Context 22/07 16. November 2007

Lehre ohne Schranken

In der Brunau-Stiftung können Jugendliche mit leichten bis mittelschweren Behinderungen eine kaufmännische Ausbildung absolvieren.

Text: Ingo Boltshauser

 

Betritt man die Räumlichkeiten der Brunau-Stiftung kurz nach Mittag, könnte man sich in einem ganz normalen Büro wähnen. Die Einrichtung ist zweckmässig, und die Computer, Ablagen und sonstigen Hilfsmittel entsprechen den üblichen Standards. Wenn sich die Büros nach der Mittagspause dann füllen, wird aber schnell klar, dass es sich bei der Brunau-Stiftung um alles andere als einen gewöhnlichen Büro- Betrieb handelt. Denn an den Arbeitsplätzen nehmen fast nur Jugendliche Platz, und alle sind leicht bis mittelschwer beeinträchtigt. Rund zwei Drittel haben ein körperliches Gebrechen - sie sitzen im Rollstuhl, sind schwerhörig oder sehbehindert oder leiden an Geburtsgebrechen oder chronischen Krankheiten. Das andere Drittel ist psychisch beeinträchtigt, leidet beispielsweise unter Angststörungen oder Depressionen. Die weitere Gemeinsamkeit der rund 50 Jugendlichen, die hier arbeiten: Sie alle absolvieren eine kaufmännische Ausbildung. Entweder eine BBT-Büroanlehre als Berufsvorbereitungsjahr, ein Praktikum, eine Attestlehre oder eine kaufmännische Lehre nach B-, E-, oder M-Profil.

 

Finanzierung durch die IV
Die Lernenden erwirtschaften einen Teil des Budgets der Stiftung mit vielfältigen kaufmännischen Kundenaufträgen aus der Wirtschaft. Im Büro der Brunau-Stiftung ist man spezialisiert darauf, administrative Tätigkeiten und Sekretariatsarbeiten für externe Kunden zu erledigen. Meist handelt es sich dabei um Vereine oder Kleinunternehmen mit einer kritischen Grösse, bei der sich ein selbstständiges Sekretariat noch nicht lohnt, wo aber trotzdem zu viel Arbeit anfällt, um einfach so nebenher erledigt werden zu können. Manchmal ergänzen Einzelaufträge wie beispielsweise Massenversände das Auftragsportefeuille. Insgesamt erwirtschaften die Stiftung und ihre Lernenden mit gegen 100 Kunden gut 300 000 Franken. Das ist rund ein Zehntel des Gesamtbudgets der Brunau-Stiftung. Der mit Abstand grösste Teil wird von der IV beigesteuert, welche die Stiftung im Rahmen von Ausbildungs-Tarifbeiträgen unterstützt, ein weiterer Teil stammt aus Spenden. Dennoch sind die auf dem freien Markt gewonnenen Kunden zentral für die Stiftung. «Wir sind ein Lehrbetrieb und deshalb angewiesen auf echte Aufträge», sagt Remo Vontobel, Leiter berufliche Massnahmen bei der Brunau-Stiftung.
 

«Keine Kompromisse»
Organisiert ist die Arbeit in der Stiftung in mehreren Abteilungen, in denen je sieben bis zwölf Lernende arbeiten und die von jeweils einem oder zwei Berubsbildenden geführt werden. In zwei dieser Abteilungen werden primär Sekretariatsarbeiten erledigt. Kunden sind hier mittelgrosse Verbände wie beispielsweise der Zürcher Hausverein oder der schweizerische Physiotherapieverband. In den Büros an der Edenstrasse in Zürich werden fast alle anfallenden administrativen Tätigkeiten übernommen: Das Führen der Mitgliederkartei, Adressmutationen, der Versand von Unterlagen, die Buchhaltung, die Organisation und Administration von Kursen und vieles mehr.
 

Gute Arbeitsmarktchancen
Wie Hilfiker stammen sämtliche Gruppenleiter/ innen aus dem kaufmännischen Berufsfeld. Angestellte aus dem Sozialpädagogischen Bereich sucht man im Lehrbetrieb vergebens, und das ist durchaus gewollt so. Auch wenn alle lernenden Jugendlichen eine grösstenteils von der IV finanzierte Ausbildung absolvieren, soll die Arbeit möglichst wie in einem normalen Betrieb organisiert sein. Abgesehen von Einschränkungen, die durch die Behinderung hervorgerufen sind, will die Brunau-Stiftung gemäss ihrer Philosophie «Fördern und Fordern» die Lernenden nicht schonen. «Ziel ist die berufliche Integration nach der Lehre, und die kann nur klappen, wenn wir  die Ausbildung möglichst realistisch gestalten », sagt Vontobel.
 Das beginnt bereits bei den Eignungsabklärungen für angehende Lernende. Meist geht einer Anstellung eine Schnupperwoche voraus, die nicht nur den Interessenten Gelegenheit gibt, Einblick ins kaufmännische Berufsfeld zu erhalten, sondern in der sie auch auf ihre Eignung geprüft werden. «Wir nehmen nur Lernende auf, von denen wir glauben, dass sie den schulischen und beruflichen Anforderungen gewachsen sind», sagt Vontobel. Den Schulunterricht besuchen die Lernenden der Stiftung an regulären kaufmännischen Berufsschulen, und an den überbetrieblichen Kursen sind sie mit anderen Lernenden der Branche «Dienstleistung und Administration (D & A)» zusammen. Auch die Leistungsziele sind identisch mit denen anderer Betriebe aus der Branche D & A, und die Lehrabschlussprüfung absolvieren die Lernenden der Brunau-Stiftung an den öffentlichen Schulen. Lediglich wo die Behinderung eine Sonderbehandlung (z.B. bei Gehörlosen) unumgänglich macht, wird diese beantragt und in der Regel auch bewilligt. Inhaltlich wird dieselbe Prüfung abgelegt. Warum ist die Stiftung denn überhaupt nötig? Könnten nicht auch herkömmliche Betriebe beeinträchtigte Lernende ausbilden? «Theoretisch schon», sagt Vontobel. «Aber nur wenige Betriebe bringen dafür die Bereitschaft auf.» Vor allem am Anfang der Ausbildung ist der Einarbeitungsaufwand meist noch bedeutend höher: Unter Umständen müssen technische Hilfsmittel installiert und deren Verwendung trainiert werden, je nach Behinderungsart sind motorische Verrichtungen wie beispielsweise das Tastasturschreiben viel schwerer zu erlernen, und oft fallen bedeutend mehr Absenztage an als bei gesunden Jugendlichen. Auch aus sozialer Sicht nimmt die Stiftung Brunau eine wichtige Rolle ein: «Viele unserer Lernenden haben eine schwierige Schulzeit oder eine gescheiterte Lehre in einem herkömmlichen Betrieb hinter sich», sagt Vontobel. In einer Umgebung, wo alle eine Last zu tragen haben, blühen viele von ihnen regelrecht auf. «Kürzlich kam eine Lernende zu mir und sagte, dass sie hier zum ersten Mal in ihrem Leben Kollegen gefunden habe. Das muss man sich einmal vorstellen.»
Auch bei ihrem Hauptauftrag, der Integration ins Erwerbsleben, kann die Stiftung Brunau grosse Erfolge aufweisen: Letztes Jahr haben neun Lernende das Fähigkeitszeugnis nach B-, E- oder M-Profil erhalten, und zehn haben eine Attestausbildung ab geschlossen. Alle neun Absolvent/innen der Lehre arbeiten heute in der freien Wirtschaft. Von jenen mit Attestausbildung haben vier eine Stelle, vier holen den Lehrabschluss zum Kaufmann/zur Kauffrau nach, eine Person arbeitet in einem geschützten Rahmen und eine ist auf Stellensuche. «Während ihrer Ausbildung bei uns haben die Lernenden nicht nur das nötige Fachwissen erworben, sondern auch gelernt, mit ihrer Beeinträchtigung umzugehen. Für die Betriebe bringt eine Einstellung deshalb in der Regel keinen nennenswerten Mehraufwand », erklärt Remo Vontobel diesen Erfolg. Von allein kommt dieser allerdings nicht: «Wir betreiben sehr viel Networking und unterstützen unsere Absolventinnen und Absolventen bei der Stellensuche.» Ausserdem versucht die Stiftung, den Lernenden während der Ausbildung ein mehrmonatiges externes Praktikum in der freien Wirtschaft zu vermitteln, was ebenfalls dabei hilft, Kontakte zu knüpfen und Berührungsängste abzubauen.
 

Brunau Stiftung
Gegründet wurde die Brunau-Stiftung 1956 als Lochkartenstation, die körperlich behinderten Menschen - vor allem solchen mit Kinderlähmung - Ausbildung und Arbeit bot. 1959 erfolgte die offizielle Anerkennung als Berufsbildungsanstalt durch den Kanton Zürich und ab 1960 übernahm die IV mehrheitlich die Ausbildungskosten. Heute bietet die Stiftung Platz für rund 50 Lernende in der Attestausbildung sowie für die Lehre nach B-, E- und M-Profil, hinzu kommen Plätze für die BBT -Büroanlehre, Berufspraktika und Eignungsabklärungen. Seit einem halben Jahr betreibt die Stiftung unter dem Namen «Giesshübel-Office» auch einen Buchhaltungsservice. Dort arbeiten ausgebildete Kaufleute, die im Rahmen eines IV-Integrationsprojektes wieder an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt werden sollen. Ausserdem gehören ein Wohnhaus und zwei Aussenwohnungen mit Platz für 24 Jugendliche zur Stiftung. Hier sind Jugendliche untergebracht, deren Arbeitsweg für tägliches Pendeln zu lang wäre.