Context 23-24 / 07 7. Dezember 2007

FOKUS

«Dem Personal wird enorm viel abverlangt»

Die Lohnverhandlungen mit den Unternehmen der Luftfahrtbranche verliefen dieses Jahr erfolgreich. Dennoch bleibt der Druck aufs Personal hoch, sagt Benedikt Gschwind, Leiter Luftverkehr beim KV Schweiz.

Interview: Ingo Boltshauser

 

Die wichtigsten Lohn- und GAV-Verhandlungen in der Luftfahrtbranche sind geführt. Wie interpretieren Sie die Ergebnisse?

Im Grossen und Ganzen können wir zufrieden sein. Wir erreichten Lohnerhöhungen zwischen 1,9 und 2,5 Prozent, damit wird die Trendwende, die bereits letztes Jahr begonnen hat, fortgesetzt. Ausserdem konnten wir uns mit den Arbeitgebern auf eine Reihe von nicht lohnwirksamen Verbesserungen einigen.

 

Welche?

In zwei Gesamtarbeitsverträgen konnten wir Vaterschaftsurlaube von fünf beziehungsweise zehn Tagen verankern. Mit der SR Technics haben wir zudem ein neues transparentes Salärsystem ausgehandelt, das insbesondere auch dem kaufmännischen Personal Perspektiven nach oben eröffnet.

 

Kommen alle Mitarbeitenden in den Genuss von Lohnerhöhungen?

Mehr oder weniger. Wir vom KV Schweiz und die anderen Angestelltenvertreter haM Mit grossem Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen. Ich selber spüre seit ungefähr acht Jahren stechende Schmerzen im Rücken. Die Schmerzen kamen sehr plötzlich, als ich extrem lange am Bildschirm war und meistens die gleiche Bewegung ausführte (Bestellungserfassung). Kam dazu, dass das System immer wieder so quasi gebremst wurde, weil es überlastet war. Ich habe mich dann verkrampft und spürte abends wie ein Messer im Rücken. Früher hatte ich nie solche Schmerzen. Anschliessend habe ich mich beim Hausarzt röntgen lassen, aber es wurde nichts gefunden. Vier Monate später habe ich ein MRI gemacht und dabei stellte sich heraus, ben stark darauf gedrängt, dass ein grosser Teil der Lohnerhöhungen generell bezahlt wird, und wir haben uns in diesem Punkt weitgehend durchgesetzt. Einerseits stagnierten die Löhne nach dem Swissair- Grounding während fünf Jahren, und es besteht nach wie vor ein gewisser Nachholbedarf. Andererseits besteht bei individuellen Lohnerhöhungen die Gefahr, dass all jene leer ausgehen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Ausbildung die Stelle nicht wechseln können. Das wäre in unseren Augen ungerecht, denn letztlich haben alle Mitarbeitenden dazu beigetragen, dass es der Branche wieder besser geht.

 

Ausgerechnet die Swiss will keine Lohnerhöhungen gewähren, sondern hat in

den GAV-Verhandlungen stattdessen ein Gewinnbeteiligungsmodell durchgesetzt.

Das fliegende Personal hat dagegen opponiert. Wie sieht die Situation am Boden

aus?

Das von der Swiss angebotene Gewinnbeteiligungsmodell ist sehr attraktiv, und es gilt rückwirkend ab dem 1. Juli dieses Jahres. So wie es momentan aussieht, erhalten die Angestellten bereits dieses Jahr eine Gewinnbeteiligung, die nahezu einem 14. Monatslohn entspricht. Ausserdem konnten wir im neuen GAV eine Arbeitszeitreduktion von 42 auf 41 Stunden pro Woche erreichen. Die Kröte, die wir dafür schlucken mussten, war ein Verzicht auf Lohnverhandlungen bis ins Jahr 2010. Unter dem Strich fahren die Angestellten mit dieser Regelung aber deutlich besser als mit einer Lohnerhöhung von 2 oder 2,5 Prozent, weshalb wir zugestimmt haben. Unsere Mitglieder, die das letzte Wort zum neuen GAV hatten, teilten im Übrigen unsere Ansicht und nahmen den Vertrag fast einstimmig an.

 

Wie ist die Stimmung bei den Beschäftigten der Branche heute?

Es ist sicher eine gewisse Entspannung eingetreten. Die Angst vor Stellenverlust ist kleiner als noch vor zwei, drei Jahren, und teilweise gibt es sogar wieder ein kleines Beschäftigungswachstum. Die Swiss weist zwar momentan recht gute Zahlen aus, aber man muss auch sehen, dass sie in Zürich bei den Zulieferbetrieben eine riesige Verhandlungsmacht besitzt und diese auch ausspielt. Nach wie vor wird dem Personal in diesen Betrieben deshalb enorm viel abverlangt, das spürt man insbesondere bei der Swissport.

 

Wie drückt sich das aus?

Seit etwa zwei Jahren gibt es am Standort Zürich drei Unternehmen, die Bodenabfertigungsdienste anbieten, und die Airlines sind immer weniger bereit, langfristige Verträge abzuschliessen. Die Swissport steht also unter einem gewaltigen Konkurrenzdruck, der dazu führt, dass das Unternehmen deutlich zu wenig Personal hat. Jetzt, wo die Beschäftigungslage wieder besser ist, ist die Fluktuationsrate massiv gestiegen. Für die im Unternehmen Bleibenden erhöht sich der Druck dadurch noch weiter, denn neben ihrer eigenen Arbeit müssen sie auch immer mehr neue Kolleginnen und Kollegen einarbeiten.

 

 

Avireal(Immobilienbewirtschaftung, 140 GAVMitarbeitende):Neuer, zwei Jahre gültiger GAV,2 Prozent Lohnerhöhungen, davon 1 Prozentgenerell, neu 10 Tage Vaterschaftsurlaub.
Cargologic(Logistik, Luftfracht, 380 GAVMA): Lohnerhöhung um 2,5 Prozent, das Lohnsystemgarantiert etwa 95 Prozent der MAmindestens 2,2 Prozent.
SR Technics(Flugzeugwartung, 2215 GAVMA):Neuer, vier Jahre gültiger GAV mit transparentemSalärsystem und Mindestlöhnen,Lohnanstieg2,4 Prozent, die Hälfte generell.
SWISS(1600 GAV-MA am Boden): GAV um 2 Jahre verlängert, Reduktion der Arbeitszeitum eine Wochenstunde, Gewinnbeteiligungsmodellfür alle MA.
Swissport Zürich(Passagierabfertigung, 1200 GAV-MA): Generelle Lohnerhöhung von1,9 Prozent, Einmalzahlung von CHF 500.–.
Swissport Basel(400 GAV-MA): Lohnverhandlungen Mitte Dezember.

 


Unternehmen der Luftfahrt mit Gesamtarbeitsverträgen

Lehrstellen

Mehr Hilfe

Der Kaufmännische Verband Schweiz (KV Schweiz) und die Migros haben sich auf eine durchschnittliche Lohnerhöhung von 2 Prozent für die Angestellten per 1. Januar 2008 geeinigt. Je nach regionaler Genossenschaft und Migros-Unternehmen fällt die Erhöhung unterschiedlich aus, sie bewegt sich aber in einer Spannweite zwischen 1,5 und 2,5 Prozent. Die Erhöhung der Löhne wird individuell ausgerichtet, wobei alle Angestellten, die dem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt sind (ca. 60 000 Personen), von der Lohnerhöhung profitieren können. Der Mindestlohn in Hochpreis-Regionen wurde ausserdem von 3500 auf 3600 Franken erhöht. Der Lohnabschluss gilt für sämtliche Migros-Unternehmen, darunter solche aus der Industrie, Logistik, Gastronomie und Reisen/Touristik. Für den KV Schweiz ist klar: Mit der Erhöhung der Löhne anerkenne die Migros den Beitrag der Mitarbeitenden zum Geschäftsgang und komme ihrer Verantwortung als soziale Arbeitgeberin nach.