Context 1/2 2008 | 28. Januar 2008

Verbesserte Stellenlage im Tessin

Die Südschweiz konnte sich in den letzten Jahren von der Rezession der Neunzigerjahre erholen. Doch die Wirtschaft macht einen tief greifenden Wandel durch.
Von Gerhard Lob

Im Tessin gibt es keine separaten Stellenanzeiger, wie ihn grosse Deutschschweizer Tageszeitungen kennen. Die meisten Stellenanzeigen finden sich immer in der Freitagsausgabe des «Corriere del Ticino». Und dort lässt sich ein eindeutiger Trend beobachten. Wo früher nur einzelne Annoncen  geschaltet waren, wird nun gleich seitenweise nach Arbeitskräften gesucht.

 

Was sich jede Woche in der Zeitung beobachten lässt, spiegelt sich auch in den offiziellen Statistiken wider. Die Stellenlage im Tessin hat sich markant verbessert. Das Ende November 2007 vom Bundesamt für Statistik veröffentlichte Beschäftigungsbarometer weist eine Steigerung der Beschäftigtenzahl um 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal auf. Damit schwingt das Tessin sogar prozentual gegenüber allen anderen Schweizer Regionen oben auf. Gab es am Ende des dritten Quartals des Jahres 2006 laut Bundesstatistik 163000 Beschäftigte, waren es ein Jahr später 171000.

 

Beim kantonalen Wirtschaftsdepartement rät man allerdings zu grosser Vorsicht bei der Interpretation dieser Daten. «Das Beschäftigungsbarometer arbeitet mit Stichproben, darum kann eine kleine Änderung in einer einzelnen Firma einen grossen Effekt in der Statistik auslösen», sagt Arnoldo Coduri, Chef des kantonalen Wirtschaftsamts. Er gehe kaum davon aus, dass in einem Jahr  eine effektive Zunahme von 8000 Beschäftigten erfolgte.

 

Trotz Ungenauigkeiten in den Quartalsstatistiken lässt sich aber ein langjähriger Trend beobachten. Noch nie seit 1991 gab es so viele Beschäftigte wie momentan. Nach einer Rezessionsphase in den Neunzigerjahren  wurde die Talsohle 1998 durchschritten. Danach nahm die  Zahl der Stellen zuerst sprunghaft (bis 2001) und danach konstant auf niedrigerem Niveau zu. Das Tessin hat seinen langjährigen Ruf als Looser-Region der Schweiz damit abgelegt.

 

Fabio Losa vom Kantonalen Statischen Amt in Bellinzona glaubt, dass der Tessiner Arbeitsmarkt «besonders dynamisch» ist. Dadurch seien im allgemeinen Konjunkturaufschwung mehr Stellen geschaffen worden. Allerdings hat Losa in Untersuchungen anhand von Daten der Eidgenössischen Betriebszählung aufgezeigt, dass der Arbeitsmarkt im Tessin einem radikalen Wandel unterworfen ist. Sein wichtigstes Ergebnis: Der Industriesektor verliert Stellen, der mit 70 Prozent aller Arbeitsstellen bereits dominante Dienstleistungssektor legt weiter zu.

 

Ausserdem hat Losa aufgezeigt, dass die Zahl der Beschäftigten zwischen 1995 und 2005 zwar insgesamt gestiegen ist (von 160000 auf 163000), doch die Zahl der Arbeitsplätze umgerechnet auf Vollzeitstellen von 146000 auf 144000 sank. Das bedeutet: Es gibt mehr Teilzeitbeschäftigte. Zudem zeigen die Statistiken, dass nicht unbedingt einheimische Arbeitskräfte von der Zunahme der Beschäftigungszahl profitierten. Im Tessin hat die Zahl der Grenzgängerinnen und Grenzgänger in den letzten Jahren wieder stark zugenommen. Auch die Arbeitslosenquote im Tessin liegt nach wie vor über dem Schweizer Mittel. Die Gewerkschaften verweisen zudem darauf, dass viele Beschäftigungsverhältnisse prekär sind. Die Arbeitnehmer müssen häufig auf Abruf arbeiten und werden oft via Temporärfirmen eingestellt.

 

Gleichwohl gibt es Wirtschaftsbereiche, in denen die verbesserte Stellenlage besonders ausgeprägt ist: Bei Im-mobilienhändlern und Treuhändern beispielsweise. Auch im Bereich von Bildung, Forschung und Unterricht sind durch die Gründung der Universität so-wie Fachhochschule der italienischen Schweiz viele Stellen geschaffen worden. Der traditionell wichtige Finanz- und Bankensektor stellt nach einer Krisen- und Umstrukturierungsphase wieder vermehrt hoch qualifizierte Arbeitskräfte ein. Positiv entwickelt sich das Tessin auch im Bereich der Bekleidungsindustrie und Logistik. Darauf verweist  Claudio Camponovo, der Direktor der Industrie- und Handelkammer. So hat das Modeunternehmen Hugo Boss in Coldrerio einen modernen Firmensitz gebaut, wo mittlerweile 400 Personen tätig sind. Gucci hat in Cadempino ein grosses Lager errichtet. Die Gruppe Zegna ist ebenfalls im Tessin tätig und expandiert.

 

Besonders gut läuft in den letzten Monaten auch das Detailhandelsgeschäft, insbesondere in Grenznähe. Der schwache Franken und die hohen Preise in Italien zieht die Käuferschaft aus Italien in Massen über die Grenze. In Shopping-Centern in Grenznähe ist am Wochenende kaum ein Parkplatz zu finden. Allerdings werden die Italiener in den Läden hauptsächlich von ihren Landsleuten bedient. Von Grenzgängerinnen, die in der Schweiz arbeiten.

 

 

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Nr. 1/2 | 28. Januar 2008