Context 10 / 2007 | 18. Mai 2007

Home, sweet home

Immer mehr hoch qualifizierte Arbeitskräfte finden den Weg in die Schweiz. So genannte Relocation Services helfen ihnen bei der Ankunft.
Text: Ingo Boltshauser

Wohlhabende Amerikaner sind es sich gewohnt, auf 400 oder mehr Qua­dratmetern zu wohnen und bei jedem Schlafraum ein Bad vorzufinden. Berliner kennen von zu Hause Altstadtwohnungen mit riesigen Zimmern und dreieinhalb Me­tern Raumhöhe. Londoner sind in Sachen Wohnraum zwar weniger verwöhnt, aber wenn sie eine Wohnung wollen und das nötige Kleingeld haben, überbieten sie die Konkurrenz einfach.

 

Und dann dies: Die Norm-Deckenhöhe neuer Wohnungen beträgt in der Schweiz 2,45 Meter, Wohnungen oder Häuser mit mehr als 250 Quadratmetern sind auf dem Mietmarkt kaum zu finden, solche mit mehr als zwei Bädern schon gar nicht, und mit Geld lässt sich gar nichts bewegen. Selbst der Multimillionär muss sich in Zürich, wenn er sich für ein Mietobjekt interessiert, zum annoncierten Besichtigungstermin einfinden und danach mit 40 Mitbewerbern mittels Standardformular seinen Antrag stellen.

«Unsere wichtigste Aufgabe ist es, die Erwartungshaltungen der Personen, die in die Schweiz kommen, mit den hiesigen Ver­hältnissen in Einklang zu bringen», sagt Tanja Böhny. Sie arbeitet bei ZR Zurich Re­location, einem auf Umsiedelungen nach Zürich spezialisierten Unternehmen. Intern nennt man diesen Vorgang Expectation

Management. Nicht, weil man besonders auf Anglizismen stünde, sondern weil die Geschäftssprache mit den meisten Kunden Englisch ist.

 

Seeufer hoch im Kurs

Und dieses Expectation Management kann mitunter ganz schön anstrengend sein. Zü­richs Wohnungsmarkt ist nahezu ausge­trocknet. Einen grösseren Leerwohnungs­bestand gibt es allenfalls noch in den Neubauquartieren von Zürich West oder Zürich Nord, aber Tanja Böhny kann sich nicht erinnern, jemals einem ihrer Kunden diese Wohnlagen schmackhaft gemacht ha­ben zu können. Singles bevorzugen das See­feld oder die Altstadt, weil sie dort Gleichge­sinnte finden und das Leben pulsiert. Familien zieht es vor allem an die beiden Ufer des Zürichsees, weil dort die wichtigs­ten internationalen Schulen domiziliert sind. Und da an all diesen Lagen der Leer­wohnungsbestand besonders niedrig ist, gestaltet sich die Suche nach einer geeig­neten Bleibe oft als harte Knochenarbeit. Vor allem dann, wenn die Realität nicht mit den in den Heimatländern geprägten Wohn-Vorlieben übereinstimmt. «Manchmal zei­gen wir unseren Kundinnen und Kunden Wohnungen, von denen wir annehmen müssen, dass sie nicht infrage kommen», so Böhny. «Unter Umständen ist dies das ein­zige Mittel, um zu zeigen, wie der hiesige Wohnungsmarkt aussieht.»

 

Für das Unternehmen Zurich Relocation arbeiten fünf Beraterinnen auf Mandats­basis. Tanja Böhny selbst bleibt im Hinter­grund. Sie ist zuständig für die Erstkontakte und die Zuteilung der Dossiers und die Kun­denpflege - Auftraggeber sind in der Regel nicht die Wohnungssuchenden selbst, son­dern die Firmen, welche Mitarbeitende aus dem Ausland holen. Ausserdem unter­nimmt sie hin und wieder so genannte «Ori­entation Tours», halb- oder ganztägige Tou­ren, an denen die Expatriates das Wichtigste über Geografie, Wohnungsmarkt, Lebens­art, Verwaltung und Schulen im Raum Zü­rich erfahren.

Die Beraterinnen sind meist Familien­frauen aus mittleren bis gehobenen Verhält­nissen, die Teilzeit arbeiten. «Uns ist es wichtig, dass unsere Beraterinnen und ihre Kunden in vergleichbaren Situationen le­ben. So ist am ehesten gewährleistet, dass sie die Bedürfnisse der anreisenden Fami­lien aus eigener Anschauung kennen.»

 

Wohnung, Krippe, Ämter

Um sich ein erstes Bild der «Expats» zu ma­chen, schickt Böhny ihnen, noch bevor sie in die Schweiz reisen, einen Fragebogen zu, in dem diese Auskunft über Budget, bevor­zugte Wohnlage, die familiäre Situation und ihre Ansprüche an die neue Bleibe geben. Oft verraten sie dabei schon mehr, als ihnen eigentlich bewusst ist, vor allem darüber, wie weit sie mit den Verhältnissen in Zürich vertraut sind. Meist kann man bereits auf­grund dieses ersten Kontakts erahnen, wie viel Expectation Management erforderlich sein wird.

 

Auf Grund dieser ersten Beurteilung weist man das Mandat dann einer geeig­neten Beraterin zu. Anders als andere Relo­cation Services, die oft selbst Expatriates als Beraterinnen einsetzen, arbeitet man bei Zurich Relocation fast ausschliesslich mit Schweizerinnen zusammen. «Wir wollen unseren Kunden nicht heimatliche Gebor­genheit bieten, sondern den bestmöglichen Service. Und dafür braucht es in erster Linie exzellente Kenntnisse der hiesigen Gege­benheiten», so Tanja Böhny.

Die Unterstützung bei der Wohnungs­suche ist zwar der Hauptbestandteil des Auftrages, die Kunden können aber noch zahlreiche andere Hilfen in Anspruch neh­men: Begleitung bei Amtsgängen, Unter­stützung bei der Suche nach geeigneten Schulen und Kinderbetreuungsstätten, An­meldung von Radio/TV, Telefon, Strom und Wasser und vieles mehr. Gleichsam en pas­sant vermitteln die Beraterinnen ihren Kun­den viel über die Schweizer Lebensweise, das Vereinsleben oder wichtige «Dos» und «Dont's».

 

Deutsche als schwierigste Kunden

«Die Zeiten, als in der Schweiz hoch quali­fizierten Ausländern der rote Teppich aus­gerollt wurde, sind schon lange vorbei», wiegelt Tanja Böhny entsprechende Vorstel­lungen ab. Quantitativ habe das Geschäft zwar zugenommen, aber die Unternehmen greifen nur noch bei absoluten Topleuten, die die Bedingungen selbst diktieren kön­nen, ins grosse Portemonnaie. Angestellte des mittleren und unteren Kaders bekämen oft nur relativ kleine Unterstützungspakete zugesprochen, im Rahmen von wenigen tausend Franken. Immer öfter käme es auch vor, dass im Ausland akquirierte Arbeits­kräfte gerade noch eine Orientation Tour und zwei Wochen Hotel spendiert bekämen, danach seien sie auf sich allein gestellt. Tan­ja Böhny zweifelt allerdings daran, dass sich diese Haltung langfristig auszahlt: «Wenn ein hoch qualifizierter Angestellter Tage da­mit verplempern muss, eine Wohnung zu suchen und sich in der Schweiz zurechtzu­finden, dann kostet das die Firma ebenfalls Geld, das bei einem Relocation Service bes­ser investiert gewesen wäre.»

Auch die Betreuung der ausländischen Zuzüger stelle man sich oft viel zu glamou­rös vor. «Sicher, man trifft viele interessante Leute. Aber besonders tief gehen diese Be­ziehungen in aller Regel nicht. Für unsere Kunden sind wir nicht viel mehr als bessere Chauffeure, und die Probleme, bei denen wir ihnen behilflich sind, empfinden sie oft als lästige Nebensächlichkeiten.»

Gibt es auch Kunden, die schwer oder gar nicht zufriedenzustellen sind? «Ja», sagt Böhny, «aber das hat weder mit der Her­kunft noch mit der sozialen Position zu tun. Schwierig wird es dann, wenn unsere Kun­den nicht bereit sind, von festgefahrenen Positionen abzurücken.» Am ehesten Mühe bekunden erstaunlicherweise die Deut­schen. «Wer von weit herkommt, erwartet in der Regel nicht, hier ein Spiegelbild seiner Heimat vorzufinden», erklärt Tanja Böhny. «Da wir und die Deutschen uns sprachlich, geografisch und kulturell aber so nahe sind, ist es für sie am schwierigsten zu begreifen, dass eben doch nicht alles gleich läuft.»

 

Relocation Services

in Zürich

 

Insgesamt gibt es in Zürich rund 20 Unterneh­men, die Relocation-Dienstleistungen anbie­ten. Die meisten davon sind Einpersonenbe­triebe, die oft von zu Hause aus operieren, denn dieses Geschäft lässt sich quasi aus dem Stand aufbauen. Wichtig sind neben Computer und Telefon lediglich gute Kontakte zu Unter­nehmen sowie gute Kenntnisse von Zürich.

 

Unter den professionelleren Anbietern nimmt die Zurich Relocation eine Sonderstellung ein, da sie neben den klassischen Relocation-Dienstleistungen ein zweites Geschäftsfeld hat: Sie vermietet insgesamt 50 fertig möblier­te Wohnungen vom einfachen Studio bis hin zur Luxusbleibe für über 10 000 Franken im Monat. Dieses Angebot richtet sich in erster Linie an Personen, die nur wenige Monate in der Schweiz bleiben wollen. Oft werden die möblierten Wohnungen aber auch als Über­gangslösung benutzt, bis eine feste Wohnung gefunden wird.