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Nein, hier ist nicht von Schnee die Rede, sondern von einem weissen Gebilde, das sich in gigantischer Grösse auf dem Teller vor mir aufbaut: eine riesige Meringue, die auch für zwei Personen noch zuviel ist, obwohl ich nur eine halbe Portion bestellt hatte. Die Meringueschalen kommen aus dem benachbarten Tal und der Rahm ganz sicher nicht aus der Schlagrahmdose.
Im Postauto, welches uns dem Berg näher brachte, waren wir die einzigen Fahrgäste. Unterwegs erläuterte der Chauffeur fachmännisch den Verlauf der Föhngrenze und prophezeite - wie sich im Nachhinein herausstellte - fast auf die Minute genau, wann der Föhn zusammenbrechen wird. Bevor wir das Gasthaus betraten, warfen wir einen letzten Blick ins Föhnfenster, welches sich dann von einem Moment auf den andern schloss, so als hätte jemand das orangefarbene Licht über den Bergen gelöscht und den Vorhang zugezogen.
Der Berg liegt im Grenzgebiet zweier Kantone. Besonders hoch ist er nicht, doch hat er einen grossen Namen und angesichts seiner Topografie würde es niemandem in den Sinn kommen, von einem Hügel zu sprechen. Vom Gipfel aus ziehen sich unzählige Grate in alle Richtungen und dazwischen liegen steil abfallende Gräben. Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es mal ein Projekt für eine Bergbahn. 1893 wurde das Vorhaben vom Bundesrat bewilligt, doch fanden sich keine Investoren. Das ist bis heute so geblieben. Es führen viele Bahnlinien um den Berg herum, aber keine auf den Gipfel.
In der Gegend liegen einige 100 Millionen Kubikmeter goldhaltige Nagelfluh. Das Gold soll besonders rein sein. Es kommt aber nur in kleinsten Mengen von etwa 0,1 Millimeter dünnen Goldflittern vor. Das 18. Jahrhundert gilt als Höhepunkt der Goldwäscherei. Doch schon zuvor, ab 1523 musste alles im Kanton gefundene Gold dem Staat abgegeben werden. 1936 glaubten einige Einheimische, unterstützt von einem Rutengänger, nördlich des Berges auf eine Goldader gestossen zu sein. Ein Traum, der sich aber schon bald in Goldstaub auflöste. Berufsgolder gibt es schon lange nicht mehr. Reich wurde keiner damit. Heute wird Goldwaschen nur noch als Hobby betrieben.
Auf die Frage, wie viel Flusssand ich waschen müsste, um die Meringue mit Gold zu bezahlen, meinte die Wirtin, mit etwa einer Tonne müsste ich schon rechnen. Alles klar: Diese Meringue ist mit Gold nicht zu bezahlen.
Therese Jäggi





