Context 08 / 2007 | 13. April 2007

Zeit für den Nachwuchs

Unternehmen und Politiker/innen machen vorwärts mit dem Vaterschaftsurlaub. Was bringt er eigentlich?
Text: Lukas Kistler

Er ist in aller Munde: der Vaterschaftsurlaub. Im Juni letzten Jahres reichte die Berner Nationalrätin Franziska Teuscher dazu einen Vorstoss ein. Seit Anfang Jahr schicken sowohl der Migros-Genossen-schafts-Bund als auch die UBS ihre Mitarbeiter nach der Geburt ihres Kindes für zehn Arbeitstage nach Hause - ohne Lohneinbusse. Und Anfang März nahm der Nationalrat eine Motion an, die den Bundesrat damit beauftragte, einen Vaterschaftsurlaub auszuarbeiten.

 

Erst kürzlich befasste sich der Bundesrat mit dem Thema: Denn im Januar lancierte die Volkswirtschaftsministerin Doris Leut-hard ein Ensemble von Massnahmen, das Mitarbeitenden des Eidgenössischen Volks-wirtschaftsdepartements erleichtern soll, Berufs- und Familienarbeit zu koordinieren, darunter ein von zwei auf fünf Tage verlängerter Vaterschaftsurlaub. In diesem letzteren Punkt wurde sie indes vom Bundesratskollegium zurückgepfiffen mit der Begründung, dass die Departemente einander nicht konkurrenzieren sollen. Paradoxerweise sieht aber gerade die laufende Verwaltungsreform vor, dass die Departemente bei der Gestaltung ihrer Personalpo-litik autonomer werden sollen. Der Bundesrat entscheidet die Frage des Urlaubs für Väter, die beim Bund tätig sind, bis im Sommer.

 

Finanzierung wie bei Müttern

Acht Wochen bei 80 Prozent des Lohns - so entwirft Franziska Teuscher, Nationalrätin des Kantons Bern, in ihrer parlamentarischen Initiative einen möglichen Vaterschaftsurlaub. «Väter sollen sich für ihr Kind Zeit nehmen können», sagt Teuscher. Studien würden zeigen, dass ein Elternurlaub ein wichtiger Faktor dafür sei, ob Paare Kinder haben wollen. Die geringe Anzahl Kinder, die hierzulande geboren würden, sei ein Armutszeugnis für die Schweiz. Davon, ob Paare sich für Nachwuchs entscheiden, hänge die Zukunft unserer Gesellschaft ab. Teuschers Vorschlag orientiert sich am achtwöchigen Arbeitsverbot für Mütter, wie es früher das Obligationenrecht vorgeschrieben hatte. «Acht Wochen», so die grüne Politikerin, «sind das absolute Minimum. Viele andere Länder Europas haben Elternurlaube, die darüber hinausgehen.» Der Urlaub für Väter soll mit der Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert werden, mit derselben Sozialversicherung also, die seit knapp zwei Jahren die Mutterschaftsversicherung alimentiert. «Die Urlaube von Müttern und Vätern gehören zusammen, deshalb sollen sie auch aus demselben Topf bezahlt werden.» Mit diesem Vorschlag hofft Franziska Teuscher die Debatte, die bislang an der Frage der Finanzierung scheiterte, wieder in Gang zu bringen.

 

Allerdings hat die zuständige Kommission des Nationalrats Teuschers Vorschlag bisher weder diskutiert noch traktandiert. Nun gibt aber der Nationalrat Gas, indem er der Motion ihres Ratskollegen, des Waadt-länders Roger Nordmann, Anfang März knapp zustimmte, wonach der Bundesrat die gesetzlichen Anpassungen für einen Vaterschaftsurlaub von «einigen Wochen» ausarbeiten soll. Auch gemäss dem Vorstoss des SP-Nationalrats soll der Urlaub mit dem Erwerbsersatz finanziert werden. Gerade hinter diesen Finanzierungsmodus setzt der Bundesrat in seiner Stellungnahme aber ein Fragezeichen. In seiner ablehnenden Stellungnahme schreibt er, dass der EO-Bei-tragssatz in vier Jahren von heute 0,3 auf 0,4 und nach zwei weiteren Jahren auf 0,5 Prozent erhöht werden muss. Die Landesregierung propagiert den sozialpartnerschaftlichen Weg. Die Motion geht nun an den Ständerat.

 

Einer der Sozialpartner des KV Schweiz, die Migros, hat auf Anfang Jahr einen Urlaub für frisch gebackene Väter eingeführt: Zehn Tage mit vollem Gehalt plus die Option auf zehn weitere unbezahlte Tage. Falls Zwillinge zur Welt kommen, können Väter den doppelten Urlaub beziehen. Davon profitieren alle zukünftigen Väter unter den 80 000 Mitarbeitenden, die dem neuen, auf 1. Januar dieses Jahres geltenden Landes-Gesamt-arbeitsvertrag (GAV) oder den Anstellungsbedingungen für Kader unterstellt sind. Im Vergleich zum alten GAV ist der neue für Väter attraktiver: Zuvor hatten diese bloss die Möglichkeit, einen unbezahlten Urlaub zu nehmen. Die Rückkehr an denselben Arbeitsplatz wurde immerhin ein Jahr lang garantiert - eine Regelung, die auch im neuen GAV noch gilt, eingeschränkt allerdings auf einen Arbeitsplatz in demselben Migros-Unternehmen.

 

Weshalb hat die Migros den Urlaub eingeführt? «Der Vaterschaftsurlaub ist ein Bedürfnis», stellt Urs Peter Naef, Mediensprecher beim Migros-Genossenschafts-Bund, fest. Die Frage, ob der Urlaub auch dazu diene, im Wettbewerb um Talente gute Karten zu haben, will er zumindest nicht verneinen: «Erfüllt man als Arbeitgeber die Wünsche der Angestellten, kommen diese auch aufgestellt zum Arbeiten.» Maliziös könnten Beobachter nun feststellen, dass der Urlaub der Migros finanziell nicht besonders weh tut, weist ihr Personal doch einen Frauenanteil von 60 Prozent auf. Zahlen über bezogene Urlaubstage von Vätern könne er erst Ende Jahr liefern, sagt der Migros-Mediensprecher. Gegen einen gesetzlichen Urlaub à la Teuscher oder Nordmann bringt er wie der Bundesrat finanzielle Bedenken vor und ergänzt: «Wenn wir die Preise erhöhen dürfen und niemand beklagt sich darüber, haben wir auch nichts gegen einen gesetzlichen Urlaub.»

 

Anfangsmonate wichtig

Eine andere Meinung bringt Barbara Gisi, Leiterin des Angestelltenpolitik beim KV Schweiz, zum Ausdruck: «Wenn wir mit Sozialpartnern verhandeln, haben wir in der Frage des Vaterschaftsurlaubs nicht gerade offene Türen eingerannt. Insofern bin ich klar für eine gesetzliche Lösung.» Die Migros ist denn auch der einzige Sozialpartner des KV Schweiz, der einen Vaterschaftsurlaub verankert hat. Die Kosten für einen Väterurlaub schätzt Barbara Gisi bei einer Finanzierung über die EO «Handgelenk mal Pi» auf die Hälfte der Mittel der Mutterschaftsversicherung; der Beitragssatz stiege dann um 0,1 Prozent von dereinst 0,5 auf 0,6 Prozent. Bei einem Bruttoeinkommen von 6000 Franken monatlich entsprächen 0,1 Prozent 6 Franken: «Das müsste doch drin liegen. Mir jedenfalls wäre ein Vaterschaftsurlaub 0,1 Prozent meines Lohnes wert», hält sie fest.

 

Mit der Kinderbetreuung verhalte es sich ähnlich wie mit der Fitness: Man könne nicht eine Woche lang ins Training und den Rest des Jahres darauf verzichten. «Ideal wäre deshalb, den Väterurlaub mit einer Teilzeitstelle zu kombinieren», sagt Gisi. Den Urlaub nach der Geburt findet sie umso wichtiger, als Studien nachweisen, dass sich das Kind in seinen ersten paar Lebensmonaten an die Eltern binde. Angesichts dieser guten Argumente fragt sich, weshalb die männlichen Angestellten des KV Schweiz bloss einen dreitägigen Vaterschaftsurlaub zugute haben, Teilzeitangestellte sogar nur einen ihrem Pensum entsprechenden Anteil. «Hier gibt es einen Nachholbedarf», bestätigt Barbara Gisi.

 

Kein Druck von Männern

Wieso der Vaterschaftsurlaub im Trend ist, erklärt Daniel Huber, Geschäftsführer der Fachstelle UND, die Firmen berät, wie sie Familien- und Erwerbsarbeit besser vereinbaren können. Dass manche Betriebe ihren Vaterschaftsurlaub ausdehnen, führt er weniger auf deren familiäres Engagement zurück als vielmehr auf finanzielle Reserven, da die Mutterschaftsversicherung nun von der Erwerbsersatzordnung finanziert wird. Auch eine gewisse Imagewirkung spiele bei den Unternehmen eine Rolle - das begrüsst Huber: «Ich wünschte, die Betriebe würden stärker nach aussen kommunizieren, was sie für Väter tun, und so das gewandelte Rollenbild stärken.» Huber nennt einen weiteren Grund, weshalb der Vaterschaftsurlaub en vogue ist: Er sei schneller eingeführt als Teilzeitstellen für Männer; letzteres bedürfe stärkerer Eingriffe in die Arbeitsorganisation. Allerdings würden Männer ihre Bedürfnisse häufig zu zurückhaltend formulieren und die Angebote zu wenig nutzen: «Für viele Männer ist es noch ungewohnt, einen Urlaub zu beziehen.» Daniel Huber kennt Betriebe, in denen Väter die angebotenen Urlaubstage nicht beansprucht haben. «Von den Männern kommt kein Druck», sagt er.

 

Wie ist denn der Trend zum Vaterschaftsurlaub familienpolitisch zu beurteilen? Daniel Huber dämpft allenfalls aufkeimenden Enthusiasmus: «Ein bezahlter Urlaub von beispielsweise fünf Tagen erlaubt Männern nicht, ihre Väter-Rolle stärker wahrzunehmen.» Entsprechend ist die Länge des bezahlten Urlaubs für ihn nicht entscheidend: «Es kommt vielmehr darauf an, Vätern zu ermöglichen, unbezahlten Urlaub zu beziehen und Teilzeit zu arbeiten.» Denn: Auch ein zwei- bis dreiwöchiger Vaterschaftsurlaub allein ändere nichts an der gegenwärtigen Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit zwischen Männern und Frauen. Wichtig wäre, so Huber, dass die Männer ein Recht auf unbezahlten Urlaub hätten und diesen unabhängig von betrieblichen Gegebenheiten beziehen könnten. Zu den Vorreitern, die Vätern einen unbezahlten Urlaub von einem Jahr gewähren, gehören - nebst der Migros - beispielsweise auch Mobility CarSharing, Rinco Ultrasonics, Novartis und die Stadt Zürich; die Stadt Genf bietet gar zwei Jahre an. Der grosse Haken sei indes, dass sich dies längst nicht alle finanziell leisten könnten, sagt Daniel Huber.

 

Und der bezahlte Kurzurlaub - ist er schlicht für die Katz? «Keinesfalls. Ich sehe dessen Bedeutung auf symbolischer Ebene: Damit wird ein Signal gesetzt, das andere allenfalls zur Nachahmung animiert.»

 

Im Netz

> www.und-online.ch :

Fachstelle UnD. Setzt sich ein für die Vereinbarkeit von Familien- und erwerbsarbeit von Männern und Frauen.

> www.maenner.ch :

Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen. engagiert sich für die Vereinbarkeit von Erwerbs-, Privat- und Familienleben.