Das Bedeutende zerrann, und ich widmete den unbedeutenden Dingen eine genaue Achtsamkeit und war sehr glücklich dabei.» Sehr ungewöhnlich, im Schaufenster einer Bank einen solchen Satz lesen zu können. Betritt man den zum Begegnungszentrum umgebauten Schalterraum der Berner Kantonalbank BEKB am Bundesplatz in Bern, trifft man auf eine nachgebaute Schreibstube, die zum Gedenken an den Autor dieser Zeilen errichtet worden ist: den Schriftsteller Robert Walser.
Im Raum stehen ein paar Stehpulte mit schräg gestellten Arbeitsflächen. Der im Hintergrund angebrachte Spiegel bewirkt eine Illusion von Raum. Die paar wenigen Stehpulte vervielfachen sich zu langen Pultreihen. Auf dem horizontalen Band über der Arbeitsfläche sind zwei Tintenfässchen eingelassen. Als weitere für Schreibarbeiten erforderliche Requisiten gehören Federhalter, Federn, Reissnägel, Bleistift, Gummierstift, Massstab und Locher dazu. Über jedem Arbeitsplatz eine grüne Lampe. Die in die Wände eingefügten Fenster geben den Blick frei auf die grossflächig aufgezogene Fotografie einer städtischen Häuserzeile um die Jahrhundertwende. So etwa hat ein Büroraum ausgesehen, als Robert Walser 1892 die Lehre bei der Berner Kantonalbank begann.
Flinke Handschrift
Vor diesem Hintergrund veranstaltete die BEKB am 13. März für ihre Mitarbeitenden einen After-Work-Vortrag, zu dem kurz nach sechs Uhr etwa fünfzig Zuhörerinnen und Zuhörer eintrafen. Margrit Gigerl, Leiterin des Robert-Walser-Archivs, ging zunächst auf die wichtigsten Stationen im Leben des Dichters ein.
Robert Walser wurde am 15. April 1878 als das siebte von acht Geschwistern in Biel geboren. Es wäre wohl übertrieben zu sagen, dass eine kaufmännische Lehre seinem Wunsch entsprochen hätte. Wegen der prekären finanziellen Lage seiner Eltern - sein Vater war ein erfolgloser Kaufmann - musste er im Alter von 14 Jahren das Progymnasium abbrechen, um Geld zu verdienen. «Weil er eine saubere, nette flinke Handschrift schrieb und am Zeichnen von Buchstaben eine besondere Freude bekundete», solle er doch Büroangestellter werden, riet sein Lehrer.
Drei Monate vor Ablauf der Ausbildung brach Walser die Lehre ab. Das vom Geschäftsführer der Filiale Biel in schwungvoller deutscher Schrift verfasste Zeugnis liegt in einer Ausstellungsvitrine auf. Es enthält keinerlei Hinweise über die Gründe des Lehrabbruchs. Robert Walser wird attestiert, dass er sich «in verschiedenen Büroarbeiten ausgebildet hat, dass er eine schöne Handschrift führt und dass wir betreffs seines Betragens und seines Fleisses unsere volle Zufriedenheit aussprechen können. Wir können überhaupt Herrn Walser als angehenden Commis bestens empfehlen».
Froh über das Ende
Walser hat später in verschiedenen Texten über die Arbeit im Büro geschrieben. Und auch wenn man die Erfahrungen seiner Romanfiguren nicht gleichsetzen kann mit seinen eigenen, so liegt man wohl nicht falsch, wenn man sagt, dass Robert Walser im Büro nicht glücklich war. In seinem 1907 erschienenen Roman «Geschwister Tanner» beschreibt er, wie ein junger Bankangestellter reagiert, als er von seinem Direktor entlassen wird: «Ich bin recht froh, dass es ein Ende hat. (...) In Ihren Bureaux, von denen man solches Aufhebens macht, in denen so gern jeder beschäftigt sein möchte, ist von einer Entwicklung eines jungen Mannes nicht zu reden. Ich pfeife darauf, den Vorzug zu geniessen, der mit der Auszahlung eines festen, monatlichen Gehaltes verbunden ist. Ich verkomme, verdumme, verfeige, verknöchere dabei. (...) Leben Sie wohl mein Herr, ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um Erde zu schaufeln oder etliche Säcke Kohlen auf meinem Rücken zu schleppen.»
Robert Walser war zwar noch verschiedentlich in Thun, Solothurn und Basel als Commis tätig. Am längsten hielt er es ein Jahr lang bei der Zürcher Kantonalbank aus. Das war 1904. In diesem Jahr erschienen «Fritz Kochers Aufsätze», sein erstes Buch. Ein Jahr später zog er nach Berlin, wo in rascher Folge seine drei bekanntesten Romane «Geschwister Tanner», «Der Gehülfe» und «Jakob von Gunten» entstanden. 1913 kehrte er für sieben Jahren nach Biel zurück. Während dieser Zeit war er sehr produktiv und veröffentlichte mehrere Prosasammlungen. Diese Jahre bezeichnete Walser im Rückblick als die schönste und liebste Zeit seines Lebens. Nach einer schweren psychischen Krise trat er 1929 in die Anstalt Waldau in Bern ein und kam vier Jahre später in die Heil- und Pfleganstalt Herisau. Am Weihnachtstag 1956 starb er auf einem Spaziergang im Schnee.
Endloser Vormittag
«Ein Vormittag» ist ein umwerfender Text. Stefan Suske, Schauspieldirektor des Stadttheaters Bern, hat ihn an der Mitarbeiterveranstaltung der BEKB vorgetragen. Walser beschreibt darin einen nicht enden wollenden Montagvormittag in der Buchhaltung einer Bank. Helbling ist zwanzig Minuten zu spät gekommen. «Halb neun. Helbling zieht seine Sackuhr hervor, um ihr Gesicht mit dem Gesicht der grossen Bureauuhr zu vergleichen. Er seufzt, es sind erst zehn kleine, winzige, dünne zarte, spitze Minuten verflossen, und vor ihm stehen dicke, behäbige Stunden. (...) Er prügelt in Gedanken die Minutenzeiger tot. Den Stundenzeiger wagt er überhaupt nicht anzuschauen, er hat sonst Anlass, zu fürchten, er werde ohnmächtig.» Nach einer Stunde hat er «drei Zahlen und den Versuch zu einer vierten» vollbracht. Dreizehn Minuten vergehen mit austreten. Vier Minuten verharrt er in tief gebückter Haltung und tut so, als müsste er die Schuhe binden oder einen Bleistift auflesen. Eine Luftveränderung bringt das Ablesen von Zahlen bei einem Kollegen. 15 Minuten verstreichen beim Anhören einer feierlichen Blechmusik, die einen Leichenzug anführt. Ein bisschen Zeit vergeht mit dem Abwischen von Tinte von der Nase. Die vier Minuten bis elf Uhr werden einfach eine nach der andern abgewartet. Eine weitere Viertelstunde verbringt Helbling, indem er einem teppichbürstenden herrschaftlichen Diener zuschaut. Um 12 ist der Vormittag überstanden.
Nach der Lesung nochmals ein Blick in die Schaufenster. Neben den Zitaten ist in mehrfacher Ausführung eine Ganzkörperaufnahme des Dichters zu sehen: Walser im Profil, mit Anzug, Krawatte, festen Schuhen und mit Regenschirm und Hut in der Hand. Ob ihm diese Hommage gefallen würde? «Für die BEKB ist die Ausbildung ein Engagement in die Zukunft, (...). Damit wird sichergestellt, dass die Bank mit motivierten, engagierten und bestens ausgebildeten Kräften in die Zukunft geht», heisst es in der Broschüre zur Ausstellung. Dass sich die Bank für diese Botschaft eines ehemaligen Lehrlings bedient, der mit dieser Lehre nullkommanichts anfangen konnte, ist ein Paradox, das Walser möglicherweise durchaus amüsiert hätte.
Die Ausstellung
«Robert Walser und die BEKB | BCBE»
ist bzw. war vom 5. bis 16. März 2007 im Begegnungszentrum
der BEKB am Bundesplatz 8 in Bern,
vom 2. bis 27. April 07 in der Niederlassung Thun (Bahnhofstrasse
1) und vom 30. April bis zum 25. Mai 07 in
der Niederlassung Biel (Zentralstrasse 46) zu Gast.





