Context 12/07 15. Juni 2007

Definiert durch Anfang und Ende.

Das Kursangebot für Weiterbildungen in Projektmanagement ist riesig, doch fehlt es weit gehend an zertifizierten und international anerkannten Lehrgängen.

Text: Therese Jäggi Context

Beim einen Anbieter kostet ein Kurstag 775 Franken, bei einem zweiten sind drei Tage für 3175 Franken im Angebot und bei einem dritten acht Abende für 720 Franken, ein weiterer bietet 40 Lektionen für 1320 Franken und noch ein anderer 28 Tage für 21 000 Franken. Das sind ein paar willkürlich ausgewählte Beispiele von Kursen in Projektmanagement, die momentan in verschiedenen Städten angeboten werden. Wer sich für eine Weiterbildung in Projektmanagement interessiert, ist konfrontiert mit einem breiten Angebot und müsste eigentlich bereits über entsprechendes Know-how verfügen, um das schwierige Projekt «Finden der passenden Weiterbildung» effizient anzugehen.

 

«Projektmanagement kompakt» lautet der Titel eines zweitägigen Seminars, das vom Schweizerischen Institut für Betriebsökonomie und vom KV Zürich angeboten wird. Konzipiert hat es Markus Näf, Geschäftsleiter der Inventive AG. Der Kurs vermittelt in einem ersten Teil die Grundlagen des Projektmanagements und darauf aufbauend während zwei weiteren Kurstagen die Arbeit mit Beispielen aus der Praxis. Den Lehrgang absolvieren laut Markus Näf Teilnehmende mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Manche kommen im Hinblick auf ein bestimmtes Projekt, viel häufiger aber sei, dass sie bereits bei einem Projekt mitgearbeitet haben und dabei realisierten, dass ihnen das Know-how dazu fehlte.

 

Markus Näf stellt in der Arbeit mit Kursteilnehmern und Kundinnen immer wieder fest, dass Projekte in vielen Firmen völlig dilettantisch angegangen werden, etwa im Stil: «Der Chef kommt und sagt, wir haben irgendwie ein Problem. Versucht es zu lösen.» Das sind seiner Meinung nach denn auch die zwei häufigsten Gründe, warum Projekte scheitern: Ein diffuser Auftrag und eine unklare Zielsetzung. Die Bedeutung von projektbezogener Arbeit hat laut Näf in den letzten Jahren zugenommen, doch das Know-how liege weit hinter der aktuellen Entwicklung zurück, gerade auch auf Management-Stufe. «Die Verantwortlichen im Management sind häufig unfähig, die Rahmenbedingungen für die jeweiligen Projekte zu schaffen und den Projektverantwortlichen und -mitarbeitern den Rücken zu stärken.» Einen weiteren Grund für den geringen Stellenwert von Projektmanagement in den Unternehmen sieht Markus Näf darin, dass ein entsprechendes Know-how in der Grundschule und in der Lehre praktisch nicht vermittelt wird.

Zunehmende Bedeutung
Auch Lorenz Bützberger, Studiengangsleiter Projektmanagement an der KV Zürich Business School, bestätigt, dass Projektmanagement als Arbeitsmethode in den letzten Jahren wichtiger geworden ist. Er führt dies auf verschiedene Gründe zurück. «Mit der Globalisierung haben sich die Strukturen und die Arbeitsweise in den Unternehmen stark verändert.» Die Teams setzen sich aus internen und externen Fachleuten wie aus Angehörigen verschiedener Kulturen zusammen, welche meistens unter hohem Zeitdruck komplexe Aufgaben lösen. Heute müssten Projekte in einem Bruchteil der Zeit, wie es noch vor wenigen Jahren üblich war, abgeschlossen werden.

 

Auf Initiative von Lorenz Bützberger wird Projektmanagement an der Zürich Business School auf zwei Niveaus angeboten: Auf Basisstufe die Weiterbildung Projektleiter/in SIZ sowie Projektassistent/in je mit Abschluss IPMA Ebene D und mit Abschluss KV Zürich Business School. Auf der Stufe Advanced kann man wählen zwischen Projektmanagement IPMA Ebenen A, B und C und Projektmanager/in KV Zürich Business School. Die Lerninhalte der IPMA-Abschlüsse orientieren sich an den Anforderungen der Internationalen Project Management Association. Die vier Ebenen bezeichnen verschiedene Anforderungsstufen und erleichtern die Vergleichbarkeit mit entsprechenden Abschlüssen im Ausland.


Lorenz Bützberger empfiehlt, mit dem SIZ-Abschluss einzusteigen und sich dann auf IPMA-Ebene weiterzubilden. «In der Schweiz hat der SIZ-Abschluss eine hohe Akzeptanz und das Diplom ist unbeschränkt gültig.» Den IPMA-Abschluss empfiehlt er Berufsleuten, die sich auf Projektmanagement spezialisieren wollen und allenfalls auch einen Auslandaufenthalt ins Auge fassen. Hier gelten hohe Standards: Alle fünf bis sechs Jahre müssen sich die Absolventen einer Rezertifizierung unterziehen. Der Schwerpunkt auf der Advanced-Stufe liegt in der Bearbeitung von Projekten aus der Praxis der Kursteilnehmenden. Die Klassen sind heterogen zusammengesetzt: Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen von Banken, Versicherungen, der öffentlichen Verwaltung, aus Marketing, Medien, IT oder Nonprofit-Organisationen u.s.w. «Die Branchenvielfalt ist für die Ausbildung sehr bereichernd, da alle Teilnehmenden ihre Erfahrungen einbringen und von anderen ebenfalls lernen können», ist Lorenz Bützberger überzeugt.

 

Unsicherheitsfaktor Mensch
Ist denn mittlerweile jede berufliche Tätigkeit ein Projekt? «Nein, sicher nicht», sagt Franz Gemperle, Kursleiter von Projektmanagement und Problemlösung am KV Bildungszentrum Luzern, «ein Projekt ist definiert durch Anfang und Ende, hat eine klare Zielsetzung, verfügt über ein gewisses Budget und wird von einem Team ausgeführt.» Der Luzerner Lehrgang umfasst acht Kursabende. Laut Franz Gemperle ist dieser Zeitrahmen optimal, um die Grundlagen zu vermitteln. «Die Absolventen des Kurses sind fähig, mit dem erworbenen Wissen selbstständig ein Projekt mit einem Budgetrahmen von 20 000 Franken zu leiten. Zweimal jährlich führt der Wirtschaftsinformatiker und Geschäftsführer von zwei Softwarefirmen den Kurs durch. «Man kann alles vermitteln, Abläufe, Organisations-und Managementtechniken, was Projekte aber unberechenbar macht, sind die beteiligten Mitarbeitenden.» Projekte scheitern seiner Meinung nach häufig wegen zwischenmenschlicher Dinge, beispielsweise weil einzelne Teammitglieder gegeneinander statt miteinander arbeiten, weil sie sich nicht ausstehen können oder überfordert sind.


Im oberen Segment, zumindest was die Kosten anbelangt, ist der Studienlehrgang Projekt-und Produktmanager PPM der Graduate School of Business Administration Zurich (GSBA). Das Studium kann berufsbegleitend in ein bis zwei Jahren absolviert werden. 28 Kurstage kosten 21 000 Franken. An diesem stolzen Preis ist laut André Huber, Consultant bei GSBA, nichts auszusetzen. Er findet ihn «durchaus akzeptabel». Das Geld sei gut investiert, verfüge die Schule doch dank ihren Absolventen über ein gutes Netzwerk in der Wirtschaft, wovon die Kursteilnehmenden im Hinblick auf eine spätere Karriere profitieren könnten. Sicher ist: Wer den Lehrgang erfolgreich absolviert, verfügt über ein schuleigenes Diplom namens Projekt-und Produktmanager dipl. oek.

 

Einseitige Lehrpläne
Zurück zur Feststellung, wonach sowohl in der Grundschule als auch in der Berufslehre die Vermittlung von Projektmanagement vernachlässigt wird, denn diesen Vorwurf äusserten neben Markus Näf auch alle anderen von Context befragten Experten. Einer, der sich seit vielen Jahren für dieses Anliegen starkmacht, ist Heinz Scheuring, Vorstandsmitglied der Swiss Project Management Association SPM. Er ist Initiant eines Pilotprojekts im aargauischen Möhlin, wo 2002 bis 2004 Schülern der 3. bis 5. Primarstufe Projektmanagement vermittelt wurde. «Schon auf dieser Stufe kann man sehr viel bewirken», stellt Heinz Scheuring fest. Dass die gängigen Lehrpläne so einseitig auf Fachwissen ausgerichtet sind, hält er für «dramatisch». Es fehle an der Vermittlung von Problemlösungsfähigkeiten und Sozialkompetenzen. Ebenfalls in Möhlin startet im August ein Projekt im 7. Schuljahr. Zwei von vier Deutschstunden werden dort für Projektmanagement eingesetzt. Ziel ist, die während des ersten Jahres erworbenen Grundlagen in den anschliessenden letzten beiden Schuljahren auch in den anderen Fächern anwenden zu können. Scheuring hofft, dass das Projekt als Teil der Initia-tive «Projektmanagement macht Schule» wirklich Schule macht und sich nicht nur in anderen Kantonen, sondern auch auf Gymnasialstufe und in der Lehre durchsetzen wird.

 

Bei der Suche helfen:

- Weiterbildungsabteilungen der Kaufmännischen Berufsschulen
- Weiterbildungsbörse der Schweiz: www.a-b-c.ch
- Fachhochschulen und höhere Fachschulen

 

Bedeutung von PM-Ausbildung

Eine im Herbst 2005 durchgeführte Studie zum Stellenwert der Projekt-Ausbildung zeigt:
- 90 Prozent aller Projektleiter haben vor ihrem ersten Einsatz im Projektmanagement keine spezifische Ausbildung in diesem Bereich absolviert.
- Gut die Hälfte der befragten Unternehmen bietet eine Projektmanagement-Ausbildung an, wobei eine interne Ausbildung das grösste Angebot ausmacht.


- Nur 36 Prozent der Studienteilnehmer wissen, dass es international anerkannte Zertifizierungen (IPMA) gibt.
- Anerkannte Ausbildungen und Zertifikate sind zunehmend gefragt.
- Die Bedeutung von Projektmanagement in Schweizer Unternehmen wird zunehmen.
Quelle: Tina Peter: Stand der Projektmanagement-Ausbildung in Schweizer Unternehmen, Fachhochschule St. Gallen, 2005.