Text: Ingo Boltshauser
Ein Mann begegnet einem Jungen mit einem Hund und fragt: «He, Kleiner, kennt dein Hund ein paar Kunststücke?» Antwortet der Junge: «Klar, er kennt `ne Menge.» «Dann soll er mir mal welche zeigen.» «Mein Herr, ich sagte, er kennt `ne Menge Kunststücke, nicht er kann welche.» Mit diesem Witz eröffnete Heinz Mandl, Professor für Pädagogik an der Universität München, sein Referat an der KV-Bildungstagung, und er stiess damit mitten ins Thema der Veranstaltung vor. Diese befasste sich nämlich schwergewichtig mit der Frage, wie Lernkonzepte aussehen müssen, damit sich theoretisches Wissen auch in Handlungskompetenz umsetzen lässt.
Dass dies nicht immer ganz einfach ist, dokumentierte Mandl anhand einiger eindrücklicher Beispiele. In einem Spiel liess sein Institut Studierende der Betriebswirtschaft aus dem 7. und 8. Semester eine fiktive Jeansfabrik leiten und ermittelte anschliessend den durchschnittlichen Gewinn (401 000 DM). Als Vergleichsgruppe absolvierten Studierende der Pädagogik und Psychologie das gleiche Spiel. Diese realisierten dabei einen durchschnittlichen Gewinn von 804 000 DM. Das heisst: Die BWL-Student/innen fällten auf Grund ihres theoretischen Wissens nicht nur keine besseren Entscheidungen, ihr Wissen stand ihnen zum Teil sogar bei der Beurteilung von Situationen im Weg.
Zu ähnlichen Befunden führten auch Untersuchungen bei Medizinstudent/innen ohne Praxiserfahrung: Diese waren zwar in der Lage, Symptome richtig zu erkennen, aber in vier von fünf Fällen beschränkte sich deren Fähigkeit aufs reine Datensammeln. Zielführendes Vorgehen, das in eine Diagnose mündet, war den meisten Studierenden noch fremd.
Blended Learning
Diese alarmierenden Ergebnisse lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Traditionelle, auf reine Wissensvermittlung ausgerichtete Unterrichtsmethoden stossen dort an ihre Grenzen, wo das theoretische Wissen in Handlungskompetenz umgewandelt werden muss. «Wissen ist kein Produkt, das von einer Person zu einer anderen weiter gereicht werden kann», folgert Mandl. «Es wird vom Lernenden auf der Grundlage seiner Erfahrungen konstruiert.»
Gerade in der beruflichen Aus- und Weiterbildung müsse vermehrt auf die Handlungskompetenz geachtet werden. Wie dies funktionieren könnte, erläuterte Mandl am Beispiel der «Kognitiven Lehre», wo Prinzipien aus der Handwerkslehre auf Lernprozesse übertragen werden. Anders als beim Frontalunterricht wechseln sich dabei passive und aktive Phasen ab, und den Lernenden wird Schritt für Schritt mehr Verantwortung übertragen, bis sie schliesslich in der Lage sind, Problemstellungen selbständig zu lösen. «Erfolgreiches Lernen», sagt Mandl, «ist mehr als nur Wissensübernahme. Es ist ein Prozess, der die Menschen auf vielen Ebenen anspricht.»
Neben klassischen Unterrichtsformen begleitete Mandls Institut auch zahlreiche betriebsinterne Fortbildungskurse wissenschaftlich, die nach den Prinzipien des Blended Learning aufgebaut sein. Das heisst: Theorieteile, webbasierte Selbstlernphasen, Workshops, Trainingseinheiten und Coaching on the Job ergänzen einander. Das Resultat: Beim Erwerb beruflicher Handlungskompetenz sind Blended-Learning-Ansätze traditionellen Unterrichtsformen deutlich überlegen, denn sie fördern nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch soziale und persönliche.
Sicht der Wirtschaft
Der andere Referent des Tages wurde als Mann der Wirtschaft vorgestellt: Werner Widmer von der Credit Suisse Business School. Gleich zu Anfang relativierte er allerdings: «Ich kann nicht für die gesamte Wirtschaft sprechen. Diese ist derart heterogen, dass auch die Bildungsanforderungen sehr unterschiedlich aussehen.»
Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten, die wohl alle Firmenchefs unterschreiben würden. Unternehmen, postuliert Widmer, seien bei der Aus- und Weiterbildung primär daran interessiert, die Handlungsfähigkeit der Mitarbeitenden zu fördern und zu erweitern. Um Erfolg zu erzielen, sei es damit aber noch nicht getan. Neben der Handlungsfähigkeit (Können) brauche es auch die Handlungsbereitschaft (Wollen), das heisst, ein Unternehmen muss es auch verstehen, die Mitarbeitenden zu motivieren. Schliesslich seien auch organisatorische Zuständigkeiten zu klären (Dürfen): Verantwortung muss übertragen, die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt und ein geeignetes Umfeld geschaffen werden. Erst wenn all diese Punkte optimiert sind, könne Handlung im Unternehmensinteresse resultieren.
Wie Mandl betonte auch Widmer die Bedeutung der kompetenzenbasierten Weiterbildung: Die Lern- und Prüfungsformen sollten handlungsorientiert und arbeitsplatznah sein, und inhaltlich und institutionell sollte der Unterricht möglichst eng an die Wirtschaftspraxis angegliedert sein.
Messbarkeit
Ebenfalls von grosser Bedeutung sei für Unternehmen die Erfolgsmessung in der Weiterbildung. Widmer präsentierte dazu ein fünfstufiges Modell:
- Level 1: Wie hoch ist die Zufriedenheit der Teilnehmenden und der Vorgesetzten?
- Level 2: Wie gross ist der Wissenszuwachs bei den Mitarbeitenden?
- Level 3: Wird das Wissen am Arbeitsplatz umgesetzt?
- Level 4: Wie gross ist der Einfluss auf das Geschäftsergebnis?
- Level 5: Welchen finanziellen Nutzen bringt das Training?
Betriebsferne Weiterbildung, so Widmer, messe vor allem dem ersten und allenfalls dem zweiten Level eine grosse Bedeutung zu, die anderen Stufen blieben unbeachtet. Für Unternehmen sei aber insbesondere die Frage wichtig, wie das Wissen in der konkreten Arbeit umgesetzt wird. Die Levels 4 und 5, gibt er zu, seien kaum messbar, da zu viele Einflussgrössen auf das Geschäftsergebnis einwirken. Aus diesen Ergebnissen zieht er den Schluss: «Die Bildungsanbieter müssen näher zur Praxis.»
Das beginnt bereits beim Erstellen der Lehrpläne: Diese sollen auf Bedarfserhebungen in Betrieben und Branchen basieren und sich rasch an veränderte Umstände anpassen können; ausserdem solle die Ausbildung kompetenz- und verhaltensorientiert gestaltet werden. Auch die Lernkultur müsse sich verändern. Seine wichtigsten Anregungen: Praxistransfer ermöglichen, Förderung der Eigenaktivität, flexible Zeitmodelle Blended Learning und webbasierte Lernplattformen. Um all dies zu erreichen, müssen sich nicht zuletzt die Dozierenden weiterbilden und in neue Rollen finden.
Bei dem anzustrebenden Umbauprozess seien aber auch Betriebe, Branchen und Verbände gefordert, zum Beispiel indem sie Partnerschaften mit Bildungsanbietern eingehen und Dozierende aus der Praxis stellen. Ausserdem sollen sie die verstärkte Integration von Sozial-, Methoden und Personalkompetenz im Unterricht verlangen. Gratis sei das aber nicht zu haben: Neben aktiver Mitarbeit, zum Beispiel bei der Erstellung von Lehrplänen, seien wohl auch Beiträge an die Entwicklungskosten unabdingbar.
Entmachtung der Schule
Im Anschluss an die Referate diskutierten die Besucher/innen der Tagung in verschiedenen Workshops, welche Konsequenzen sich aus der Forderung nach stärkerer Praxisorientierung für die verschiedenen Akteure in der Berufsbildung ableiten lassen. «Es ist ein langer Weg, den wir vor uns haben», fasste Heinz Mandl die Erkenntnisse seines Workshops zusammen, der den Fokus auf die Wissenschaft legte. «Dazu brauchen wir eine neue Lern- und Arbeitskultur. Problemorientiertes Lernen setzt ein Menschenbild voraus, das längst noch nicht in allen Betrieben verankert ist.»
Im Workshop von Martin Stalder, Ressortleiter höhere Berufsbildung beim Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT), wurde diskutiert, welche Rolle das BBT künftig in der Berufsbildung spielen solle. Für Stalder ist das Amt «der richtige Ort, um die Zusammenarbeit der Player zu fördern und zu fordern.» Die Entwicklung von Qualifikationsprofilen hingegen gehöre eindeutig in die Hand der Organisationen der Arbeitswelt, also der Angestelltenorganisationen und der Branchenverbände der Arbeitgeber. «Die Schulen», sagte Stalder, sind dafür nicht nötig. Sie sind erst bei dem Wie der Umsetzung gefragt.»
Diese Aussage blieb in der anschliessenden Plenumsdiskussion unwidersprochen. Eigentlich verwunderlich: Der mit Abstand grösste Teil der Teilnehmenden waren nämlich Vertreter/innen von Weiterbildungsinstitutionen.





