Text: Therese Jäggi Context
«Isaac, ich habe eine gute Nachricht für Sie», sagt Monique Dufrène und geht auf den soeben zur Tür hereingekommenen Jugendlichen zu. Nein, eine Lehrstelle ist es nicht, noch nicht, aber immerhin: die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. «Ist doch super, oder?» Am Morgen hat sie mit dem Personalchef eines Unternehmens telefoniert, wo noch eine Lehrstelle für einen Polymechaniker offen ist. Dieser hatte zuvor das Bewerbungsdossier ihres Kunden erhalten. Nun will er den jungen Mann kennenlernen. Monique Dufrène gibt Isaac die Adresse und erklärt ihm, wie er am besten dorthin kommt. Das Unternehmen ist in der Nähe von Aarau. Sie erkundigt sich, ob dieser doch ziemlich lange Arbeitsweg ein Problem wäre. «Sicher nicht, nein», meint Isaac. Er bedankt sich, steckt den Zettel ein und verlässt das Lehrstellen-Atelier.
«Wenn das klappt . . .». Monique Dufrène scheint sich fast mehr zu freuen als der Bewerber. Sie hat miterlebt, wie vor kurzem eine Lehrstelle, für die er eine mündliche Zusage hatte, anderweitig vergeben wurde. Auf der Personalabteilung hatte jemand bemerkt, dass Isaac, der aus Ghana stammt, nicht über eine gültige Arbeitsbewilligung verfügt. Monique Dufrène hat daraufhin mit einem Rechtsanwalt Kontakt aufgenommen. Jetzt steht einem Lehrbeginn aus rechtlicher Sicht nichts mehr im Weg.
Gut ein Jahr ist es her, dass Monique Dufrène beschloss, ihre Idee in die Tat umzusetzen. Sie wollte Jugendlichen einen Ort bieten, wo sie individuelle und unbürokratische Unterstützung bei der Suche nach einer Lehrstelle bekommen. Dass ein solches Angebot einem breiten Bedürfnis entsprach, davon war die Lehrerin und Berufsberaterin überzeugt. Sie suchte nach geeigneten Räumlichkeiten und als im Bahnhof Adliswil ein Büroraum zur Miete ausgeschrieben war, bewarb sie sich und bekam die Zusage. «Adliswil war für mein Vorhaben genau richtig, liegt es doch im Zentrum eines grossen Einzugsbereichs.» Monique Dufrène wohnt in der Nachbargemeinde Langnau am Albis. Sie fühlt sich hier zu Hause und weiss in etwa, welche Firmen in der Region tätig sind.
Vom Bahnhofplatz gelangt man über eine Wendeltreppe in die erste Etage. Ein langer Gang, von dem aus man die einzelnen Geschäftsräume betritt, führt dem Gebäude entlang. Dort, wo heute das Lehrstellen-Atelier untergebracht ist, war vor-her ein Reisebüro eingemietet. Die Türe ist offen, durch ein Foyer mit einer Stehbar und einem Regal mit Zeitungen und Magazinen zum Thema Berufswahl gelangt man in die Arbeitsräume. Von hier überblickt man die Geleise der Sihltal Zürich Uetliberg Bahn. Es stehen fünf Computerarbeitsplätze zur Verfügung. «Hier werden Bewerbungsbriefe und Lebensläufe verfasst.» Die PC sind so miteinander verlinkt, dass Monique Dufrène jederzeit in den Schreibprozess eingreifen und korrigieren kann.
In die Büroeinrichtung hat sie 50 000 Franken von ihrem Ersparten investiert. «Ich bin gut im Sparen, aber auch gut im Ausgeben.» Für die Installation der PC beauftragte sie den Bruder einer Bekannten, einen arbeitslosen Informatiker. Sie liess Flyer und Plakate drucken, die im ganzen Bezirk aufgehängt und verteilt wurden. Am 14. August 2006 war es so weit: Mit einem Apéro feierte sie die Eröffnung.
Seither haben ein paar Dutzend Jugendliche ihre Beratung in Anspruch genommen. «Nicht dass sie mir die Türe eingerannt hätten», aber doch sind sie gekommen: allein, mit der besten Freundin, mit der Mutter oder selten mit dem Vater, Schweizer, Ausländerinnen - Jugendliche unterschiedlichster Herkunft und einer Gemeinsamkeit: Sie suchen eine Lehrstelle und finden keine. Monique Dufrène bietet Unterstützung jeder Art. Sie führt Eignungsabklärungen und Tests durch, ist behilflich beim Verfassen des Lebenslaufs oder Bewerbungsbriefs, sucht im Stellenanzeiger, auf Homepages von Firmen oder im Lehrstellennachweis nach offenen Lehrstellen. Sie coacht die Jugendlichen, wie sie sich am Telefon oder während des Vorstellungsgesprächs verhalten sollen. Man könne sich nicht vorstellen, wie ungeschickt und unbeholfen manche Jugendlichen seien. «Viele sind überfordert, ein simples Telefongespräch zu führen und ein paar Fragen zu stellen.» Sie telefoniert mit Personalverantwortlichen und behält dabei immer die Dossiers ihrer Kunden im Auge. «Ein gutes Wort kann ich immer einlegen.
Kürzlich hat sich bei ihr eine Firma gemeldet, die noch zwei offene KV-Lehrstellen hat. Monique Dufrène konnte umgehend zwei Namen von Interessentinnen nennen. Beide haben sich dort inzwischen vorgestellt und eine Schnupperlehre gemacht. In einer solchen Zusammenarbeit sieht die Inhaberin des Lehrstellen-Ateliers eine Perspektive, müsste diese Art von Rekrutierung ihrer Meinung nach doch ganz im Interesse der Unternehmen liegen, da sie sich viel Zeitaufwand für die Sichtung von Bewerbungsdossiers sparen können.
Ins Lehrstellen-Atelier kommen manchmal auch Leute, die einfach ein bisschen über ihre Sorgen mit der Arbeit reden wollen. Ein arbeitsloser Buchhalter, der sich ausser mit der Arbeitssuche noch mit einer bevorstehenden Scheidung auseinander-setzen muss, eine Mutter von vier Kindern, die Arbeit sucht und nicht weiss, wie sie das mit der Kinderbetreuung vereinbaren soll. Menschen, die unter Mobbing leiden, mit der Angst vor der Entlassung leben, sich längst nicht mehr mit ihrer Arbeitsstelle identifizieren können. Mit Erstaunen hat sie festgestellt, dass solche Menschen sich vielleicht mangels einer für sie geeigneten Anlaufstelle an sie gewendet haben.
Monique Dufrène hat ursprünglich nach einer Handelsschule die Dolmetscher-schule absolviert. Danach unterrichtete sie an verschiedenen Schulen Französisch. 1999 kam die Einsicht, dass sie nicht für den Rest ihres Lebens Schule geben wollte, obwohl sie «von Herzen gerne Lehrerin war». Es folgte ein vierjähriges Fachhochschulstudium in Psychologie mit Schwerpunkt Berufsberatung. Zuletzt war sie als Berufsberaterin mit Lehrauftrag im 10. Schuljahr an einer privaten Schule tätig.
Längerfristig möchte sie von ihrer Beratungstätigkeit leben können. Momentan ist das aber noch ganz und gar nicht der Fall. Zwar verlangt sie 140 Franken Honorar pro Stunde, doch lässt sich dieser Stundenansatz in der Praxis nicht konsequent anwenden. Eine erste Besprechung ist gratis, kaum erfassen lassen sich Telefongespräche, Mails oder wenn jemand einfach mal schnell eine Frage hat, die dann aber doch eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. Dafür lohnt es sich nicht, Rechnung zu stellen. Zudem werden Rechnungen nicht oder mit Verspätung bezahlt. Vom anvisierten Stundenansatz bleibt nicht viel mehr als ein Viertel übrig. Viel zu wenig zum Leben. Deshalb unterrichtet sie pro Woche noch an zwei Vormittagen Berufsvorbereitung in den Vorlehrklassen in Horgen. Am liebsten würde sie ihre Beratung gratis anbieten, denn wer zu ihr kommt, stammt in der Regel aus bescheidenen Verhältnissen. Manche können nichts bezahlen. Die Lösung wäre: Einen oder mehrere Sponsoren zu finden, die sich an der Finanzierung des Projekts beteiligen.
Sie ist überzeugt, dass eine individuelle und enge Betreuung über längere Zeit praktisch immer zu einer Lösung führt. Nicht immer handelt es sich dabei um eine Lehrstelle. Für die einen ist es eine Arbeitsstelle, für andere ein Praktikum. «Alles ist besser, als zu Hause oder auf der Strasse herumhängen.» Und gar nicht selten kommt es vor, dass ein Praktikum später in eine Lehrstelle umgewandelt wird. Ein längerer Prozess mit ihren Lehrstellensuchenden bringe sie auch immer wieder auf unkonventionelle Lösungen. Darin unterscheidet sie sich auch von der herkömmlichen Berufsberatung, wo oft nur abgeklärt und beraten wird, die Jugendlichen aber während des eigentlichen Bewerbungsprozesses ihrem Schicksal überlassen sind.
Ganz wichtig ist ihrer Meinung nach, dass man den Jugendlichen etwas zutraut. Viele, die zu ihr kommen, haben bereits unzählige Absagen bekommen und sind entsprechend niedergeschlagen. Bei manchen beobachtet sie Anzeichen einer Depression. Solche Klienten ruft sie gelegentlich auch mal zu Hause an und erkundigt sich, wie es ihnen geht. «Ich versuche alles, damit sie nicht aufgeben.»





