Context. 16/07 24. August 2007

Sie sind ihre eigenen Chefs

Immer mehr Lehrlinge arbeiten selbstständig, betreiben eigene Läden, führen Bahnstationen oder leiten kleine Abteilungen. «Context» hat sich drei Projekte näher angeschaut.

Text: Yvonne Leibundgut, Ingo Boltshauser


In vielen Betrieben ist es so: Die Lehrlinge führen die Arbeiten aus, die ihnen aufgetragen werden, je nach Lehrbetrieb werden sie mehr oder weniger gut dabei begleitet. In den Lehrlingsläden oder Junior Stations läuft es gerade umgekehrt: Die Lernenden bestimmen, wie die Arbeit gemacht wird und die Firmenziele erreicht werden können. Die ausgelernten Fachkräfte begleiten die Lernenden nur, um diese im Notfall zu unterstützen. «Wir bilden sogenannte Lebensunternehmer aus. Leute, die wissen, was es braucht, damit ein Unternehmen funktioniert. Ausserdem schaffen wir gleichzeitig noch zusätzliche Lehrstellen», sagt Hanspeter Graf, Leiter der Region Deutschschweiz bei login. Der Ausbildungsverbund login ist ein Zusammenschluss verschiedener Betriebe des öffentlichen Verkehrs, wie zum Beispiel der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) oder der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS). Login bietet zahlreiche Projekte an, in denen die Lehrlinge ihre eigenen Chefs sind: Neben Bahnstationen, die von Lernenden betrieben werden, gibt es auch so genannte Junior Business Teams, die innerhalb eines Betriebes in Eigenverantwortung eine Abteilung leiten. Die Erfolge lassen sich sehen. «Jungendliche, die in solchen Projekten gearbeitet haben, sind gesuchte Berufsleute», sagt Graf. Niemand habe nach der Lehre ein Problem, eine Stelle zu finden. Und die Lehrstellen sind bei den jungen Leuten begehrt, wie die zahlreichen Interessenten zeigen.

Ähnliche Erfahrungen macht man im Detailhandel, wie zum Beispiel bei Volg, der einen Lehrlingsladen in Uster betreibt. Die positiven Folgen sind unübersehbar: Die zwischen 17 und 20 Jahre alten Lernenden beweisen Teamgeist und Eigenverantwortung. Volg ist nicht der einzige Detaillist, der ein solches Projekt anbietet: auch Migros, Coop und Loeb haben ähnliche Projekte bereits durchgeführt.
Dass nicht jede Lehrlingsfirma erfolgreich ist, dies hat man bei der Alu Menziken erfahren müssen. Vor zehn Jahren wurde dort das ambitionierte Projekt einer Lehrlingsfirma gestartet, an dem auch kaufmännische Berufslernende beteiligt waren. Inzwischen ist davon nicht mehr viel übrig. Da externe Aufträge ausblieben, verkam das Experiment zur Übungsfirma.

Trotzdem ist Hanspeter Graf von login überzeugt, dass man in vielen Firmen einzelne Abteilungen so organisieren kann, dass die Jugendlichen selbstständig arbeiten können. «Es ist der richtige Ansatz,
um kompetente Fachkräfte auszubilden, die sich engagieren und selbstständig
arbeiten.»

 

Volg

Lernende unter sich

 

Eigentlich würde Andy Frei heute nicht arbeiten, doch als Filialleiter erachtet er es als seine Pflicht, für den Medientermin auch an seinem freien Tag zu erscheinen. Jetzt steht er, die Sonnenbrille lässig nach oben geschoben, vor dem Gewürzregal in der Volg-Filiale Krämerackerstrasse in Uster und erzählt, was ihn an seiner Tätigkeit besonders fasziniert: «Als Filialleiter ist man dafür verantwortlich, dass der Betrieb reibungslos funktioniert. Das ist eine grosse Verantwortung, aber mir gefällt das.» Ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit ist die Führung des neunköpfigen Teams, doch Probleme seien damit eigentlich nie verbunden: «Wir arbeiten sehr gut zusammen und helfen uns gegenseitig, so gut wir können.»
Das Besondere an Frei ist, dass er erst zwanzig Jahre alt und im dritten Lehrjahr ist. Erst vor kurzem hat er sein Diplom für die bestandene Lehrabschlussprüfung als Detailhandelsfachmann in Empfang nehmen können. Filialleiter war er während der letzten vier Monate seiner Lehre.
In Uster lancierte Volg im August 2006 einen so genannten Lehrlingsladen - den ersten dieser Art in der Schweiz. Neun Lernende, jeweils drei in jedem Lehrjahr, betreiben diese Filiale weit gehend alleine, die Lernenden im dritten Lehrjahr wech­-seln sich dabei in der Filialleitung ab.
Anders als bei anderen Lehrlingsfirmen ist die Zeit im Lehrlingsladen für die Lernenden nicht nur eine Station im Turnus durch verschiedene Abteilungen, sondern sie können ihre gesamte Lehrzeit hier absolvieren.
Da das Projekt erst seit einem Jahr läuft, hat Andy Frei den direkten Vergleich zwischen der Lehre in einem herkömmlichen Laden und im Lehrlingsladen. «Hier konnte ich viel mehr profitieren, vor allem auf der menschlichen Ebene», sagt er.
Die einzigen Erwachsenen im Laden
sind Charlotte Fuhrer und ihre Stellver­treterin. Doch als Chefin versteht sich Fuhrer nicht: «Der Laden wird von den Lehrlingen geführt. Meine Funktion ist es, ihnen mit Rat zur Seite zu stehen, wenn sie bei einem Problem nicht weiterwissen.» Charlotte Fuhrer arbeitet bereits seit 15 Jahren bei Volg; zuerst als Verkäuferin, dann als Filialleiterin, schliess­lich als regionale Verkaufsleiterin. Als sie das Angebot er­-
hielt, den Lehrlingsladen zu coachen, hat sie sofort zugesagt. Für sie ist der Lehr­lingsladen ein durch und durch geglücktes Experiment, und sie hofft, dass es nicht bei dem einen bleiben wird. «Unsere
Lernenden müssen von Anfang an Ver­antwortung übernehmen, und sie tun dies gern und mit grossem Erfolg», zieht sie ihr Fazit.

Der Lehrlingsladen steht direkt gegenüber der Berufsschule Uster. Von dort kommt auch ein grosser Teil der Kundschaft, vor allem während der grossen Pausen und über Mittag. Für diese Schüler/innen werden täglich frische Menüs und Salate zubereitet und über die Gasse verkauft. Jetzt ist es eins, und der Ansturm der Mittagsgäste hat spürbar nachgelassen. Belkisa Beganovic, Lernende an der Schwelle zum zweiten Lehrjahr, ist dabei, die Stehtischchen vor der Filiale zu reinigen. «Es ist natürlich schön, dass wir hier so viele junge Kunden haben», sagt sie. Aber auch das Verhältnis zu den Quartierbewohnern, die regelmässig hier einkaufen, sei sehr gut. «Ich glaube, die meisten freuen sich, dass sie hier von Jungen bedient werden.»
Auch die Stimmung unter den Lernenden sei sehr gut. «Wenn wir einmal Meinungsverschiedenheiten haben, dann werden diese sachlich und fair ausdiskutiert.»
Meistens aber unterstütze man sich gegenseitig, und dass ihre jeweiligen Vorgesetzten unter Umständen nur wenige Monate älter sind als sie selbst, stört sie ebenfalls nicht: «Warum auch? Wir haben ja alle das gleiche Ziel, nämlich dass der Laden so gut wie möglich läuft.» In der Berufsschule oder bei überbetrieblichen Kursen spricht sie manchmal mit anderen Lernenden über deren Erfahrungen am Arbeitsplatz. Sie ist überzeugt: «Wir hier haben es mit Abstand am besten.»

 

Alu Menziken

An Grenzen gestossen
 
Vor zehn Jahren leistete die Alu Menziken mit der Gründung des Ausbildungszentrums Wynental (AZW) Pionierarbeit. Das AZW war mehr als bloss eine Lernwerkstätte für angehende Polymechaniker/innen und Mechapraktiker/innen, es wurde als eigentliche Lehrlingsfirma konzipiert. Die technischen Lernenden sollten hier unter Anleitung von Lehrmeistern an echten Aufträgen ihre Fähigkeiten schulen, und die kaufmännischen Lernenden des ersten Lehrjahres waren - ebenfalls unter Leitung einer Lehrmeisterin - mit sämtlichen kaufmännischen Tätigkeiten rund um die Produktion betraut.
Das AZW ist heute wieder eine Lernwerkstatt. Nach wie vor machen sich hier die Lernenden in den technischen Berufen mit den CNC-Maschinen vertraut und fertigen anspruchsvolle Einzelstücke sowie Serien, die von anderen Betriebseinheiten und externen Kunden bestellt werden. Doch die kaufmännischen Aktivitäten wurden schon vor sieben Jahren massiv zurückgefahren. «Es hat sich gezeigt, dass für die kaufmännischen Lernenden zu wenig Arbeit anfiel», sagt Jochen Roth, Berufsbildner für die angehenden Kaufleute. Da heute die meisten Aufträge von internen Stellen an die Lernwerkstatt vergeben werden, kommt die Ursprungsidee, hier eine eigentliche Firma in der Firma aufzubauen, nicht richtig
zum Tragen. Roth weist in eine Ecke des Büros, wo sich die Ordner stapeln. Darin sind Rechnungen, Briefe und Offerten abgeheftet, die zu Übungszwecken aufwändig mit Word und Excel verfasst wurden. «Das war nicht unbedingt motivierend für unsere Berufslernenden, Unmut und Motivationslosigkeit machten sich breit», sagt Roth.
Heute rotieren die Berufslernenden bei der Alu Menziken wieder wie in den meisten Betrieben durch die verschiedenen Abteilun­gen. Für Fabian Zimmermann ist das auch richtig so. Er hat eben erst die Lehre abgeschlossen und holt nun die Berufsmatura nach, um anschliessend Wirtschaft zu studieren. Für ihn war das Faszinierende an der Lehre vor allem, «den Puls der Wirtschaft zu spüren. Und dieser ist im Betrieb vermutlich viel intensiver als in einer Lehrlingsfirma».
Die Lernwerkstatt nimmt aber in der kaufmännischen Ausbildung nach wie vor eine wichtige Rolle ein. Hier werden nicht nur sämtliche Eignungstests, die überbetrieblichen Kurse, viele regelmässige Veranstaltungen und Workshops für die Berufslernenden durchgeführt, die Lernwerkstatt ist auch in den ersten drei Monaten deren Arbeitsplatz für die Grundausbildung. Allerdings ist man vom Konzept der Übungsfirma abgerückt. Die Berufslernenden erarbeiten sich heute aber nach wie vor mit auf sie zugeschnittenen realitätsnahen Methoden ihr Wissen, welches im Direktkontakt mit Kunden und Mitarbeitern praxisorientiert angewendet und geübt wird.
Während eines halben Jahres arbeitet jeweils noch ein/e KV-Berufslernende/r in der Administration der Lernwerkstatt. Ein Bestandteil der Arbeit ist nach wie vor die Auftragsabwicklung für die 25 technischen Berufslernenden, doch das macht eher den kleineren Teil aus. Hauptsächlich sind Eignungstests und Weiterbildungsveranstaltungen zu organisieren. Allein auf diesen Sommer hin bewarben sich gegen 200 Jugendliche für eine Lehrstelle bei der Alu Menziken, gut die Hälfte davon wurde zum Eignungstest eingeladen.
Im vergangenen halben Jahr arbeitete Simone Bietenholz an der Seite von Roth. Die Lernende, die diesen Sommer ins dritte Lehrjahr wechselte, fand es «spannend und lehrreich», so intensiv in die Lehrlingsselektion einbezogen zu werden. Allerdings war der Rollenwechsel am Anfang eher ungewohnt. «Meistens sind es ja ungefähr Gleichaltrige, die sich für eine Lehrstelle bewerben, und für diese bin ich plötzlich nicht mehr Kollegin, sondern Respektperson», sagt die Siebzehnjährige. Daran, dass sie während der Tests von vielen gesiezt wurde, hat sie sich gewöhnt. Richtig irritierend sei aber, dass einige sie heute noch auf der Strasse mit «Frau Bietenholz» ansprechen. «Da fühlt man sich plötzlich richtig alt.»
 

SBB

Eine eigene Bahnstation
 
Wer von Zürich kommend im sankt-gallischen Bahnhof Gossau umsteigt, um ins Appenzellerland zu fahren, wird nichts merken. Kaum etwas wahrnehmen wird auch jemand, der an einem der beiden Schalter eine Fahrkarte löst, Geld wechselt oder im Reisebüro Informationen einholt. Und trotzdem ist an der Bahnstation in Gossau vieles anders: Neun KV-Lernende betreiben die Station selber. Sie sind verantwortlich für den Verkauf, die Wechselstube und teilweise auch für das Reisebüro. Sie machen die Buchhaltung selber, definieren Verkaufsziele und hecken Werbeaktionen aus. Im Hintergrund werden sie von sieben ausgelernten Fachleuten unterstützt. Diese greifen jedoch nur ein, wenn die Lernenden nicht mehr weiterwissen und deshalb um Rat fragen.
«Der Startschuss für die Junior Station ist vor zwei Jahren gefallen», sagt Barbara Hächler, eine der beiden Geschäftsleiterinnen der Bahnstation. Das Konzept: Jede Gruppe Lernender organisiert selber, wie die Arbeiten aufgeteilt werden und wie die gesteckten Ziele erreicht werden sollen.
Von den Lernenden der Junior Station wird verlangt, die Arbeit so zu leisten, dass die Bahnreisenden denselben Service erhalten wie auf anderen Stationen. Diese Forderung drückt sich auch in Zahlen aus: Der Umsatz, den die Bahnstation in Gossau erbringen muss, ist gleich gross wie in einer vergleichbaren Bahnstation mit ausgelernten Fachkräften. Nach einem halben Jahr wechselt die Gruppe wieder und es kommen neue Lernende, die die Station übernehmen.
«Bisher haben wir die gesteckten Ziele immer erreicht», sagt Barbara Hächler, obwohl jede Lehrlingsgruppe die Aufgaben anders angeht. Hächler führt diese Erfolgsbilanz auch darauf zurück, dass die Lernenden sehr motiviert sind und den Ehrgeiz haben, «ihre Bahnstation» gut zu betreiben. Erreicht worden sind bisher neben den finanziellen Vorgaben auch die ausbildnerischen Ziele: KV-Lehrlinge, die auf einer Junior Station gearbeitet haben, gehören in der Regel zu den Besten ihres Jahrgangs.
Gossau ist eine von mehreren Junior Stations in der Schweiz, weitere gibt es unter anderem in Schlieren, Morges oder Oberwinterthur. Möglich ist diese Ausbildungsform dank einem Zusammenschluss der öffentlichen Verkehrsbetriebe zum Lehrstellenverbund login (siehe dazu Haupttext). Ziel ist es, die Jungen zu «selbstständigen Lebensunternehmern» auszubilden, sagt Hächler.  Was das heisst, bestimmen die Jugendlichen selber. Marina Lutz, die im dritten Lehrjahr für die Buchhaltung der Bahnstation Gossau zuständig ist, spricht in diesem Zusammenhang von «Selbstständigkeit» und «Verantwortung», die die Jugendlichen hier gemeinsam wahrnehmen. «Wenn etwas nicht klappt, versuchen wir das zu verbessern», sagt sie. So haben die Lernenden zum Beispiel vor kurzem eine interne Weiterbildung durchgeführt, da zwei Kund/-innen reklamierten, weil die angeforderten Auslandverbindungen falsch waren.
Die Lernenden im dritten Lehrjahr seien ein wenig die «Chefs», sagen Désirée Ullmann, die im zweiten Lehrjahr ist, und Sabrina Graf, die im ersten Lehrjahr steckt. Das heisst nicht, dass diese das Sagen haben, «aber sie können einfach mehr und deshalb holen wir bei ihnen auch Rat, wenn wir nicht mehr weiter wissen». Die drei jungen Frauen betonen, wie wichtig die Zusammen­arbeit sei und die gegenseitige Hilfe. «Denn wir wollen es selber schaffen, ohne dass die Coaches uns helfen müssen», sagt Marina Lutz. «Wir lernen hier, uns selber einzuschätzen, unsere Stärken und Schwächen kennenzulernen», sagt Désirée Ullmann. Eine Chefin oder einen Chef für die Bahnstation gibt es nicht. Dafür gibt es Tagesverantwortliche, die aufgrund von Checklisten überprüfen, ob alle Arbeiten erledigt werden.

Erstausbildung
KV-Lehre, Laufbahn
Zolldeklarant,Leiter Durchgangsheim für Asylbewerbende,Verantwortlicher Finanzen, Vertreter, Butler, Agenturleiter, Geschäftsführer