Context 1/2 2008 | 28. Januar 2008

Ein Verteidiger für alle Fälle

Zürich bereitet sich auf die Fussball-EM 2008 vor. Bis zum ersten Zürcher EM-Spiel – Frankreich gegen Rumänien am 9. Juni – hat Daniel Rupf, Gesamtprojektleiter «Euro 08 Zürich», noch viel zu tun.
Von Bettina Büsser

 

Vergnügt jongliert Daniel Rupf beim Fototermin mit dem Ball, lässt ihn vom Fuss aufs Knie und wieder zurück springen oder auf seinem Kopf hüpfen. Doch als er ihn dann, um eines Fotos willen, mit der Hand aufwerfen soll, ist Rupf weniger glücklich. Schliesslich ist er Fussballer.

 

Der Ball, mit dem der 40-Jährige in seinem Büro im Zürcher Stadthaus spielt, ist nicht irgendein Fussball, sondern der für die Fussball-EM 2008 lancierte «Europass». Und Rupf ist nicht irgendein Fussballer, sondern Gesamtprojektleiter «Euro 08 Zürich». Deshalb trägt er auch keinen Sportdress, sondern Anzug und Krawatte, dazu schwarze, relativ spitze Schuhe, die ihm das Balljonglieren nicht eben erleichtern. Der Ball macht die Sache nicht einfacher, denn die genoppte Oberfläche, die ihn besonders griffig machen soll, kann nicht ganz zur Geltung kommen: Es fehlt dem «Europass» im Stadthaus etwas an Luft.

 

Das lässt sich von Rupf nicht sagen. Er wirkt frisch und munter, obwohl seine Arbeitstage momentan sehr viele Stunden haben. Morgens, so erzählt er, sei er zwischen halb sechs und sechs im Büro, arbeite die «ganze E-Mail-Flut» ab, dann folgt die Arbeit an seinen Projekten, dann Sitzungen, wieder Projektarbeit, wieder Sitzungen - bis abends gegen sieben oder acht Uhr: «Wenn es gut geht, bin ich dann etwa anderthalb Stunden bei meiner Familie, danach arbeite ich Pendenzen ab oder nehme an Abendveranstaltungen teil, bis zwölf oder ein Uhr.» Mindestens einen Tag pro Wochenende, sagt Rupf weiter, verbringe er aber mit seiner Ehefrau, der elfjährigen Tochter und dem einjährigen Sohn. Zwei Tage pro Wochenende sind es hingegen selten.

 

Denn Rupf hat viele Aufgaben; er ist für die Planung und operative Umsetzung der Fussball-EM in Zürich zuständig: «Für die operative Umsetzung der Teilprojekte Sicherheit, Verkehr, Infrastruktur und Betrieb Letzigrund wurde eine Projektorganisation gebildet, die unter meiner Leitung steht», sagt er dazu. Ausserdem leitet er die Bereiche Marketing, Standortpromotion und Rahmenveranstaltungen. Und noch mehr kommt dazu: «Ich bin auch, zusammen mit dem Stadtpräsidenten, zuständig für Medienauftritte, die Information der politischen Organisationen, die Zusammenarbeit mit den anderen Städten, der UEFA, dem Fussballverband und den Sponsoren. Dazu kommen die Spielorganisation in Zürich, die Marketingaktivitäten in Zusammenarbeit mit Zürich Tourismus, die Information der Quartiere, das Kulturprogramm und schliesslich das Rahmenprogramm mit Fanmeile und Public-Viewing.»

 

Das Ende einer Fussball-Karriere

Die EM wird Massen in Bewegung setzen: Erwartet werden dreimal 30000 Fans, welche die drei Zürcher Spiele im Stadion Letzigrund sehen wollen. Aber vor allem werden Zürcher/innen und Fans aus dem In- und Ausland in der Stadt unterwegs sein, um sich etwa in Public-Viewing-Zonen Matches anzusehen. Insgesamt wird mit etwa 1 bis 1,4 Millionen Besuche-r/innen gerechnet. Sie sollen ein Fussballfest feiern, gut versorgt werden, und gleichzeitig will sich Zürich ihnen als freundliche Touristen-Gastgeberin präsentieren. Dies alles zu organisieren und koordinieren ist eine riesige Aufgabe. Weshalb tut sich Daniel Rupf das an? «Ich habe spontan zugesagt, als ich als einer von mehreren Kandidaten angefragt wurde», sagt er. Bei seiner früheren FIFA-Arbeit habe er bereits solche Aufgaben wahrgenommen. Und ausserdem sei es eine emotionale Angelegenheit: «Ich bin Schweizer, ich liebe Zürich über alles, ich bin Fussballer. Wenn man für einen so einzigartigen Anlass im eigenen Land, in der eigenen Stadt, im eigenen Sport einen Beitrag leisten kann, ist es klar, dass man zusagt.»

 

Den eigenen Sport, Fussball, hat Rupf als Kind nur als «Strassenfussballer» gespielt. Denn zuerst stand Skifahren im Vordergrund, «auch der Adrenalinkick dabei». Mit 13 spielte er erstmals im Fussballclub Bülach, hörte nach der Matur damit auf, spielte schliesslich wieder: «Ich kam sehr spät zum Profifussball, wurde erst mit 21 Jahren entdeckt.» Danach war er Profi beim FC Wettingen, später beim FC Aarau, mit dem er in der Saison 92/93 Schweizermeister wurde. Rupf war Verteidiger, studierte daneben an der Uni Zürich Betriebswissenschaften. Ein Ingenieurstudium mit Schwerpunkt Aerodynamik oder ein Architekturstudium hätten ihn zwar gereizt, «ein Vollzeitstudium kam jedoch wegen dem Fussball nicht in Frage».

 

Dass er seine Ausbildung durchziehen würde, war für Rupf immer klar, denn: «Ich war nicht der Top-Fussballer, das habe ich schon damals realistisch eingeschätzt.» Immerhin war er topp genug, um 1993 ein Aufgebot für das erweiterte Kader der Nationalmannschaft zu erhalten. Doch: «Zwei Tage später war mein Knie kaputt: Meniskus, Kreuz- und Innenband gerissen. Es war in einem Spiel gegen Servette, ich spielte gegen den Stürmerstar Sonny Anderson, er stürzte unglücklich auf mich, ich blieb mit dem Fuss hängen und das Knie wurde verdreht. Sonny traf dabei überhaupt keine Schuld», sagt Rupf heute. Damit war der Traum von der Nationalmannschaft ausgeträumt.

 

Wenn nicht als Spieler, dann eben als Veranstalter. Das gilt bei Rupf nicht nur für die EM 2008, sondern galt bereits für die WM 2002. Nach Studienabschluss - Fussball spielte er nach der Verletzung noch beim FC Winterthur und beim FC Baden - arbeitete er eine Zeit lang bei «TeleZüri» und liess sich schliesslich 1997 bei der FIFA anstellen, wo er zuletzt als Gesamtprojektleiter für die WM 2002 zuständig war: «So habe ich mir den Traum einer WM-Teilnahme noch erfüllt.» 2003 verliess Rupf die FIFA, «im Guten», wie er betont, um sich selbstständig zu machen. Gemeinsam mit einem Partner baute er das Unternehmen Aenigma auf, eine Beratungsagentur für Sport- und Event-Management. Natürlich hat sein Engagement für die EM nun die Beziehung zu seiner Agentur verändert: Rupf ist aus der Aenigma ausgetreten, seine Frau hat seine Anteile übernommen, und das Unternehmen darf im Zusammenhang mit der EM in Zürich keine Aufträge von der Stadt übernehmen.

 

Seine Erfahrung mit der eigenen Agentur, vor allem aber mit der FIFA haben Rupf für seine aktuelle Aufgabe gut gerüstet. Denn unter anderem ging es darum, die Rechte und Pflichten der UEFA und der Ausrichterstädte zu diskutieren und mit der UEFA einen Vertrag abzuschliessen. «Die Ausrichterstädte haben sich zu einer Vertragspartei zusammengeschlossen», erzählt Rupf, «und es hat lange gedauert, bis wir den Vertrag unter Dach und Fach hatten. Wir wollten, dass es nicht nach dem Prinzip ‹wir stellen der UEFA alles gratis zur Verfügung und gehen selber leer aus› funktioniert.» Das Resultat stellt Rupf zufrieden. Noch nie hätten die Ausrichterstädte eines grossen Fussballanlasses so viel erreicht: Ticket-Vorkaufsrecht für die lokale Bevölkerung etwa, finanzielle Beteiligung der UEFA an den Fan-Zonen, keine Bannmeile für Nicht-UEFA-Sponsoren rund um die Stadien und Fan-Zonen. Aber: «Es ist immer ein Drahtseilakt, ein Spagat zwischen den verschiedenen Bedürfnissen», fügt er hinzu.

Drahtseilakt und Spagat waren auch gefragt, als es um die Bestimmung der Fan- und Public-Viewing-Zonen ging: Wo sollen sie sein? Was tut man, damit sich Nicht-Fussball-Fans während der EM in Zürich ebenfalls einigermassen wohl fühlen können? «Natürlich wird die Euro dominant sein, das lässt sich nicht verhindern», sagt Rupf dazu. Doch bei der Planung habe man ganz bewusst nicht beide Seeseiten ins Konzept einbezogen: «Eine Seeseite soll quasi eurofrei bleiben. Wir werden auch nicht die ganze Stadt mit Fahnen und Plakaten zupflastern.»

Die Diskussionen um den Standort der Fan-Zone sind in Zürich, wo sie rund um Bellevue und Utoquai eingerichtet werden soll, momentan heftig, manche Gewerbetreibende aus dem Seefeld sind unzufrieden, weil ihre Zufahrtswege zeitweise gesperrt werden sollen. «Wir haben die Bedürfnisse ernst genommen, sind soweit als möglich auf die Wünsche eingegangen und haben versucht, für alle akzeptable Lösungen zu finden.» Es gebe übrigens auch Gewerbler aus dem Seefeld und vom Bellevue, die sich bei der Stadt melden, weil sie das Konzept hervorragend finden.

 

Deutschland als Vorbild

Hervorragend oder zumindest gut meinte es das Losglück mit der Stadt Zürich: Mit Italien, Rumänien und Frankreich bestreiten drei attraktive Mannschaften ihre Vorrunde im Letzigrund. Und es sind Mannschaften, deren Fans den Sicherheitsbeauftragten nicht riesiges Kopfzerbrechen bereiten. Dennoch ist das Thema «Sicherheit» an der EM in aller Munde. Wie an der WM in Deutschland will man auf die drei D setzen: Dialog, Deeskalation, Durchsetzen. Das gilt bereits im Vorfeld: «Es wird oft übertrieben, als ob im nächsten Sommer eine Horde von Gewaltverbrechern nach Zürich kommen würde», sagt Rupf, und, quasi deeskalierend: «Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Sicherheitsverantwortlichen es im Griff haben. Wir müssen nicht mit Horrorszenarien rechnen, wie sie von einzelnen Seiten heraufbeschworen werden.» Die Hooligan-Problematik sei viel besser unter Kontrolle als früher. Ausserdem würden Fans der Nationalmannschaften anders funktionieren als Clubfans: «Die Fans, die an der Euro zu uns kommen, wollen in Kombination mit dieser Fussball-EM unser Land, unsere Stadt kennen lernen.»

 

Die Furcht, in Fan-Zonen könne es zu Ausschreitungen kommen, will Rupf auch im Dialog vermindern. «Wir werden permanent zugegen sein und so prophylaktisch wirken. Das ist ein Grund, dass wir das Public-Viewing am Seebecken einrichten: Wir bieten den Fans im Zentrum ein attraktives Angebot, damit wir die Kontrolle über die Menschenmenge haben», erklärt er. Und, das ist dem Fan der Schweizer Nationalmannschaft, der italienischen Nationalmannschaft und des FC Zürich sehr wichtig: «Fussballfans sind ja im Allgemeinen nicht per se gewaltbereit.»

 

Ob Rupf die italienische Mannschaft im Letzigrund spielen sehen wird, ist noch nicht sicher: «Ich hoffe schon, dass ich ein Spiel im Letzigrund erleben kann, aber mein Job ist nicht primär im Stadion.» Genauso wenig steht fest, was Rupf nach dem Sommer 2008 tun wird. Sicher ist, dass er wieder Fussball spielen wird. Wie in den letzten elf Jahren, als Mittelfeldspieler in der Mannschaft «BSC Tram 5» in der Alternativen Fussballliga von Zürich: «Ich spiele mit Freunden in der so genannten Ehrenliga, wir sind momentan wirklich gut und sogar Meister geworden.»
 

Nr. 1/2 | 28. Januar 2008