Context 11 / 2007 | 1. Juni 2007

Auch Gefühle sind erlaubt

Will man im Vorstellungsgespräch punkten, muss man sich sorgfältig vorbereiten und während des Gesprächs deutlich machen, dass man für den Job geeignet ist.
Text: Elias Kopf

Wer klar auftreten will, muss das eigene Profil kennen: «Zur Vorbereitung aufs Bewerbungsgespräch gehört, dass man sich die spezifischen Stärken und Schwächen vor Augen hält, die man für genau den Job mitbringt, auf den man sich bewirbt», sagt Guy Ochsenbein, Leiter des Instituts für Personalmanagement und Organisation der Fachhochschule Nordwestschweiz. Zudem sollte man für einen überzeugenden Auftritt vorgängig die in der Ausschreibung aufgeführten Angaben studieren und seine Motivation für gerade diese Stelle kennen und kommunizieren können. Hierbei hilft, wenn man sich über die Eckdaten der Firma ins Bild setzt.

Stressfragen gut vorbereiten
Angaben über den zukünftigen Arbeitgeber findet man im Internet, in der Presse, bei Kolleginnen und Kollegen sowie im Geschäftsbericht. Daneben besteht je nach Branche die Möglichkeit, sich persönlich vor Ort kurz umzuschauen: «Es ist nicht nötig, sich als Job-Bewerber zu outen, wenn man ein Geschäft kurz betritt und ein paar unverfängliche Fragen stellt», meint Tino Künzler, Geschäftsführer von Ifors, die Managementtraining und -beratung anbietet. Mit einer solchen Stippvisite lässt sich nicht nur die Arbeitsatmosphäre erkunden, sondern man findet später auch mühelos und pünktlich den Weg zum Bewerbungsgespräch.
Bestandteil einer guten Vorbereitung ist ferner, dass man sich in die Lage seiner Interview-Partner versetzt: Was für Erwartungen hat die zukünftige Chefin an mich? Mit welchen Fragen muss ich rechnen?Hinweise darauf gibt die Stellenausschreibung. «Es lohnt sich, genau zu analysieren, welche Anforderungen man erfüllt, wo man Lücken aufweist und wie sich das Fehlende allenfalls wettmachen lässt», erklärt Toni Fuchs vom Laufbahnzentrum der Stadt Zürich. Besondere Sorgfalt gilt der Vorbereitung auf mögliche Stressfragen. Denn Personalprofis sind darauf trainiert, Lücken und Brüche im Lebenslauf, problematische Arbeitszeugnisse und längere Arbeitslosigkeit durch hartnäckiges Nachbohren auszuloten.

Eigene Fragen notieren
«Wenn man noch jung ist, lassen sich Karrierebrüche auch positiv darstellen, zum Beispiel als dynamische Suche nach neuen Herausforderungen», rät Fuchs. Oder man kann Lernfähigkeit demonstrieren, indem man zum Beispiel aufzeigt, dass aus einer Kündigung wegen Unpünktlichkeit ein positiver Verhaltenswechsel erfolgt ist. Generell soll man auf Fragen nach Schwächen simple Auskünfte statt gewundene Erklärungen vorbereiten. Wer sich etwa vornimmt, eine Phase von Arbeitslosigkeit als Weiterbildung zu kaschieren, läuft Gefahr, bei unerwarteten Folgefragen ins Schleudern zu geraten. «Wird dagegen offen deklariert, dass man halt eine Zeitlang arbeitslos war, frage ich kaum nach», meint Peter Baumgartner, Personalchef des Pharmaunternehmens Spirig. Denn in der modernen Berufswelt seien Kündigung und gelegentliche Arbeitslosigkeit keine Schande, sondern normaler Bestandteil sehr vieler Biografien, so Baumgartner.
Doch nicht nur die Unternehmensvertreter, auch die Jobbewerber/innen haben einen Anspruch darauf, Fragen zu stellen und ehrliche Antworten zu erhalten. Damit die eigenen Anliegen in der Hektik des Job-Interviews nicht vergessen gehen, ist es sinnvoll, vorgängig zu notieren, was man gerne wissen möchte: «Man sollte sich beispielsweise das Stellenprofil sowie die allgemeinen Pflichten und Rechte als Mitarbeitender genauer erläutern lassen», meint Guy Ochsenbein. Gut seien auch Fragen zu den Stärken des Unternehmens und zu seiner Kultur, insbesondere im Umgang mit den Mitarbeitenden. Neben diesen Notizen ist es sinnvoll, eine Kopie des eigenen Bewerbungsschreibens und des Stellenprofils ans Vorstellungsgespräch mitzunehmen sowie Unterlagen zum Unternehmen, auf die man sich allenfalls beziehen möchte. Ferner sollte man Schreibpapier bereitlegen, um wichtige Informationen festhalten zu können.

Die richtigen Kleider
Die beste Vorbereitung nützt nichts, wenn man sich nachher vom Tempo des Interviews und vom Kreuzfeuer der Fragen ins Bockshorn jagen lässt. Auch hier gilt: Vorbereitung macht den Meister. Hat man Kollegen, die etwas von der Materie verstehen, sind Rollenspiele hilfreich. «Doch man soll auf keinen Fall fixe Antworten einstudieren, denn die späteren Gesprächsteilnehmer werden sich anders verhalten als erwartet», so Ochsenbein. «Es kommen immer Fragen, auf die man nicht vorbereitet ist.» Auch künstliche Gesten und Posen machen sich schlecht. Ochsenbein: «Es gibt keine positive Gesamtwirkung, wenn man merkt: Der hat das in einem Kurs gelernt, ist aber sonst wohl ganz anders.»
Trotzdem können Bewerbungsseminare eine gute Vorbereitungshilfe sein. Ein professioneller Interviewkurs mit Videoaufzeichnung kann den Kandidierenden vor Augen führen, wie sie selbst auf sich wirken. «Daraus erwächst ein Gespür für Dinge, auf die man bisher nicht geachtet hat», sagt Ifors-Geschäftsführer Tino Künzler. Gleichzeitig erhält man Routine im Umgang mit kniffligen Fragen. Und nicht zuletzt wirkt der Kontakt mit Menschen, die sich mit dem gleichen Problem herumschlagen, oft sehr erleichternd. In Bewerbungsseminaren lernt man auch, auf die Kleidung zu achten. «Nicht alle Farben eigenen sich für jeden Typ. Wer seine Wirkung verändern will, sollte sich damit auseinandersetzen», rät Künzler. Am wichtigsten sei es aber, dass man zum Bewerbungsgespräch Kleider anziehe, die man wirklich mag. Künzler: «Jeder Mensch hat seine ganz persönlichen Wohlfühl-Kleider. Diese vermitteln ein gutes Gefühl. Und dies trägt viel zu einem erfolgreichen Gesprächsverlauf bei.»

Offenheit statt Bewerbungstheater
Sich sorgfältig aufs Interview vorzubereiten, ist häufig schon die halbe Miete. Doch auch im Gespräch selber tragen gewisse Verhaltensweisen zum Gelingen bei. «Wenn ich beim Vorstellungsinterview schon in den ersten Minuten merke, dass im Bewerbungsschreiben ganz bewusst täuschende Angaben gemacht wurden, werde ich schon etwas sauer», meint Max Hadorn, Chef der Personalrekrutierungsabteilung des IKRK. Auch wer bloss das auswendig gelernte Sprüchlein aufsagen will, geht mit der falschen Haltung ins Bewerbungsgespräch. «Denn wenn man Fähigkeiten und Eigenschaften vorzutäuschen versucht, die man nicht hat, wirkt das nicht stimmig», betont der Leiter des Instituts für Personalmanagement und Organisation an der FHNW, Guy Ochsenbein. Mit Theaterspielen zu überzeugen, sei schwierig und führe letztlich zum Eigengoal, besser wirkten Offenheit, Ehrlichkeit und Höflichkeit: «Die Interviewer wollen neben der Fachkompetenz auch abklären, ob ein Bewerber entwicklungsfähig ist, Sozialkompetenzen mitbringt und mit seinen Schwächen umgehen kann.» Deshalb soll man zuvorkommend und kooperativ, aber nicht kriecherisch auftreten.

«Weshalb gerade zu uns?»
«Das Interview soll man möglichst konzentriert angehen», rät Tino Künzler von Ifors, die Managementtraining und -beratung anbietet. Wenn sich dann eine gute Dynamik entwickle, könne man durchaus etwas auftauen. Künzler: «Damit zeigt man, dass man flexibel auf Stimmungen reagiert und kein Holzklotz ist.» Doch auch in scherzhaften Momenten darf man den Zweck des Gesprächs nie aus den Augen verlieren: «Die Firma will wissen, ob Motivation und Fähigkeiten für die offene Stelle vorhanden sind», mahnt Toni Fuchs vom Laufbahnzentrum der Stadt Zürich.
Um beim Vorstellungsgespräch zu punkten, muss man aber auch überzeugende Gründe auftischen, wieso man gerade für diese Stelle eingestellt werden will. Gut machen sich: Karriereschritt, Ortswechsel aufgrund einer familiären Veränderung, Wiedereinstieg. Interessant sind ferner Personen, die nach einer Weiterbildung die passende Stelle suchen, um das Ge-lernte umzusetzen. Wenn immer möglich, sollte man den angestrebten Job als logischen, aufbauenden Wechsel darstellen. Zwar kommen auch Karrierebrüche mit vollständiger Neuorientierung vor, wie Max Hadorn vom IKRK einräumt: «Doch dann wollen wir genau wissen, weshalb jemand solch eine weit reichende Entscheidung trifft.»

Üble Nachrede vermeiden
Der heikelste Moment im Vorstellungsgespräch naht oft, wenn man zum früheren Arbeitgeber befragt wird - vor allem, wenn es Unstimmigkeiten gegeben hat. Für üble Nachrede gibts die rote Karte. Denn wer über den Ex-Chef herzieht, zeigt damit, dass er die Situation nicht verarbeitet hat und den eigenen Anteil am Konflikt nicht akzeptieren kann. «Zudem geht der neue Arbeitgeber davon aus, dass man über ihn später genau gleich wettern wird», warnt Ifors-Chef Tino Künzler. Deshalb solle man sich möglichst wertfrei äussern und beispielsweise darauf hinweisen, dass man sich im Lauf der Zeit immer weniger mit dem alten Unternehmen habe identifizieren können, rät Künzler. Auch wer Mobbing als Kündigungsgrund durchscheinen lässt, begibt sich auf dünnes Eis. Man muss solche Vorwürfe an einem gravierenden Vorfall plausiebel machen können. Dazu Peter Baumgartner, Personalchef des Pharmaunternehmes Sprig: „Einmal stellten wir eine Person an, welche die Schikanen klar benennen konnte. Das Mobbing bestand darin, dass der frühere Vorgesetzte besonders gute Leistungen des Mitarbeiters als seine eigenen darstellte und dafür Boni einsteckte." Dagegen erkannte Baumgartner kein Mobbing, als jemand klagte, er habe vom Chef nie Informationen erhalten: „Es handelte sich um einen trägen Mitarbeiter, der nie nachfragte. Was er für Mobbing hielt, hatte er mit seinem eigenen Verhalten erst ausgelöst.

Befindlichkeiten äussern
Besser als zu schimpfen und zu jammern, macht es sich persönliche Veränderungen ins Feld zu führen. Tino Künzler: „Wer sagt, er habe sich nach einer Phase wichtiger Umbrüche neu fokussiert, muss aber zeigen, dass tatsächlich eine Neuorientierung stattgefunden hat." Fiktive Sprachkurse etwa fliegen innert Minuten auf, wenn der Interviewer überraschend die Sprache wechselt. Hier sind sich alle Personalverantwortlichen, Laufbahnberater und Human Resources-Forscher einig: „Lügen ist Mist!"
Doch wie findet man wieder auf den geraden Weg zurück, wenn man sich trotzdem ins Abseits geflunkert hat? Man muss die Sache sofort klarstellen, rät Künzler. Beispielsweise indem man sagt: "Da ist gerade Missverständnis entstanden. Ich wollte bloss sagen, dass ich mich im Rahmen einer Auslandreise auch intensiv mit der Sprache beschäftigt habe." Zum klaren Kommunizieren gehört auch, dass man wenn nötig über seinen inneren Zustand reden kann. Wer Gefühle offenlegt, verscherzt sich keine Sympathien. Dazu Toni Fuchs vom Laufbahnzentrum in Zürich: „Wenn man bei einem Anfall von Unsicherheit zum Beispiel sagt „Sie merken vielleicht, ich bin jetzt gerade fürchterlich nervös, es ist für mich eine ungewohnte Situation", lässt der Druck nach und man kann sich wieder fassen.

Will ich zu dieser Firma?
In Zeiten des Konjunkturaufschwungs muss man nicht jeden beliebigen Job akzeptieren. Ob einem eine Stelle wirklich entspricht, findet man nicht zuletzt im Bewerbungsgespräch heraus. Denn hier lernt man die Vorgesetzten und das Team kennen. Personalspezialist Guy Ochsenbein von der Fachhochschule Nordwestschweiz rät, auf folgende Punkte zu achten: Stellt man mir die Firma und meine Aufgaben vor oder verläuft das Gespräch wie ein Inquisitionstribunal? Werde ich totgeschwatzt oder entsteht ein Dialog, bei dem ich auch meine Fragen äussern kann? Wenn das Gesprächsklima angenehm ist, kann man die Ampel auf Grün stellen. eko