Context 02 – 2009 | 26. Januar 2009

Gut geplant ist halb bestanden

Weiterbildung. Berufsbegleitende Lehrgänge stellen hohe Anforderungen an die Studierenden. Mit richtiger Vorbereitung lassen sich viele Stolpersteine vermeiden.

Von Ingo Boltshauser

 

Wer eine berufsbegleitende Weiterbildung beginnt, hat sich Grosses vorgenommen - wie gross, das merken die meisten erst, wenn sie mitten drin stecken. Zwei bis drei Semester dauern die meisten Kurse, die zur Fachausweisreife führen, bis zu drei Jahre die Schulbank drücken muss, wer ein eidgenössisches Diplom erwerben will und gar vier Jahre dauert ein berufsbegleitendes Fachhochschulstudium in Betriebsökonomie. In dieser Zeit müssen die Studierenden bis zu 70 Wochenstunden für Beruf und Schule arbeiten; Arbeitsschluss ist oft erst mit dem Lichterlöschen, die Fünftagewoche wird hinfällig, und sogar ein Teil der Ferien muss in der Regel für die Weiterbildung geopfert werden.

Kein Wunder, dass die Aussteigerquote bei berufsbegleitenden Weiterbildungen relativ hoch ist: Jeder Dritte, der ein berufsbegleitendes Fachhochschulstudium in Betriebsökonomie beginnt, scheitert. Bei diversen höheren Fachprüfungen beträgt die Durchfallquote 30 bis 40 Prozent - all jene, die eine Weiterbildung begonnen, sich aber gar nicht erst zur Prüfung angemeldet haben, nicht mitgezählt.

Die Gründe für ein Scheitern sind vielfältig: Oft bleibt zwischen beruflichen und privaten Ansprüchen schlicht zu wenig Zeit zum Lernen, manchmal haben Weiterbildungswillige ihre Fähigkeiten und ihre Leistungsbereitschaft überschätzt. Oft liesse sich ein Scheitern aber auch vermeiden: durch gute Vorbereitung, optimales Zeitmanagement und richtiges Lernverhalten.

 

Vorbereitung

Wer eine zeitaufwändige Weiterbildung ins Auge gefasst hat, sollte sich im Vorfeld die Mühe nehmen, sämtliche fixen Verpflichtungen sowie jene Zeiten, die man sich für Familie, Freunde, Hobby oder Sport frei halten möchte, in einen Wochenplan einzutragen. Wer anschliessend noch die Präsenzzeiten in der Schule hinzu nimmt sowie die von der Schule angegebenen Richtwerte für Lernen und Hausarbeiten addiert, sieht meist schnell, dass nicht mehr viel Platz für Unvorhergesehenes bleibt. Deshalb macht es Sinn, bereits vor Weiterbildungsbeginn über die Bücher zu gehen:

  • Hobby/Freizeit: Es ist sinnvoll, sich bewusst zu machen, welche Tätigkeiten man unbedingt weiter führen will und welche man unter Umständen für eine Weile aufgeben kann. Ein Ausgleich zu Studium und Arbeit ist zwar wichtig, darf aber nicht zur Belastung werden. Insbesondere bei ehrenamtlichen Tätigkeiten, die nicht nur Ausgleich, sondern auch Verpflichtung sind, ist es unter Umständen sinnvoll, für die Dauer der Weiterbildung kürzer zu treten.Partnerschaft und Familie: Zeitintensive Weiterbildungen können eine
  • Partnerschaft auf eine harte Probe stellen. Um Problemen vorzubeugen, ist es deshalb wichtig, die zu erwartende Belastung bereits vor Ausbildungsbeginn zu besprechen. Besonders wichtig ist dies bei Familien mit Kindern, denn dort bleibt nicht nur weniger Zeit für die Beziehung, sondern der Partner/die Partnerin hat überdies eine massiv grössere Last in Haushalt und Kinderbetreuung zu tragen. Am besten vereinbart man klare Zeiten für die Weiterbildung und solche, zum Beispiel den Sonntagvormittag, die unter allen Umständen der Partnerschaft beziehungsweise der Familie vorbehalten sind.
  • Arbeitsplatz: Eine Weiterbildung tangiert zwangsläufig auch die Leistungen am Arbeitsplatz. Die zeitliche Flexibilität sinkt, unter Umständen will man das Arbeitspensum reduzieren und besonders intensive Studienphasen wie zum Beispiel die Prüfungsvorbereitung erfordern zwingend Freiräume. Zu all diesen Punkten sollte man mit dem Vorgesetzten möglichst früh das Gespräch suchen und verbindliche und präzise Vereinbarungen treffen. Wer eine Weiterbildung auf Veranlassung des Arbeitgebers absolviert, kann meistens mit Wohlwollen rechnen. Für alle anderen ist eine offene und rechtzeitige Kommunikation umso wichtiger.

Zeitmanagement

Sind die Voraussetzungen im Umfeld geschaffen, haben Studierende schon einen wichtigen Schritt zu einem funktionierenden Zeitmanagement getan. Der nächste ist: sich auch an die vereinbarten Lern- beziehungsweise Arbeitszeiten zu halten und nicht abzuwarten, bis eine Aufgabe dringend wird. Eine gewisse Lerndisziplin macht aus zwei Gründen Sinn: Erstens muss man gerade bei berufsbegleitenden Weiterbildungen dann lernen, wenn die Zeit dafür zur Verfügung steht. Spitzenbelastungen lassen sich zwar auch so nie ganz vermeiden, aber fahrlässig verursachen sollte man sie trotzdem nicht, denn schnell einmal ist die Grenze zur Überlastung überschritten. Und zweitens wollen die meisten fortgeschrittenen Lehrgänge nicht blosses Sach-, sondern Verständnis- und Anwenderwissen vermitteln. Wer dabei nicht auf dem Laufenden bleibt, kann schnell einmal den Anschluss verlieren.

Mit einer Reihe von Tricks fällt es ausserdem leichter, den manchmal himmelhoch scheinenden Berg an Arbeit in den Griff zu bekommen. Hierzu bietet die Fachliteratur zahlreiche Anregungen. Die wichtigen und relativ einfach zu realisierenden sind:

  • Listen erstellen: Die anstehenden Aufgaben in der Reihenfolge, in der sie zu erledigen sind, aufschreiben und die Liste relativ stur abarbeiten. Durch das Abstreichen der erledigten Aufgaben wird Lernerfolg sichtbar gemacht. Sollte das als Motivation noch nicht ausreichen, empfiehlt Sebastian Leitner in seinem Klassiker der angewandten Lernpsychologie, «So lernt man Lernen», zu einem kleinen Selbstbetrug zu greifen. Man kann sich zum Beispiel für das Erledigen einer unangenehmen Aufgabe mit einer angenehmen belohnen oder Annehmlichkeiten wie die Kaffeepause fest mit auf die Liste setzen.
  • Zeitlimit setzen: Wer sich mit einer Aufgabe schwer tut, dem empfiehlt Christoph Metzger in seinem Sachbuch «Lern- und Arbeitsstrategien» ein Zeitlimit. Man kann sich zum Beispiel vornehmen, mindestens eine halbe Stunde konzentriert an einem Problem zu arbeiten. Oft verliert es in dieser Zeit bereits seinen Schrecken.
  • In Gruppen lernen: Erstens kann die Gruppe helfen, eigene Verständnisprobleme und Widerstände zu überwinden, und zweitens unterstützt die Gruppenarbeit die Selbstdisziplin.

Lerntechniken

Die Fachliteratur zum Thema Lerntechniken ist riesig. Eine einfache, allgemeingültige Formel, wie das Wissen möglichst schnell in den Kopf kommt, bietet sie nicht. Der Grund: Es gibt viele verschiedene Lerntypen. Einige Menschen lernen über das Sehen besser, andere über das Gehör. Manche können trockene Theorie gut verarbeiten, andere brauchen Beispiele oder müssen das Gelernte in eigene Worte kleiden, wieder andere lernen dann am besten, wenn sie den Lernstoff weiter erzählen oder aufschreiben. Um die eigenen Stärken zu erkennen, ist es unter Umständen dienlich, die eigenen Lernerfolge beziehungsweise -misserfolge in der Vergangenheit zu analysieren. Dadurch erkennt man am besten, in welcher Form Wissen am besten verinnerlicht wird.

Neben der Lernform ist auch die Lernzeit sehr individuell. Nicht alle Menschen haben zur selben Tageszeit die höchste Aufnahmefähigkeit. Gerade bei einer berufsbegleitenden Weiterbildung kann man sich zwar nur sehr beschränkt aussuchen, wann man anstehende Arbeiten verrichten will. Aber man hat immerhin die Möglichkeit, die eigene Agenda so zu gestalten, dass man Routineaufgaben in jene Zeit legt, in der man nicht mehr besonders leistungsfähig ist, und die wirklich anspruchsvollen Tätigkeiten dann erledigt, wenn man noch aufnahmebereit ist.

 

Darüber hinaus gibt es ein paar allgemeingültige Punkte, die zu beherzigen sich lohnt:

  • Arbeitsumgebung: Man sollte sich einen möglichst ruhigen Lernplatz einrichten. Zum einen akzeptieren andere Mitglieder des Haushalts so eher, dass man Ruhe braucht, zum andern kann man sich mit der Zeit auch «konditionieren». Der Platz wird mit Lernen assoziiert, und Ablenkungen wie der Fernseher oder die Zeitung sind weit weg.
  • Keine Lernmarathons: Je nach Komplexität des Stoffes ist die Aufnahmefähigkeit sehr beschränkt. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, innert kurzer Zeit sehr viel zu lernen, sollte man sich wenigstens um Abwechslung im Lernplan bemühen.
  • Frühzeitig vor Prüfungen beginnen: Von einem einmal gelernten Stoff sind nach einer Woche je nach Abstraktionsgrad nur noch 20 bis 40 Prozent abrufbar. Deshalb ist Repetieren beim Lernen unerlässlich. Bei kleineren Prüfungen, in denen es primär um Sachwissen geht, mag das Kurzzeitgedächtnis ein verlässlicher Partner sein, bei grossen, komplexen Stoffmengen ist es überfordert.

Wer sich wegen einer bevorstehenden Weiterbildung intensiver mit Themen rund ums Lernen beschäftigen will, findet dazu nicht nur zahlreiche Fachbücher, sondern auch verschiedene Veranstaltungen, unter anderem auch in kaufmännischen Schulen und bei einzelnen KV-Sektionen. Wenn man allerdings wartet, bis die Probleme akut sind, ist es meistens schon zu spät. Dann geht es einem unter Umständen wie dem Holzfäller in der Parabel des Philosophen Paul Watzlawick: Dieser drosch mit einer stumpfen Axt auf einen Baum ein. Als ihn ein Passant fragte, warum er die Axt nicht schleife, antwortete er: «Keine Zeit. Ich muss den Baum bis zum Abend gefällt haben.»

 

Buchtipps


  • Christoph Metzger: Lern- und Arbeitsstrategien - Ein Fachbuch für Studierende an Universität
    und Fachhochschulen, Verlag Sauerländer 2007, CHF 41.-

  • Sebastian Leitner: So lernt man Lernen,
    Herder Verlag, 2005, CHF 18.80