unternehmen, Lehrabgängern jene Perspektiven zu ermöglichen, die sie brauchen und auch verdienen.

>Schliesslich muss Schluss sein mit dem finanziellen Ungleichgewicht: Während über Jahre der FH-Boom alimentiert wurde, hat man die höhere Berufsbildung sträflich vernachlässigt. Ihr Anteil an den öffentlichen Bildungsausgaben dümpelt im Promillebereich. Dabei liefert sie gleich viele Abschlüsse wie Unis und Fachhochschulen zusammen. Das ist - auch finanziell - stärker zu honorieren.

Parallel dazu darf ruhig auch über die Semestergebühren an den (Fach-)Hochschulen diskutiert werden. Aber man sollte das nicht so unbedarft an die Hand nehmen wie der Zürcher Kantonsrat, der eine Verdoppelung der Studiengebühren gefordert hat, ohne gleichzeitig über Stipendien und Darlehen zu debattieren. Damit wird der freie Zugang zur Bildung als urliberales Postulat zum Abschuss freigegeben.

Nachgerade dumm ist die Politik indes, wenn sie sich wie in Zürich keine Rechenschaft über die Ursachen für die Kostensteigerung in der Hochschulbildung gibt. Statt bildungspolitischer Gesamtstrategiedebatte gibt es kurzfristige (und kurzsichtige) Sanierungsziele der Finanzpolitik.

Die Herausforderung steht: die Bildungslandschaft als Gesamtsystem zu entwickeln. Gift ist dabei die einseitige Förderung einzelner Elemente - etwa Maturandenquote oder Hochschulabschlüsse, wie immer wieder zu hören ist. Gift sind aber auch Handstreiche wie isolierte Gebührenerhöhungen oder generelle Zulassungsbeschränkungen an den Fachhochschulen. Letzteres würde den Wert der Berufsmaturität massiv beschädigen.

Die Fachhochschulen sind (zusammen mit der Berufsmaturität) eine Erfolgsgeschichte, und sie sind für den hohen Wert der Berufslehre von entscheidender Bedeutung. Im KV Schweiz geht nicht ein antiakademischer Reflex mit dem Ziel um, verschiedene Bildungswege gegeneinander auszuspielen. Die Wirtschaft braucht sowohl Akademiker mit der Fähigkeit, theoretisch zu arbeiten, wie auch hoch qualifizierte, direkt im Betrieb einsetzbare Praktiker. Ziel sind eine höhere Priorisierung der Bildung insgesamt und mehr Investitionen in diese zentrale Ressource der Schweiz.

Nur: die Berufsbildung wird heute «von oben her» - damit ist durchaus doppeldeutig die offizielle Politik wie die Wirklichkeit der höheren Bildung gemeint - untergraben, weil viele sie nicht mehr verstehen. Uns beschäftigt die Sorge, dass dieses Missverständnis uns alle teuer zu stehen kommen wird.