Wohlhabende Amerikaner sind es sich gewohnt, auf 400 oder mehr Quadratmetern zu wohnen und bei jedem Schlafraum ein Bad vorzufinden. Berliner kennen von zu Hause Altstadtwohnungen mit riesigen Zimmern und dreieinhalb Metern Raumhöhe. Londoner sind in Sachen Wohnraum zwar weniger verwöhnt, aber wenn sie eine Wohnung wollen und das nötige Kleingeld haben, überbieten sie die Konkurrenz einfach.
Und dann dies: Die Norm-Deckenhöhe neuer Wohnungen beträgt in der Schweiz 2,45 Meter, Wohnungen oder Häuser mit mehr als 250 Quadratmetern sind auf dem Mietmarkt kaum zu finden, solche mit mehr als zwei Bädern schon gar nicht, und mit Geld lässt sich gar nichts bewegen. Selbst der Multimillionär muss sich in Zürich, wenn er sich für ein Mietobjekt interessiert, zum annoncierten Besichtigungstermin einfinden und danach mit 40 Mitbewerbern mittels Standardformular seinen Antrag stellen.
«Unsere wichtigste Aufgabe ist es, die Erwartungshaltungen der Personen, die in die Schweiz kommen, mit den hiesigen Verhältnissen in Einklang zu bringen», sagt Tanja Böhny. Sie arbeitet bei ZR Zurich Relocation, einem auf Umsiedelungen nach Zürich spezialisierten Unternehmen. Intern nennt man diesen Vorgang Expectation
Management. Nicht, weil man besonders auf Anglizismen stünde, sondern weil die Geschäftssprache mit den meisten Kunden Englisch ist.
Seeufer hoch im Kurs
Und dieses Expectation Management kann mitunter ganz schön anstrengend sein. Zürichs Wohnungsmarkt ist nahezu ausgetrocknet. Einen grösseren Leerwohnungsbestand gibt es allenfalls noch in den Neubauquartieren von Zürich West oder Zürich Nord, aber Tanja Böhny kann sich nicht erinnern, jemals einem ihrer Kunden diese Wohnlagen schmackhaft gemacht haben zu können. Singles bevorzugen das Seefeld oder die Altstadt, weil sie dort Gleichgesinnte finden und das Leben pulsiert. Familien zieht es vor allem an die beiden Ufer des Zürichsees, weil dort die wichtigsten internationalen Schulen domiziliert sind. Und da an all diesen Lagen der Leerwohnungsbestand besonders niedrig ist, gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Bleibe oft als harte Knochenarbeit. Vor allem dann, wenn die Realität nicht mit den in den Heimatländern geprägten Wohn-Vorlieben übereinstimmt. «Manchmal zeigen wir unseren Kundinnen und Kunden Wohnungen, von denen wir annehmen müssen, dass sie nicht infrage kommen», so Böhny. «Unter Umständen ist dies das einzige Mittel, um zu zeigen, wie der hiesige Wohnungsmarkt aussieht.»
Für das Unternehmen Zurich Relocation arbeiten fünf Beraterinnen auf Mandatsbasis. Tanja Böhny selbst bleibt im Hintergrund. Sie ist zuständig für die Erstkontakte und die Zuteilung der Dossiers und die Kundenpflege - Auftraggeber sind in der Regel nicht die Wohnungssuchenden selbst, sondern die Firmen, welche Mitarbeitende aus dem Ausland holen. Ausserdem unternimmt sie hin und wieder so genannte «Orientation Tours», halb- oder ganztägige Touren, an denen die Expatriates das Wichtigste über Geografie, Wohnungsmarkt, Lebensart, Verwaltung und Schulen im Raum Zürich erfahren.
Die Beraterinnen sind meist Familienfrauen aus mittleren bis gehobenen Verhältnissen, die Teilzeit arbeiten. «Uns ist es wichtig, dass unsere Beraterinnen und ihre Kunden in vergleichbaren Situationen leben. So ist am ehesten gewährleistet, dass sie die Bedürfnisse der anreisenden Familien aus eigener Anschauung kennen.»
Wohnung, Krippe, Ämter
Um sich ein erstes Bild der «Expats» zu machen, schickt Böhny ihnen, noch bevor sie in die Schweiz reisen, einen Fragebogen zu, in dem diese Auskunft über Budget, bevorzugte Wohnlage, die familiäre Situation und ihre Ansprüche an die neue Bleibe geben. Oft verraten sie dabei schon mehr, als ihnen eigentlich bewusst ist, vor allem darüber, wie weit sie mit den Verhältnissen in Zürich vertraut sind. Meist kann man bereits aufgrund dieses ersten Kontakts erahnen, wie viel Expectation Management erforderlich sein wird.
Auf Grund dieser ersten Beurteilung weist man das Mandat dann einer geeigneten Beraterin zu. Anders als andere Relocation Services, die oft selbst Expatriates als Beraterinnen einsetzen, arbeitet man bei Zurich Relocation fast ausschliesslich mit Schweizerinnen zusammen. «Wir wollen unseren Kunden nicht heimatliche Geborgenheit bieten, sondern den bestmöglichen Service. Und dafür braucht es in erster Linie exzellente Kenntnisse der hiesigen Gegebenheiten», so Tanja Böhny.
Die Unterstützung bei der Wohnungssuche ist zwar der Hauptbestandteil des Auftrages, die Kunden können aber noch zahlreiche andere Hilfen in Anspruch nehmen: Begleitung bei Amtsgängen, Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Schulen und Kinderbetreuungsstätten, Anmeldung von Radio/TV, Telefon, Strom und Wasser und vieles mehr. Gleichsam en passant vermitteln die Beraterinnen ihren Kunden viel über die Schweizer Lebensweise, das Vereinsleben oder wichtige «Dos» und «Dont's».
Deutsche als schwierigste Kunden
«Die Zeiten, als in der Schweiz hoch qualifizierten Ausländern der rote Teppich ausgerollt wurde, sind schon lange vorbei», wiegelt Tanja Böhny entsprechende Vorstellungen ab. Quantitativ habe das Geschäft zwar zugenommen, aber die Unternehmen greifen nur noch bei absoluten Topleuten, die die Bedingungen selbst diktieren können, ins grosse Portemonnaie. Angestellte des mittleren und unteren Kaders bekämen oft nur relativ kleine Unterstützungspakete zugesprochen, im Rahmen von wenigen tausend Franken. Immer öfter käme es auch vor, dass im Ausland akquirierte Arbeitskräfte gerade noch eine Orientation Tour und zwei Wochen Hotel spendiert bekämen, danach seien sie auf sich allein gestellt. Tanja Böhny zweifelt allerdings daran, dass sich diese Haltung langfristig auszahlt: «Wenn ein hoch qualifizierter Angestellter Tage damit verplempern muss, eine Wohnung zu suchen und sich in der Schweiz zurechtzufinden, dann kostet das die Firma ebenfalls Geld, das bei einem Relocation Service besser investiert gewesen wäre.»
Auch die Betreuung der ausländischen Zuzüger stelle man sich oft viel zu glamourös vor. «Sicher, man trifft viele interessante Leute. Aber besonders tief gehen diese Beziehungen in aller Regel nicht. Für unsere Kunden sind wir nicht viel mehr als bessere Chauffeure, und die Probleme, bei denen wir ihnen behilflich sind, empfinden sie oft als lästige Nebensächlichkeiten.»
Gibt es auch Kunden, die schwer oder gar nicht zufriedenzustellen sind? «Ja», sagt Böhny, «aber das hat weder mit der Herkunft noch mit der sozialen Position zu tun. Schwierig wird es dann, wenn unsere Kunden nicht bereit sind, von festgefahrenen Positionen abzurücken.» Am ehesten Mühe bekunden erstaunlicherweise die Deutschen. «Wer von weit herkommt, erwartet in der Regel nicht, hier ein Spiegelbild seiner Heimat vorzufinden», erklärt Tanja Böhny. «Da wir und die Deutschen uns sprachlich, geografisch und kulturell aber so nahe sind, ist es für sie am schwierigsten zu begreifen, dass eben doch nicht alles gleich läuft.»
Relocation Services
in Zürich
Insgesamt gibt es in Zürich rund 20 Unternehmen, die Relocation-Dienstleistungen anbieten. Die meisten davon sind Einpersonenbetriebe, die oft von zu Hause aus operieren, denn dieses Geschäft lässt sich quasi aus dem Stand aufbauen. Wichtig sind neben Computer und Telefon lediglich gute Kontakte zu Unternehmen sowie gute Kenntnisse von Zürich.
Unter den professionelleren Anbietern nimmt die Zurich Relocation eine Sonderstellung ein, da sie neben den klassischen Relocation-Dienstleistungen ein zweites Geschäftsfeld hat: Sie vermietet insgesamt 50 fertig möblierte Wohnungen vom einfachen Studio bis hin zur Luxusbleibe für über 10 000 Franken im Monat. Dieses Angebot richtet sich in erster Linie an Personen, die nur wenige Monate in der Schweiz bleiben wollen. Oft werden die möblierten Wohnungen aber auch als Übergangslösung benutzt, bis eine feste Wohnung gefunden wird.





