Das Betriebsökonomie-Studium an den Fachhochschulen ist eine Erfolgsgeschichte. Schlossen vor sieben Jahren noch knapp 600 Studierende mit einem Diplom ab, waren es gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Statistik fünf Jahre später, im Jahr 2005, tausend Absolvierende mehr. Betriebsökonomie ist auch mit Abstand das Studienfach, das am meisten Studierende anzieht. In Informatik, der zweit beliebtesten Disziplin, schlossen 2005 gut 550 Studierende ab. Grund genug also, bei Absolventen nachzufragen, was das Wirtschaftsstudium so attraktiv macht.
Nähe matchentscheidend
«Ich wollte schon immer Wirtschaft studieren», sagt Sybille Betschart. Ein Universitätsstudium zog sie nicht in Betracht, denn auf berufliche Erfahrung wollte sie nicht verzichten. Weshalb sie nach der gymnasialen Matura erst im Tourismusbüro Einsiedeln arbeitete und berufsbegleitend an der Internationalen Schule für Touristik in Zürich studierte. An der Hochschule für Wirtschaft in Luzern (HSW) konnte Sybille Betschart nach einem Übergangssemester gleich ins fünfte Semester einsteigen. Dort studierte die 28-Jährige dann vollzeitlich: «Ich wollte mich ganz aufs Studium konzentrieren.» Ihre Wahl fiel auch deshalb auf die HSW, weil einzig die HSW das verkürzte Studium anbot. Aus materiellen Gründen hat Sybille Betschart ihr Fach nicht gewählt: «Viele studieren Wirtschaft, weil sie mit einem frappanten Lohnanstieg rechnen. Das ist die falsche Einstellung.»
Roger Catregn wusste nach der KV-Lehre auf der Gemeindeverwaltung St. Moritz und eineinhalb Jahren Berufspraxis in einem Reisebüro in Andeer: «Ich wollte in Richtung Wirtschaft weitermachen.» Also holte er die Berufsmatura nach und schrieb sich an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Chur ein. Der heute 31-Jährige wählte die Churer Hochschule der Nähe zum damaligen Wohnort Thusis und des «familiären Touches» wegen.
Anders begründet der Banker Andreas Heeb seine Wahl: Er wollte berufsbegleitend studieren, weil er selbst für seinen Lebensunterhalt aufkommen wollte. 1998, als er begann, Wirtschaft zu studieren, gab es im Raum Zürich einzig die Hochschule für Wirtschaft (HWZ), an der ein Teilzeitstudium möglich war. Damals war er bei der Credit Suisse als Sachbearbeiter im Corporate Actions tätig, das Wertpapiere für Bankkunden verwaltet. Für das Betriebsökonomie-Studium entschied er sich aufgrund dessen Breite: «Ich wollte die Option haben, später auch in die Industrie wechseln zu können.»
Aus demselben Grund - die breite Ausbildung - entschied sich Caroline Tschopp für das Betriebsökonomie-Studium. Die 35-jährige Managerin, die heute bei PricewaterhouseCoopers in der Mehrwertsteuerberatung tätig ist, hat ihr Studium bereits 1998 abgeschlossen, also noch bevor die Wirtschaftshochschulen von Studierenden überrannt wurden. Sie studierte Vollzeit an der Hochschule für Wirtschaft in Basel. Wohnhaft bei der Mutter und in Genuss eines Stipendiums war sie nicht gezwungen, berufsbegleitend zu studieren.
Mässige Berufseinstiegsquote
Bereits vier Monate vor Abschluss ihres Studiums an der HSW Luzern im Herbst 2005 schaffte Sybille Betschart wieder den Anschluss an die Arbeitswelt. In der Durrer Spezialmaschinen AG in Küssnacht am Rigi ist sie im Marketing und als Assistentin der Geschäftsleitung tätig. Als Betriebsökonomie-Studentin hat sie in Dienstleistungsmarketing vertieft, was nicht gerade auf eine Firma passt, die Investitionsgüter produziert. Doch weil Durrer nicht allein Maschinen liefert, sondern auch den Service und Support stellt, kann Sybille Betschart ihr Spezialwissen über Dienstleistungsmarketing einbringen.
Eine gängige Erklärung, weshalb das Betriebswirtschaftsstudium boomt, lautet, dass Ökonomen und Ökonominnen auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Studienabgänger/innen aus dem Fachbereich Wirtschaft und Dienstleistungen - dazu gehören nebst Betriebsökonomie beispielsweise auch Wirtschaftsinformatik, Hotellerie oder Kommunikation - erreichen nach der Berechnung des Bundesamts für Statistik bloss eine unterdurchschnittliche Berufseinstiegsquote: Während 2004 zwei Monate nach Studienabschluss beinahe 77 Prozent der Absolventen einer Lehrerausbildung den Einstieg geschafft hatten, waren es bei den Absolventen des Fachbereichs Wirtschaft und Dienstleistungen gerade mal 43 Prozent. Auch nach einem Jahr betrug die Quote lediglich 56 Prozent - der Durchschnitt aller FH-Diplomanden des Jahrgangs 2004 lag nach einem Jahr bei 63 Prozent.
Die Berufseinstiegsquote von Betriebsökonomen und -ökonominnen wurde bislang nicht separat ermittelt. Daher lässt sich aus der Tatsache, dass zahlreiche Absolventen aus dem Fachbereich Wirtschaft und Dienstleistungen mit dem Einstieg Mühe bekunden, nicht schliessen, dass auch Betriebsökonomen und -ökonominnen hier Schwierigkeiten haben. Doch ebenso ist nicht auszuschliessen, dass das Betriebswirtschaftsstudium vielleicht nicht die angenommene Einbahnstrasse Richtung erfolgreiche Karriere ist. Deshalb stellt sich die Frage, wie Absolventen den Berufseinstieg meistern.
Gelernt, Zeitdruck zu ertragen
Roger Catregn schloss sein Betriebswirtschaftsstudium im Jahr 2000 ab. Er nahm sich eine Auszeit von vier Monaten, die er unter anderem Englisch lernend in Australien verbrachte. Nach einem kurzen Engagement an der HTW Chur folgte die Anstellung als Leiter Finanzen und Administration Personelles in der Gesundheitsdirektion des Kantons Zug, die er bis heute innehat. Dass er dank des Studiums einen Karrieresprung gemacht hat, bejaht Roger Catregn. Auch finanziell hat es sich ausgezahlt, verdient er doch jährlich rund 130 000 Franken.
Nicht unbedingt von einem Karrieresprung möchte Andreas Heeb sprechen, der mittlerweile bei der Graubündner Kantonalbank (GKB) das Corporate Actions leitet. Der 29-Jährige ist zwar auch der Auffassung, dass seine berufliche Laufbahn anders verlaufen wäre, hätte er nicht studiert. Doch nicht in erster Linie aus fachlichen Gründen: «Nach fünf Jahren hat man die Hälfte vergessen», sagt Heeb. Vielmehr glaubt er, der an der HWZ berufsbegleitend studierte, dass die Doppelbelastung von Job und Studium eine wichtige Erfahrung war: «Dank des Studiums habe ich ein ausgezeichnetes Zeitmanagement. Ich bin sehr effizient und kann auch ‹under pressure› locker bleiben.» Mancher habe diesem Druck nicht standgehalten und sei ausgestiegen. Anders Heeb: «Die ‹Power› und die Selbstsicherheit, die ich damals erwarb, kann ich heute im Geschäft einsetzen.»
Während des letzten Studienjahres 2001/02 wechselte Andreas Heeb zur Zürcher Kantonalbank, wo er zuletzt drei Jahre als Teamleiter im Corporate Actions tätig war. «Mitarbeitende zu führen, macht mir am meisten Spass», sagt der Banker, der auch heute bei der GKB seinen Spass hat, leitet er doch jetzt - als Zweitjüngster - ein neunköpfiges Team. Nicht die Hochschule, sondern die Pfadfinder haben ihn auf den Pfad des Führens gebracht: «Seit ich achtjährig zu den Pfadfindern ging, nahm ich immer ‹Leadfunktionen› wahr.» Dass ein Hochschulstudium auch finanziell einschenkt, kommt ihm zwar recht: «Falls ich mal Familie habe, möchte ich nicht zu den Working Poor gehören.» Doch er vertrete auch nicht die Haltung, dass er unter 20 000 Franken pro Monat nicht arbeiten gehe.
Etwas verzögert stieg Caroline Tschopp nach ihrem Studium in Basel ins Berufsleben ein. Sie fasste einen Auslandaustausch ins Auge, der sich aber nicht realisieren liess. Weshalb sie erst drei Monate nach ihrem Diplom als Assistant Controller bei Hilton anheuerte, zuerst zwei Jahre in Basel, dann ebenso lange in Montreal. Damit blieb sie der Branche treu, in der sie bereits das kaufmännische Metier gelernt hatte. Im September 2002 wagte sie den Sprung in eine andere Branche, zu PricewaterhouseCoopers (PWC). «Das Studium ist ein guter Einstieg in die erste Kaderstellung», sagt Caroline Tschopp, die nach Studienabschluss bei Hilton das Buchhaltungsteam leitete. Auch führt sie ihre aktuelle Anstellung bei PWC auf das breite betriebswirtschaftliche Know-how zurück, das sie während des Studiums erworben hatte.
Rechnung aufgegangen
Die befragten Absolventen und Absolventinnen zeigen ein deutlich anderes Bild als die Absolventenstatistik des 2004er-Jahrgangs: Spätestens nach einem halben Jahr hatten alle eine feste Stelle. Caroline Tschopp mit Abschlussjahrgang 1998 weiss, dass ihre damaligen Mitstudierenden keine Probleme beim Berufseinstieg hatten. «Vom Hören-sagen her habe ich aber den Eindruck, dass es heute schwieriger geworden ist, gleich eine Stelle zu finden.»
Bemerkenswert an den Erfahrungen der hier Befragten ist ihre Überzeugung, dass ihre berufliche Laufbahn ohne Studium anders verlaufen wäre - wenn sie auch unterschiedliche Gründe dafür angeben. Zum Aufstieg beigetragen habe das erworbene betriebswirtschaftliche Know-how. Von Absolventen, die Wirtschaft berufsbegleitend studierten, wird insbesondere aber auch die Fähigkeit genannt, hoher Belastung standhalten zu können. Ebenso hat das FH-Diplom dem einen oder anderen den Sprung nicht nur in eine andere Branche ermöglicht, sondern auch in eine andere Lohnklasse. Mit der Möglichkeit, die angestammte Branche zu verlassen, ging sicherlich die Rechnung für diejenigen auf, die als Motiv für ihr Betriebswirtschaftsstudium die generalistische Ausrichtung des Studienfachs angeben.





