Context. 15/07 10. August 2007

Viel Eigeninitiative gefragt

Ein Arbeitsaufenthalt im Ausland kann eine wertvolle Erfahrung sein und macht sich in jedem Lebenslauf gut.

Text: Ingo Boltshauser


«Mindestens ein Viertel aller Jugendlichen erklären, sie würden gerne einmal im Ausland arbeiten», beschreibt Roland Flükiger, Chef der Sektion Aus-wanderung und Stagiaires beim Bundesamt für Migration, seine Erfahrungen mit Vorträgen an Berufsschulen.

Wie viele den Schritt dann tatsächlich wagen, darüber schweigt sich die Statistik allerdings aus. Bekannt ist lediglich, dass sich jährlich etwa 30 000 Personen aus der Schweiz abmelden. Über das Alter der Abreisenden sowie die Abwesenheitsdauer und den Grund dafür ist nichts bekannt. Flükiger vermutet aber, dass viele Junge an den hohen Hürden scheitern, die mit einem Arbeitsaufenthalt im Ausland verbunden sind. «In den meisten Ländern der Welt ist die Arbeitslosigkeit bedeutend höher als in der Schweiz, das macht die Arbeitssuche nicht eben leicht», sagt er. Zwischen den verschiedenen Berufsgruppen gibt es allerdings grosse Unterschiede: Im Gastgewerbe gehört ein Auslandsaufenthalt schon fast zum guten Ton, und in den letzten Jahren hat es sich auch eingebürgert, dass Landwirte für eine Weile im Ausland arbeiten, bevor sie den elterlichen Hof übernehmen. Und da viele Arbeitgeber schon reichhaltige und zumeist positive Erfahrungen mit Schweizer Arbeitskräften sammeln konnten, ist es auch vergleichsweise einfach, in diesen Branchen eine Arbeit zu finden.

Viele junge Erwachsene lassen sich laut Flükiger aber von romantischen Vorstellungen leiten. Sie wollen etwa in der Entwicklungshilfe tätig werden oder ohne entsprechende Grundausbildung auf einer Farm jobben. Solche Wünsche bleiben in der Regel unerfüllt: «In den meisten Berufen werden heute sehr hohe Anforderungen gestellt, und an schlecht qualifizierten Arbeitskräften herrscht nirgends auf der Welt Mangel.» Die mit Abstand grössten Chancen auf eine Stelle im Ausland habe man deshalb im erlernten Beruf.

Weitaus am meisten Junge zieht es in englischsprachige Länder. Am grössten ist das Interesse an Australien, Neuseeland und an Kanada. Die USA, einst Wunschland Nummer eins, haben laut Flükiger an Attraktivität eingebüsst, unter anderem deshalb, weil die Einreisebestimmungen massiv verschärft worden sind. Grossbritannien und Irland stehen auf der Wunschliste zwar nicht zuoberst, doch wegen der Personenfreizügigkeit gibt es bei diesen Ländern keine rechtlichen Hürden zu überwinden. Die Stellensuche an sich, die in erster Linie vom Arbeitsmarkt abhängt, wird dadurch allerdings nicht erleichtert.

Junge Kaufleute haben nach den Erfahrungen des Bundesamtes für Migration recht gute Erfolgsaussichten, wenn sie sich um eine Stelle im Ausland bemühen. Dies vor allem deshalb, weil sie nicht an Branchen gebunden sind, sondern sich in jedem mittleren oder grösseren Betrieb bewerben können. Allerdings ist die Bereitschaft, im Ausland zu arbeiten, bei Absolvent/innen der Kaufmännischen Lehre ziemlich gering. «Viele lassen sich von den vergleichsweise schlechten Verdienstaussichten abschrecken und besuchen lieber bloss einen Sprachkurs», sagt Flükiger. In seinen Augen eine Fehlentscheidung: «Wer im Ausland in seinem Beruf arbeitet, lernt nicht nur eine Fremdsprache, sondern auch das berufsspezifische Vokabular und erhält erst noch Geld dafür.» Ausserdem sei ein Arbeitsaufenthalt im Ausland eine wertvolle Lebenserfahrung, die sich nebenbei bemerkt bei der weiteren Karriereplanung im Lebenslauf sehr gut mache.

«Allerdings», betont Flükiger, «braucht es zur Realisierung eines Auslandsaufenthaltes sehr viel Eigeninitiative. Pfannenfertige Lösungen wie beispielsweise bei Sprachschulen gibt es nicht.»

 

Wie vorgehen bei der Stellensuche?

- Sich auf ein oder maximal zwei Länder konzentrieren. Die Arbeitsmarktsituation ist für diese Entscheidung nicht bedeutsam, denn die ist fast überall auf der Welt schlechter als in der Schweiz. Bei dieser Entscheidung darf man sich ruhig leiten lassen von persönlichen Interessen wie Sprache, Kultur, Geografie oder bevorzugter Klimazone.

- Persönliche Beziehungen nutzen: Verwandte oder Bekannte können einem unter Umständen direkt eine Stelle beschaffen oder aber zumindest wertvolle Ratschläge geben. Laut Roland Flükiger ist dies der erfolgversprechendste Weg. Er empfiehlt deshalb, jeden nur erdenklichen Kontakt zu aktivieren, auch wenn dieser nie besonders intensiv war.

- Den Arbeitgeber um Unterstützung angehen: Dank der zunehmenden internationalen Verflechtung der Wirtschaft verfügen heute auch viele KMU über internationale Geschäftsbeziehungen. Vielleicht ist der Arbeitgeber ja bereit, bei einem Kunden oder Partner eine Empfehlung abzugeben.

- Stellenanzeiger in den Zeitungen und Stellenplattformen im Internet der Wunschländer durchforsten. Ortsansässige Bekannte können unter Umständen Tipps geben, wo die Suche besonders lohnenswert ist.

- Hartnäckig bleiben: Meist erfüllt sich der Wunsch auf eine Stelle im Ausland nicht auf Anhieb.

Weitere Informationen zur Stellensuche und zu den rechtlichen Besonderheiten: http://www.swissemigration.ch/


Welche Länder bieten sich an?

Die Schweiz hat mit rund 30 Staaten so genannte Stagiaires-Abkommen geschlossen, um jungen Berufsleuten die Erweiterung ihrer beruflichen und sprachlichen Kenntnisse im Ausland zu ermöglichen (detaillierte Liste: www.swissemigration.ch). Im Rahmen die- ser Stagiaires-Abkommen werden Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen für maximal 18 Monate erteilt.

Dank der Personenfreizügigkeit benötigen Schweizer/innen in den 15 alten EU-Staaten sowie in Norwegen keine Arbeitsbewilligung mehr. Von den neuen EU-Staaten haben sich Polen, die Slowakei und Tschechien dieser Regelung angeschlossen.

In allen anderen Ländern gelten die nationalen Einwanderungsvorschriften. In der Regel ist es dort sehr schwer, eine Arbeitsbewilligung zu erhalten.

Zur Person
Urs Hofmann, 51, ist Rechtsanwalt und Notar. Der Aarauer ist seit acht Jahren Nationalrat und Präsident der Finanzdelegation und Mitglied der Finanzkommission. Der Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes ist Mitglied des Kaufmännischen Verbandes und präsidiert die parlamentarische Gruppe für Arbeit. Urs Hofamnn ist verheiratet und Vater von drei Kindern.