Context. 15/07 10. August 2007

Generation Kredit

Rund ein Drittel der jungen Erwachsenen hat Schulden. Das ist zwar nicht mehr als in der Generation zuvor, doch verschulden sich Jugendliche heute früher und mit höheren Beträgen.

Text: Therese Jäggi


«Wenn ich in einer Schulklasse bin und frage, wer einem Kollegen oder einer Kollegin Geld gepumpt hat, dann streckt regelmässig die Hälfte der Schüler auf», sagt Peter Schneeberger. Der Stellenleiter der Beratungsstelle für Schuldenfragen in Chur ist eigentlich zuständig für die Beratung von Erwachsenen mit Geldproblemen, steht aber auch für Workshops in Schulen der Oberstufe und im 10. Schuljahr zur Verfügung. Schneeberger hat langjährige Erfahrung in der Beratung. Seiner Meinung nach verschulden sich heutige Jugendliche nicht häufiger als früher, doch sind die geliehenen Beträge höher und sie erhöhen sich in immer kürzerer Zeit. «Das hängt mit den veränderten Verhaltensweisen und Konsumgewohnheiten zusammen», so Schneeberger. «Heutige Jugend-liche gehen beispielsweise jeden Abend in den Ausgang, nicht so wie früher nur am Wochenende.»
Ihr Geld geben die Jugendlichen laut Schneeberger je nach Geschlecht für unterschiedliche Konsumgüter aus. Frauen für Kosmetik und Schuhe, Männer für Unterhaltungselektronik. Diese verschulden sich denn tendenziell auch höher als junge Frauen. Etwa gleich viel Geld wenden beide Geschlechter für den Ausgang und für Markenkleider auf. Bei seiner Arbeit mit Schüler/innen fällt dem Schuldenberater auf, dass diese oft nur sehr vage Vorstellungen haben, was die Güter des täglichen Lebens kosten. Sie seien mehrheitlich überfordert, die Kosten für einen Warenkorb für eine vierköpfige Familie zu berechnen. Auch stellt Schneeberger fest, dass viele Jugend-liche Ansprüche stellten, die in keinem Verhältnis zu ihrer oder der finanziellen Situation ihrer Eltern stünden.
 
Unendliche Geschichte
Als klassische Schuldenfalle für junge Erwachsene beschreibt Schneeberger folgende Situation: Ein junges Paar gewöhnt sich daran, dank zwei Einkommen mit vollen Händen Geld auszugeben und übernimmt sich beim Einrichten der gemeinsamen Wohnung. Mit dem ersten Kind fällt der Verdienst der Frau aus und plötzlich reicht es weder für das Abzahlen der geleasten Konsumgüter noch für den täglichen Bedarf. «Daraus wird häufig eine unendliche Schuldengeschichte.»
Für Peter Schneeberger ist klar: Der Umgang mit Geld muss an der Schule thema-tisiert werden, und zwar gründlicher als es mit einem halb- oder ganztägigen Workshop möglich ist. Da ein Arbeitsinstrument für den Unterricht bisher fehlte, haben nun die beiden Schuldenberatungsstellen Aarau und Chur zusammen einen Themenkoffer entwickelt. Die Materialien wurden so ausgewählt, dass sie in den verschiedensten Fächern eingesetzt und diskutiert werden können.
Rund ein Drittel der jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 24 Jahren hat Schulden. Dies ergab eine im Juni 2007 veröffentlichte Studie, die im Auftrag des Bundesamtes für Justiz bei 500 Personen in der Deutschschweiz durchgeführt wurde. Damit liegen zum ersten Mal repräsentative Zahlen zur Verschuldung und zum Umgang mit Geld in dieser Altersklasse vor. Die Ergebnisse zeigen, dass die «informelle» Verschul-dung weit verbreitet ist. Knapp die Hälfte der Verschuldeten leihen sich bei ihren Eltern, weitere 30 Prozent bei Freunden, Geschwistern oder ihrem Partner Geld aus. Die Übrigen stehen bei mehreren Gläubigern in der Kreide; ausschliesslich bei Banken verschuldet ist nur eine verschwindend kleine Minderheit. Häufig handelt es sich um Beträge von einigen hundert Franken. Die mittlere Verschuldung, bei der Ausreisser nach oben und unten unberücksichtigt bleiben, liegt bei knapp 300 Franken. Zehn Prozent der Befragten sind mit mehr als 2000 Franken verschuldet. Setzt man den geschuldeten Geldbetrag in Re-lation zum Monatseinkommen, hat rund jede/r Siebte mehr Gesamtschulden als monatliche Einnahmen.
 
Risikogruppen
Dass so ein Ausreisser nach oben in einzelnen Fällen schnell auch mal mehrere zehntausend Franken bedeuten kann, weiss Reno Sami von Plusminus, der Budget- und Schuldenberatung Basel. Seiner Erfahrung nach gibt es bestimmte Gruppen von Jugendlichen, die besonders gefährdet sind. «Junge Erwachsene verschulden sich auffällig häufig, wenn sie in eine Krise geraten, wenn sie gesundheitliche Probleme haben oder ganz allgemein wenn sie aus einem benachteiligten Milieu stammen.» Zur Verschuldung trägt seiner Meinung nach auch ein veränderter Umgang mit Geld bei. «Die Gesellschaft hat sich von einer Cash Society zu einer Credit Society gewandelt.» Will heissen: Früher war es üblich, dass man kaufte, was man bezahlen konnte, während man heute viel häufiger über seinen Verhältnissen lebt.
Reno Sami ist seit fünf Jahren in der Schuldenprävention tätig. Er ist Initiant der Website maxmoney.ch, die vielfältige Lern- und Arbeitshilfen zum Thema Jugend und Geld bietet. Die meisten Tools, das ist Sani wichtig, wurden in Zusammenarbeit mit Jugendlichen entwickelt. So kann man beispielsweise mit einer Powerpoint-Präsentation nachvollziehen, wie «Ferdinand» in zweieinhalb Jahren 80 000 Franken Schulden machte, und das obwohl nichts Spektakuläres passierte, er weder arbeitslos noch krank wurde: «Es läpperte sich einfach so zusammen.»
 
Konsum als Kompensation
Laut «Du bist was du hast!», einer Orientierungshilfe für den Oberstufenunterricht, sind eine Kombination von verschiedenen Faktoren für eine Verschuldung verantwortlich: Unerfahrenheit, Gruppendruck, Verlockungen der Werbung oder unaufschiebbar scheinende Wünsche. Kommen zu den altersbedingten Verunsicherungen noch belastende Lebensumstände oder Krisen hinzu, steigt das Risiko, dass Jugendliche ihren Konsum nicht mehr kontrollieren können. «Besonders Selbstwertprobleme können zu demonstrativem oder kompensatorischem Konsumverhalten führen.» 
Jugendliche, die kompensatorisch konsumieren, versuchen Defizite auszugleichen, die im Zusammenhang mit anderen Problemen entstanden sind. «Konsum hat dann beispielsweise die Funktion, über Stress, Frustrationen oder das Gefühl, nicht akzeptiert zu sein, hinwegzuhelfen.» Kauf-süchtig sind Jugendliche dann, wenn ihr Kaufverhalten die typischen Merkmale einer Sucht zeigt, beispielsweise Kontrollverlust, Wiederholungszwang, Steigerung. Weibliche Jugendliche neigen laut «Du bist was du hast!» häufiger zu diesen Konsummustern als männliche.
 
Kaufkräftige Jugend
«Die Jugendlichen zwischen zwölf und achtzehn Jahren verfügen in der Schweiz über eine Milliarde Franken», sagt Susanne Johannsen, Leiterin der Fachstelle für Schuldenfragen im Kanton Zürich. «Das ist sicher einer der Gründe, warum sie von der Wirtschaft intensiv beworben werden.» Warum sich Jugendliche höher verschulden als früher, sieht sie auch in der Tatsache, dass sie heute bereits mit 18 Jahren volljährig und damit vertragsfähig sind. «Doch leider hat sich mit der vorverlegten Volljährigkeit nicht automatisch auch die Vernunft diesem neuen Zeithorizont angepasst.»
 Seit November des letzten Jahres bietet auch UBS ein Lehrmittel für die Oberstufe an. «Viele Jugendliche sind den Umgang mit Geld noch nicht gewohnt», sagt Stephan Zinner, Leiter des Nachwuchsprogramms bei UBS. Hier setzt das Lehrmittel an. Es hat den Anspruch, die Jugendlichen auf spielerische Art und Weise für einen vernünftigen Umgang mit Geld zu sensibilisieren. Laut Zinner richtet sich das Lehrmittel an Lehrer/innen der Oberstufe und kann in den verschiedensten Unterrichtsfächern wie zum Beispiel Lebenskunde, Mathematik oder Mensch/Umwelt eingesetzt werden. Ist das nicht etwas widersprüchlich, wenn eine Bank vor Schulden warnt? «Nein, schliesslich hat die Bank selber auch ein Interesse an finanziell gesunden Kunden.»
 
Websites und Materialien
- http://www.maxmoney.ch/  Lern- und Arbeitshilfen zum Thema Jugend und Geld.
- http://www.budgetberatung.ch/  > Lehrlinge Blätter zur Budgetplanung für Lernende.
- Themenkoffer Schulden Hg. von der Beratungsstelle für Schuldenfragen Graubünden (BSG) und der Fachstelle für Schuldenfragen Aargau (fsa). Der Themenkoffer enthält Unterrichtslektionen, Tipps für Lehrkräfte, eine DVD zum Thema Schulden, Budgetempfehlungen. Bezug: pro-vision, Alexanderstrasse 2, 7000 Chur,  tnvision@bluewin.ch, CHF 100.-
- «Schoolbox» von UBS Lehrmittel zum Umgang mit Geld. In jeder UBS-Geschäftsstelle erhältlich, für Lehrpersonen der Oberstufe gratis.
- «Verschuldung junger Erwachsener - Zusammenfassung wichtiger Ergebnisse.» Auswertung der Internet-Befragung von 500 Personen im Alter von 18 bis 24 Jahren. Hg. von Elisa Streuli, Juni 2007 (http://www.ejpd.admin.ch/ >Dokumentation>Bericht).
- «Du bist was du hast! Geld, Konsum und Schulden Jugendlicher.» Hg. von der Fachhochschule Nordwestschweiz. www.fhnw.ch/ph/iwb/beratung/gesundheit > Publikationen.