Context 13–14/ 29. Juni 2007

Keine halben Männer

Teilzeitarbeit ist immer noch vorwiegend Frauen­arbeit. Weshalb Männer nicht weniger arbeiten und nur jeder Hundertste seine Arbeit für Familien- und Hausarbeit reduziert.

Text: Yvonne Leibundgut
 
Immer mehr Arbeitnehmende arbeiten Teilzeit: Gemäss der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) ist die Zahl der Teilzeiterwerbstätigen zwischen 1991 und 2005 um rund einen Drittel auf 1,258 Millionen angestiegen. Teilzeitarbeit ist möglich, heisst es auch bei den meisten Firmen. Sogar auf Kaderstufe ist es erlaubt, weniger als fünf Tage in der Woche präsent zu sein. So zum Beispiel bei Swiss Re. Lediglich vom obersten Kader verlangt das Unternehmen einen hundertprozentigen Einsatz. Überraschend ist hingegen die Zahl derjenigen, die dieses Angebot wahrnehmen: Nur gerade 70 Männer von rund 1100 männlichen Angestellten in Kaderpositionen arbeiten weniger als hundert Prozent. Bei den weiblichen Angestellten in Leitungsfunk­tionen hingegen sieht es anders aus: Jede dritte Frau arbeitet bei Swiss Re Teilzeit. Auch Credit Suisse erlaubt Teilzeitarbeit: Doch auch hier ist die Zahl der Kader-Männer mit reduziertem Pensum klein, nämlich gerade mal vier Prozent.

Teilzeitarbeit ist immer noch vorwiegend Frauenarbeit: Heute sind vier von fünf Teilzeitstellen von Frauen besetzt. Nur gerade zwölf Prozent der Männer arbeiten teilzeitlich. Das ist jeder neunte Mann. Und obwohl zurzeit viel über Life-Work-Balance und eine bessere Vereinbarkeit zwischen Beruf und Privatleben diskutiert wird, weisen die Zahlen in eine andere Richtung: Die klassische Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern ist nach wie vor zementiert. Besonders deutlich zeigt sie sich in den obersten Kaderstufen oder wenn ein Paar Kinder bekommt. So arbeiten zum Beispiel in Banken nur drei Prozent der Männer mit Führungsfunktionen weniger als hundert Prozent und sie reduzieren das Arbeitspensum um maximal 20 Prozent.

Ausserdem: Werden Frauen Mütter, reduzieren sie in der Regel ihr Pensum bei der Erwerbsarbeit. Bei den Männern verhält es sich umgekehrt: Je mehr Kinder, desto weniger Teilzeit. Bei einem Ehepaar ohne Kind arbeiten 16 Prozent der Männer und jede zweite Frau teilzeitlich. Bei einer Familie mit zwei Kindern hingegen arbeiten nur noch sechs Prozent der Männer Teilzeit,dafür jedoch 84 Prozent der Frauen.
 
Die meisten fragen gar nicht
Wenn Männer ihre Arbeit reduzieren, dann weil sie eine Ausbildung machen oder vor der Pensionierung schrittweise aus dem Arbeitsprozess aussteigen wollen, wie eine Untersuchung des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS zeigt. Teil-zeitarbeit hat für Männer vor allem eine Brückenfunktion, kommt die Autorin der Untersuchung zum Schluss. Und von zwei Millionen erwerbstätigen Männern geben nur gerade 26 000 Männer an, dass sie ihre Arbeit aufgrund der Kinder- und Familienarbeit reduziert haben, wie die neuesten Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen. Anders ausgedrückt: Einer von hundert Männern reduziert seine Erwerbsarbeit, um einzukaufen, Kinder zu wickeln und die Wäsche zu waschen.
Daniel Huber, Geschäftsführer der Fachstelle UND, einer Beratungsstelle für die bessere Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit, erklärt sich diese Zahlen so: «Männer haben es schwerer, wenn sie ihr Pensum reduzieren wollen.» Für viele Firmen sei es selbstverständlich, dass für ihre weiblichen Angestellten Teilzeitstellen geschaffen werden. Die Frauen erhalten in ihrem Umfeld auch kaum negative Reaktionen, wenn sie ihre Arbeit reduzieren. Bei Männern ist das anders: Zwar sagt jeder sechste Mann, der voll erwerbstätig ist, er würde gerne das Pensum reduzieren. Doch oftmals bleibt es bei diesem Wunsch und nicht wenige stolpern über ihr traditionelles Männerbild, sagt Huber. Viele Männer fragen den Arbeitgeber erst gar nicht an, ob ein kleineres Pensum möglich sei. Sie haben Angst vor negativen Reaktionen und befürchten, dass sie beruflich später weniger Aufstiegsmöglichkeiten haben. Schwierig sei Teilzeitarbeit vor allem dann, wenn sonst niemand im Betrieb teilzeitlich arbeite, sagt Huber. Zudem: «Männer haben keine Vorbilder, wie solche Teilzeitmodelle gelebt werden können.» Gelangt ein Mann trotzdem mit dem Wunsch nach einem kleineren Pensum an seinen Chef, dann werde das nicht selten als Demotivation interpretiert. Huber macht auch die Erfahrung, dass etliche Männer erst auf Druck ihrer Frauen das Arbeitspensum reduzieren.
 Die Untersuchung FinanzFrau des KV Schweiz (siehe Kasten) zeigt, dass Frauen gegenüber Teilzeitarbeit grundsätzlich positiver eingestellt sind. So befürchten sie weniger negative Konsequenzen und sehen vor allem die Vorteile. «Frauen sind gezwungen, alternative Arbeitsmodelle zu leben», sagt Huber.
Trotz all dieser Erfahrungen ist er überzeugt: «Es geht stetig voran. Immer mehr Männer fordern Teilzeitstellen. Auch Männer in Kaderpositionen.» Dies bestätigen auch Unternehmen. Die Nachfrage nach Teilzeitstellen habe in den letzten Jahren zugenommen, heisst es zum Beispiel bei Credit Suisse.
 
Der klassische Teilzeitchef
Männer mit Führungsfunktionen arbeiten fast dreimal weniger Teilzeit als andere Arbeitnehmer. Diese Zahlen weisen darauf hin, dass Teilzeitarbeit immer noch als Karriere-Bremse verstanden wird, weniger von den Angestellten als vielmehr von den Führungskräften. Die KV-Untersuchung kommt unter anderem zum Schluss: «Vorgesetzte, insbesondere Männer, stehen Teilzeitarbeit negativer gegenüber als unterstellte Mitarbeiter/innen.» Viele Unternehmen wollen Arbeitnehmende, die «voll einsetzbar» sind, erklärt Julia Kuark, Organisationsberaterin. Sie berät Firmen, die auf Kaderstufe Job-Sharing-Stellen einführen. Zwar seien Chefs, die zum Beispiel noch in der Politik tätig sind oder Verwaltungsratsmandate inne haben, auch lediglich teilzeitlich im Betrieb verfügbar und müssen sich durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vertreten lassen. Doch werde das vom Arbeitgeber anders wahrgenommen, als wenn sich zwei Personen eine Kaderstelle teilen, sagt Kuark. Da heisse es dann schnell, das sei zu teuer oder zu aufwändig. Häufig komme auch das Argument, dass Verantwortung nicht geteilt werden könne. Hier gelte es, den Unternehmenden konkret aufzuzeigen, wie eine Aufteilung möglich sei, sagt Kuark. Auch sie glaubt, dass sich in den nächsten Jahren etwas ändern wird. In diesem Zusammenhang setzt sie Hoffnung in die Vorbildfunktion der Volkswirtschaftsministerin. Bundesrätin Doris Leuthard mache mit neuen Arbeitsmodellen vorwärts, sagt Kuark und gehe die Arbeitgebenden direkt an. So präsentierte sie vor einigen Monaten, zusammen mit Vertretern der Arbeitgeberseite, einen KMU-Ratgeber zum Thema Beruf und Familie. Flexible Arbeitsmodelle lassen sich nämlich auch wirtschaftlich rechnen: Eine Untersuchung unter 20 Schweizer Unternehmen, die sich für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzen, zeigt, dass sich der Einsatz auch wirtschaftlich für das Unternehmen lohnt. Der Return oft Investment beträgt acht Prozent.          L
 
Weitere Informationen und Internetadressen
FinanzFrau. Die Situation von Frauen in Banken und Versicherungen. Andrea Leu, Heinz Rütter, Anja Umbach-Daniel. KV Schweiz, 2006. Zu bestellen unter:
angestelltenpolitik@kvschweiz.ch ,
Fax 044 283 45 70
 
http://www.fairplay-at-work.ch/
Zahlreiche Adressen und Tipps für Männer, die ihre Arbeit reduzieren wollen.
 
http://www.und-online.ch/
Die Fachstelle für die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit, mit Beratungsbüros in allen grösseren Städten.
 
http://www.topsharing.ch/
Informationen zu Jobsharing auf Kaderstufe.
 
http://www.familienplattform.ch/
Eine gemeinsame Internetseite der Pro Familia, der Pro Juventute und des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie.