Context 10 / 2007 | 18. Mai 2007

Die Welterklärer

Man kennt ihre Namen, aber nur wenige wissen, welche Impulse sie der Wirtschaft gaben und geben. Ein Buch stellt nun die wichtigsten Ökonomen der Welt vor.
Text: Ingo Boltshauser

Wer sich je intensiver mit Volkswirtschaft befasst hat, weiss wohl alles Nennenswerte über Adam Smith. Bei allen anderen lässt der Name vielleicht etwas anklingen: Man weiss zum Beispiel, dass er ein bedeutender Wirtschaftsgelehrter war. Eventuell bringt man den Namen auch mit Freihandel in Verbindung, mit der Geburt des ungezügelten Kapitalismus zu Beginn der industriellen Revolution.

Diese Antwort stimmt, und dennoch greift sie zu kurz. Smith, 1723 in Schottland geboren, lebte in einer Ära, in der die industrielle Revolution zwar schon einsetzte, die aber nach wie vor feudalistisch geprägt war. Unternehmergeist wurde vom Adel und von Politikern allzu oft kritisch beäugt und abgewürgt. Smiths Hauptwerk «Der Wohlstand der Nationen» ist letztlich eine Antwort auf die Ansichten der damaligen Elite. Auf über 1000 Seiten legt er darin dar, dass sich die Wirtschaft am besten und zum Nutzen aller entfalten kann in einem Klima, das möglichst frei ist von staatlichem Dirigismus. Doch das Buch war viel mehr als nur das: Es war die erste umfassende und wirtschaftswissenschaftliche Analyse überhaupt; Smith wurde mit dem Buch gleichsam zum Vater der Nationalökonomie.

 

Vieles, wofür Smith heute steht, etwa, dass er einem kaltherzigen Raubtierkapitalismus das Wort redete, ist falsch und fällt allenfalls auf seine Jünger zurück. Smiths Werk selbst ist durchzogen von einem freiheitlichen und individualistischen Menschenbild, das auf Tugend und Gerechtigkeit aufbaut, und mit manchem, was heute in seinem Namen gesagt und getan wird, wäre er wohl gar nicht einverstanden.

Dieses Schicksal teilt er mit vielen grossen Denkern. Karl Marx wäre wohl entsetzt gewesen, hätte er mit ansehen müssen, was Stalin und andere in seinem Namen anrichteten. Und auch John Maynard Keynes hätte sich wohl gründlich missverstanden gefühlt, wenn sich Regierende immer dann auf ihn berufen, sobald sie die Staatsschulden anwachsen lassen. Keynes forderte die Staaten zwar auf, in Zeiten schwächelnder Konjunktur zusätzliches Geld in die Wirtschaftskreisläufe zu pumpen, doch müssten diese Schulden bei guter Wirtschaftslage auch wieder abgebaut werden.

 

Spannend und leichtverständlich

Das Buch «Die zwölf wichtigsten Ökonomen der Welt» gibt nun Gelegenheit, den Gedankengängen der bedeutendsten Wirtschaftswissenschafter wenigstens der Spur nach zu folgen. Auf jeweils wenigen Seiten werden Werdegang, politische Ansichten und die von den Porträtierten aufgestellten Theorien umrissen. Ausserdem werden die Personen historisch eingebettet, denn ohne diesen Bezugsrahmen sind auch ihre Ideen nicht immer nachvollziehbar. Ergänzt werden die Porträts jeweils durch einen Lebenslauf, einen tabellarischen Überblick über das Weltgeschehen der jeweiligen Epoche, ein Verzeichnis der wichtigsten Werke und Sekundärliteratur und einen Blick auf berühmte Zeitgenossen aus Politik und Wirtschaft, die sich die Ideen dieser Vordenker zu Eigen gemacht haben.

 

Der Reigen der vorgestellten Persönlichkeiten spannt sich von Smith, dem Vater der Nationalökonomie, bis hin zum Guru der Globalisierungskritiker Joseph Stiglitz. Ebenfalls vorgestellt werden Hernando de Soto, der sich als Fürsprecher der Dritten Welt einen Namen gemacht hat, der ultraliberale Milton Friedman und der Nobelpreisträger John Forbes Nash, dessen Leben vor fünf Jahren Grundlage für den Kinohit «A Beautiful Mind» mit Russel Crowe war. Im Weiteren werden David Ricardo, Léon Walras, Friedrich August von Hayek, Peter F. Drucker und Amartya Sen porträtiert.

 

Herausgegeben wird das Buch von «Bilanz»-Chefredaktor René Lüchinger, der selbst auch zwei Kapitel dazu beigetragen hat. Die anderen Porträts stammen von einem halben Dutzend Autorinnen und Autoren der Wirtschaftszeitschrift; dort sind sie 2006 auch bereits als Serie erschienen. Die Texte sind durchwegs spannend abgefasst und setzen kaum ökonomisches Vorwissen voraus. Im Gegenteil: Sie animieren nachgerade, sich in diese als trocken verschriene Materie tiefer einzulesen.

 

René Lüchinger (Hrsg.):

«Die zwölf wichtigsten Ökonomen der Welt»

Orell Füssli, Zürich 2007,

CHF 39.90