Context 12/07 15. Juni 2007

Noch lange nicht Endstation

Wenn Jugendliche intensiv begleitet werden, gelingt der Einstieg ins Berufsleben, ist Monique Dufrène überzeugt.

Text: Therese Jäggi Context

 

«Isaac, ich habe eine gute Nachricht für Sie», sagt Monique Dufrène und geht auf den soeben zur Tür hereingekommenen Jugendlichen zu. Nein, eine Lehrstelle ist es nicht, noch nicht, aber immerhin: die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. «Ist doch super, oder?» Am Morgen hat sie mit dem Personalchef eines Unternehmens telefoniert, wo noch eine Lehrstelle für einen Polymechaniker offen ist. Dieser hatte zuvor das Bewer­bungsdossier ihres Kunden erhalten. Nun will er den jungen Mann kennenlernen. Monique Dufrène gibt Isaac die Adresse und erklärt ihm, wie er am besten dorthin kommt. Das Unternehmen ist in der Nähe von Aarau. Sie erkundigt sich, ob dieser doch ziemlich lange Arbeitsweg ein Problem wäre. «Sicher nicht, nein», meint Isaac. Er bedankt sich, steckt den Zettel ein und verlässt das Lehrstellen-Atelier.

 

«Wenn das klappt . . .». Monique Dufrène scheint sich fast mehr zu freuen als der Be­werber. Sie hat miterlebt, wie vor kurzem eine Lehrstelle, für die er eine mündliche Zusage hatte, anderweitig vergeben wurde. Auf der Personalabteilung hatte jemand bemerkt, dass Isaac, der aus Ghana stammt, nicht über eine gültige Arbeitsbewilligung verfügt. Monique Dufrène hat daraufhin mit einem Rechtsanwalt Kontakt aufgenom­men. Jetzt steht einem Lehrbeginn aus rechtlicher Sicht nichts mehr im Weg.

 

Gut ein Jahr ist es her, dass Monique Dufrène beschloss, ihre Idee in die Tat um­zusetzen. Sie wollte Jugendlichen einen Ort bieten, wo sie individuelle und unbürokra­tische Unterstützung bei der Suche nach einer Lehrstelle bekommen. Dass ein sol­ches Angebot einem breiten Bedürfnis ent­sprach, davon war die Lehrerin und Berufs­beraterin überzeugt. Sie suchte nach geeigneten Räumlichkeiten und als im Bahnhof Adliswil ein Büroraum zur Miete ausgeschrieben war, bewarb sie sich und bekam die Zusage. «Adliswil war für mein Vorhaben genau richtig, liegt es doch im Zentrum eines grossen Einzugsbereichs.» Monique Dufrène wohnt in der Nachbarge­meinde Langnau am Albis. Sie fühlt sich hier zu Hause und weiss in etwa, welche Firmen in der Region tätig sind.

Vom Bahnhofplatz gelangt man über eine Wendeltreppe in die erste Etage. Ein langer Gang, von dem aus man die einzel­nen Geschäftsräume betritt, führt dem Gebäude entlang. Dort, wo heute das Lehr­stellen-Atelier untergebracht ist, war vor-her ein Reisebüro eingemietet. Die Türe ist offen, durch ein Foyer mit einer Stehbar und einem Regal mit Zeitungen und Magazinen zum Thema Berufswahl gelangt man in die Arbeitsräume. Von hier über­blickt man die Geleise der Sihltal Zürich Uetliberg Bahn. Es stehen fünf Computerarbeitsplätze zur Verfügung. «Hier werden Bewerbungsbriefe und Lebensläufe ver­fasst.» Die PC sind so miteinander verlinkt, dass Monique Dufrène jederzeit in den Schreibprozess eingreifen und korrigieren kann.

In die Büroeinrichtung hat sie 50 000 Fran­ken von ihrem Ersparten investiert. «Ich bin gut im Sparen, aber auch gut im Ausgeben.» Für die Installation der PC beauftragte sie den Bruder einer Bekannten, einen arbeits­losen Informatiker. Sie liess Flyer und Pla­kate drucken, die im ganzen Bezirk aufge­hängt und verteilt wurden. Am 14. August 2006 war es so weit: Mit einem Apéro feierte sie die Eröffnung.

Seither haben ein paar Dutzend Jugend­liche ihre Beratung in Anspruch genom­men. «Nicht dass sie mir die Türe eingerannt hätten», aber doch sind sie gekommen: al­lein, mit der besten Freundin, mit der Mut­ter oder selten mit dem Vater, Schweizer, Ausländerinnen - Jugendliche unterschied­lichster Herkunft und einer Gemeinsamkeit: Sie suchen eine Lehrstelle und finden keine. Monique Dufrène bietet Unterstützung je­der Art. Sie führt Eignungsabklärungen und Tests durch, ist behilflich beim Verfassen des Lebenslaufs oder Bewerbungsbriefs, sucht im Stellenanzeiger, auf Homepages von Firmen oder im Lehrstellennachweis nach offenen Lehrstellen. Sie coacht die Ju­gendlichen, wie sie sich am Telefon oder während des Vorstellungsgesprächs verhal­ten sollen. Man könne sich nicht vorstellen, wie ungeschickt und unbeholfen manche Jugendlichen seien. «Viele sind überfordert, ein simples Telefongespräch zu führen und ein paar Fragen zu stellen.» Sie telefoniert mit Personalverantwortlichen und behält dabei immer die Dossiers ihrer Kunden im Auge. «Ein gutes Wort kann ich immer ein­legen.


Kürzlich hat sich bei ihr eine Firma gemel­det, die noch zwei offene KV-Lehrstellen hat. Monique Dufrène konnte umgehend zwei Namen von Interessentinnen nennen. Beide haben sich dort inzwischen vorge­stellt und eine Schnupperlehre gemacht. In einer solchen Zusammenarbeit sieht die In­haberin des Lehrstellen-Ateliers eine Per­spektive, müsste diese Art von Rekrutierung ihrer Meinung nach doch ganz im Interesse der Unternehmen liegen, da sie sich viel Zeitaufwand für die Sichtung von Bewer­bungsdossiers sparen können.

Ins Lehrstellen-Atelier kommen manch­mal auch Leute, die einfach ein bisschen über ihre Sorgen mit der Arbeit reden wol­len. Ein arbeitsloser Buchhalter, der sich ausser mit der Arbeitssuche noch mit einer bevorstehenden Scheidung auseinander-setzen muss, eine Mutter von vier Kindern, die Arbeit sucht und nicht weiss, wie sie das mit der Kinderbetreuung vereinbaren soll. Menschen, die unter Mobbing leiden, mit der Angst vor der Entlassung leben, sich längst nicht mehr mit ihrer Arbeitsstelle identifizieren können. Mit Erstaunen hat sie festgestellt, dass solche Menschen sich viel­leicht mangels einer für sie geeigneten An­laufstelle an sie gewendet haben.

Monique Dufrène hat ursprünglich nach einer Handelsschule die Dolmetscher-schule absolviert. Danach unterrichtete sie an verschiedenen Schulen Französisch. 1999 kam die Einsicht, dass sie nicht für den Rest ihres Lebens Schule geben wollte, obwohl sie «von Herzen gerne Lehrerin war». Es folgte ein vierjähriges Fachhochschulstudium in Psychologie mit Schwerpunkt Berufsberatung. Zuletzt war sie als Berufsberaterin mit Lehrauftrag im 10. Schuljahr an einer privaten Schule tätig.

Längerfristig möchte sie von ihrer Bera­tungstätigkeit leben können. Momentan ist das aber noch ganz und gar nicht der Fall. Zwar verlangt sie 140 Franken Honorar pro Stunde, doch lässt sich dieser Stundenan­satz in der Praxis nicht konsequent anwen­den. Eine erste Besprechung ist gratis, kaum erfassen lassen sich Telefongespräche, Mails oder wenn jemand einfach mal schnell eine Frage hat, die dann aber doch eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. Dafür lohnt es sich nicht, Rechnung zu stellen. Zudem wer­den Rechnungen nicht oder mit Verspätung bezahlt. Vom anvisierten Stundenansatz bleibt nicht viel mehr als ein Viertel übrig. Viel zu wenig zum Leben. Deshalb unter­richtet sie pro Woche noch an zwei Vormit­tagen Berufsvorbereitung in den Vorlehr­klassen in Horgen. Am liebsten würde sie ihre Beratung gratis anbieten, denn wer zu ihr kommt, stammt in der Regel aus be­scheidenen Verhältnissen. Manche können nichts bezahlen. Die Lösung wäre: Einen oder mehrere Sponsoren zu finden, die sich an der Finanzierung des Projekts beteiligen.

 

Sie ist überzeugt, dass eine individuelle und enge Betreuung über längere Zeit prak­tisch immer zu einer Lösung führt. Nicht immer handelt es sich dabei um eine Lehr­stelle. Für die einen ist es eine Arbeitsstelle, für andere ein Praktikum. «Alles ist besser, als zu Hause oder auf der Strasse herum­hängen.» Und gar nicht selten kommt es vor, dass ein Praktikum später in eine Lehrstelle umgewandelt wird. Ein längerer Prozess mit ihren Lehrstellensuchenden bringe sie auch immer wieder auf unkonventionelle Lö­sungen. Darin unterscheidet sie sich auch von der herkömmlichen Berufsberatung, wo oft nur abgeklärt und beraten wird, die Jugendlichen aber während des eigent­lichen Bewerbungsprozesses ihrem Schick­sal überlassen sind.

Ganz wichtig ist ihrer Meinung nach, dass man den Jugendlichen etwas zutraut. Viele, die zu ihr kommen, haben bereits unzählige Absagen bekommen und sind entsprechend niedergeschlagen. Bei man­chen beobachtet sie Anzeichen einer De­pression. Solche Klienten ruft sie gelegent­lich auch mal zu Hause an und erkundigt sich, wie es ihnen geht. «Ich versuche alles, damit sie nicht aufgeben.»

 

Info

Lehrstellen-Atelier
Beratung & Coaching für Jugendliche
Florastrasse 10
8134 Adliswil (im Bahnhofgebäude)
Telefon 043 537 42 62
Öffnungszeiten:
Montag und Samstag 10 bis 15 Uhr,
Dienstag, Mittwoch und Freitag 13 bis 18 Uhr
www.lehrstellenatelier.ch