Context 15/07 10. August 2007

Praktikum

Ein Praktikum als Berufseinstieg: Was für einige Hochschulabsolventen richtig sein mag, ist für KV-Lehrabgänger/innen nur selten angezeigt.

Text: Lukas Kistler

 

Was in Deutschland als «Generation Praktikum» gilt, nennt man in Italien die «Generazione Mille Euro»: Junge Berufsleute, die keine Stelle finden und sich von Praktikum zu Praktikum hangeln oder mit schlecht entlöhnten Jobs über Wasser halten. Eine Anfang dieses Jahres erschienene Studie (siehe Kasten Weiterlesen) verschafft einem erstmals einen Eindruck, wie viele Hochschulabsolventen in Deutschland mit einem Praktikum vorlieb nehmen müssen. Die Absolventenjahrgänge von 2000 und von 2002/03 zweier Universitäten gaben dreieinhalb Jahre nach Abschluss über ihre Arbeitssituation Auskunft: Der Anteil derjenigen, die in einem Praktikum stecken, stieg deutlich von 25 auf 41 Prozent.

Ob dieser Trend von den Nachbarländern in die Schweiz schwappt, ist noch unklar. Mehr weiss man erst Ende August dieses Jahres, wenn das Bundesamt für Statistik seine Studie präsentieren wird: Die jährliche Befragung der Hochschulabsolventen wird zurzeit auf die Frage hin untersucht, wie viele Abgänger/innen ein Prak-tikum absolvieren. Eine Zahl immerhin ist bekannt: Knapp 17 Prozent der Universitätsabsolventen des Jahrgangs 2005 haben nach Abschluss ein Praktikum absolviert. Dafür, dass dieser Anteil wächst, gibt es Indizien: Die Berner Zeitung (BZ) recherchierte, dass der Bund 1996 42 Praktikanten beschäftigte, im Jahr 2005 aber bereits 561. Diesen starken Anstieg führt der Bildungs-ökonom Stefan C. Wolter laut BZ auf die Sparmassnahmen des Bundes zurück.

 

Nach Lehrabschluss ins Praktikum

Mag ein Praktikum für Hochschulabgänge-r/innen teilweise sinnvoll erscheinen, etwa um berufliche Praxis zu erwerben, so fällt zumindest dieser Grund bei Absolventen einer Berufslehre eindeutig weg. Die vom KV Schweiz durchgeführte letztjährige Befragung von Abgänger/innen der kaufmännischen Lehre in der deutschen Schweiz ergab allerdings, dass drei Monate nach Lehrabschluss vier Prozent als Praktikanten arbeiteten. Da erstmals nach dem Prak-tikantenstatus gefragt wurde, kann weder mit den Vorjahren verglichen noch können Trends abgeleitet werden. Wie dem auch sei: Es müssen schon sehr triftige Gründe sein, um den drei Jahren Berufslehre, die Lernende hauptsächlich im Betrieb absolvieren, noch ein Praktikum anzuhängen.

Eines ist klar: Das Praktikum hat seinen festen Platz in der Berufsbildung, nämlich als praktische Ergänzung einer rein schulischen Ausbildung. In der Berufsbildungsverordnung, Artikel 6.d, heisst es: Das Praktikum ist «eine Bildung in beruflicher Praxis, die in eine schulisch organisierte Grundbildung [beispielsweise Handelsmittelschulen, Anm. Red.] integriert ist und ausserhalb der Schule absolviert wird.» Ralf Margreiter, Ressortleiter Jugend des KV Schweiz, hält denn auch fest, dass Praktika nach der Handelsmittelschule oder privaten Handelsschulen sinnvoll sind, weil sie dann ihrem Charakter als Ausbildungsgefäss entsprechen. Hinter Praktika nach einer abgeschlossenen Berufslehre setzt Ralf Margreiter indes ein grosses Fragezeichen: «Wer aus der neuen kaufmännischen Lehre kommt, ist up to date und bereit für den Berufseinstieg.» Keine Regel ohne Ausnahme: «Für diejenigen, die das kaufmännische Berufsfeld verlassen und sich in einem neuen Feld etablieren wollen, kann ein Praktikum berechtigt sein», sagt der Jugendressortleiter.

 

Sprung in neuen Beruf

Gerade dies trifft auf die 19-jährige Prak-tikantin zu, die während eines Jahres in der Werbeagentur Sulzer, Sutter in Zürich ar-beitet. Nach der Detailhandelslehre in einer Bäckerei hat sie ein Praktikum in London absolviert. Die Praktikantin habe Bewerber/innen von Handelsschulen ausgestochen, sagt Manuela Gualeni, Account Director und Geschäftsleitungsmitglied. Es gebe einen internen Ausbildungsplan und für die Betreuung sei jemand fix verantwortlich. Sie assistiere in der Beratung von Werbekunden. Für das Hundert-Prozent-Pensum bezahlt die Werbeagentur je nach Erfahrung und Alter zwischen 1500 und 2000 Franken. Man halte sich dabei an ­Empfehlungen des Branchenverbands, sagt ­Manuela Gualeni. Sulzer, Sutter schreibt regelmässig eine Praktikantenstelle aus - weshalb eigentlich? «Wir sind interessiert an gut ausgebildeten Mitarbeitern in unserer Branche und bieten deshalb Praktikanten die Chance, in die Werbung einzusteigen.»

Mit grösserer Kelle richtet der Informatikdienstleister Freestar an: Im letzten April wurden zehn Praktikanten angestellt, weitere zehn werden für September gesucht. «Wir wollen KV-Absolventen oder Leute mit gleichwertiger Ausbildung», sagt Roger Rindlisbacher, Mitinhaber der Freestar Gruppe. «Ich will Leute, die motiviert sind», antwortet er auf die Frage, weshalb er stattdessen nicht Informatiklehrabgänger/innen einstelle. Während des 18-monatigen Praktikums erwerben die Praktikanten nach vier Monaten das Zertifikat als Microsoft Certified Desktop Technician und nach zwölf Monaten dasjenige als Microsoft Certified Systems Administrator. Danach entscheiden sie sich für eine der drei Möglichkeiten: den Junior Projektleiter, den Junior Programmierer oder den Microsoft Certified IT Professional.

Nebst den Schulungskursen am Zentrum für Informatik und einer Ausbildung in sozialen Kompetenzen werden die Prak-tikanten in Kundenprojekten eingesetzt. Betreut werden sie zu dritt. Zum Grundlohn von 700 Franken kommen leistungsabhängige Lohnbestandteile, so dass im Durchschnitt ein Bruttogehalt von rund 1200 Franken resultiert. Die Kosten pro Prak-tikant veranschlagt Roger Rindlisbacher indes auf 2500 bis 3000 Franken. «Unsere Praktikanten haben nach eineinhalb Jahren einen Job fast auf Garantie», ist er überzeugt. Alle Beteiligten würden profitieren: Die Praktikanten schafften den Quereinstieg in die Informatik, Freestar halte die Personalkosten tief und die Kunden bekämen flexibel einsetzbare Mitarbeitende. Eine Informatik-Lehrstelle fällt für den Freestar-Chef ausser Betracht, da die Anforderungen an den Lehrplan nicht erfüllt werden könnten.

 

Keine Berufserfahrung?

Auch die Handelsfirma Toptem in Uzwil bietet Praktikumstellen an und hat schon kaufmännische Lehrabgänger/innen als Praktikanten beschäftigt. Das Praktikum dauert drei bis zwölf Monate, das Gehalt variiert zwischen 700 und 1600 Franken, je nach beruflicher Qualifikation. «KV-Abgänger kennen ihren Lehrbetrieb, haben aber keinerlei Erfahrung in anderen Branchen», sagt Christine Greuter, die für das Coaching der Praktikanten verantwortlich ist. Trotz der abgeschlossenen Ausbildung sei es aufwändig, Praktikanten einzuarbeiten. Nur jemandem, der Berufserfahrung mitbringe und selbstständig arbeite, sei Toptem bereit, ein Monatsgehalt von 3500 Franken zu bezahlen. Den Vorteil für Praktikanten sieht Christine Greuter darin, dass diese berufliche Erfahrung sammeln und danach ausweisen können. Die bisherigen Praktikanten konnten nach Ablauf des Praktikums nicht übernommen worden: Einer musste ins Militär, eine zog aus der Region weg und eine weitere wechselte in den Dolmetscher-beruf.

Gar keinen Geschmack an solchen Angeboten findet Ralf Margreiter. «Jede Neueinstellung bedingt eine Einarbeitung, nicht nur bei Lehrabgängern», sagt der Jugend-ressortleiter des KV Schweiz. Er hält der Meinung, Abgänger/innen hätten mangelnde Branchenkenntnisse, entgegen, dass die KV-Lehre auf dem Allbranchenkonzept beruhe: Die grundlegenden kaufmännischen Tätigkeiten und mehr als die Hälfte der Ausbildungsziele seien unabhängig von der Branche identisch. Jemanden in eine neue Aufgabe oder Branche einarbeiten zu müssen, sei also kein Grund für ein Praktikum. Das wirtschaftliche Risiko werde so auf die Praktikanten abgewälzt. «Das ist Lohndumping.» Für den Fall, dass ein Unternehmen kein volles Gehalt zahlen kann, schlägt Ralf Margreiter vor, Lehrabgänger/innen teilzeitlich einzustellen, damit sich diese in der freien Zeit beispielsweise weiterbilden können.

Der Arbeitsmarkt setzt die Latte höher, gerade für Lehrabgänger/innen. Wie im obigen Beispiel heisst es häufig, es mangle an Berufserfahrung. Für Ralf Margreiter ist das oft ein billiger Vorwand: «Dies enthebt die Unternehmen, einen genaueren Grund anzugeben. Das Problem ist offenbar, dass Lehrabgänger anfangen zu glauben, ihnen fehle tatsächlich Erfahrung.» So gaben gut 40 Prozent der letztjährigen KV-Lehrabgänger/innen, die drei Monate nach Abschluss als Praktikanten arbeiteten, als Motiv an, sie würden so berufliche Erfahrung sammeln. Und über ein Drittel begründete ihren Praktikantenstatus damit, dass sie keinen Job gefunden hätten. «Diese müssen sich fragen: Bringt mich ein Praktikum weiter? Und: Bin ich bereit, zu einem Bruchteil des regulären Lohnes zu arbeiten?», betont Ralf Margreiter. Darüber hinaus sieht er folgende Gefahr: «Falls Praktika gängig werden, droht ein Domino-Effekt: Auch Unternehmen, die bislang regulär Lehrabgänger einstellten, werden versucht sein, Pseudo-Praktika zu schaffen.»

 

Weiterlesen:

-     Antonio Incorvaia, Alessandro Rimassa: Generation 1000 Euro. Goldmann 2007. Der Roman, den die Autoren erst kostenlos ins Netz stellten, handelt von vier jungen Berufstätigen, die sich in Mailand mit 1000 Euro Einkommen Monat für Monat durch­zuschlagen versuchen. Die Handlung beruht auf der Erfahrung der Autoren, die selbst als «Precari» arbeiten.
Im Netz: http://www.generazione1000.com/

-        «Generation Praktikum? Prekäre Beschäftigungsformen von Hochschulabsolventinnen und -absolventen». Februar 2007.
Im Netz: http://www.students-at-work.de/  > Rund ums Praktikum.