Ein Buch blickt zurück auf 125 Jahre Geschichte des Arbeitens.
Im Jahr 1880 war es Tessiner Seidenspinnereien gestattet, Kinder unter zwölf Jahren zu beschäftigen - obwohl ein neues Bundesgesetz eben dies untersagte. Am Ende der 1890er-Jahre arbeiteten immer noch 67 Tessinerinnen unter 14 Jahren in den Seidenfabriken des Südkantons. Dieses düstere Kapitel Schweizer Sozialgeschichte kann im Jubiläumsband des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) nachgelesen werden. Der SGB hat sich anlässlich seines 125-jährigen Bestehens mit einem Band zur Geschichte der Arbeit, der Arbeitenden und der Gewerkschaften in der Schweiz gleich selber beschenkt.
Ein Geschenk, das sich sehen lässt: Schwarz-weiss-Bilder erzählen von Knaben, die 1872-1875 beim Bau des Gotthardtunnels als Gehilfen und 1911 in der Glashütte Hergiswil als Formenhalter eingesetzt wurden. Sie zeigen auch den Lokomotivführer Albert Hegi aus Bülach 1929 im Führerstand seiner Dampflokomotive und Rosa Bloch-Bollag, die im Juni 1918 als Redaktorin der Arbeiterinnenzeitschrift «Die Vorkämpferin» den Protest gegen die mangelhafte Lebensmittelversorgung in Zürich anführte. Diese und andere über 350 historische Aufnahmen des Bandes stammen aus Roland Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte.
Den Hauptpart des Textes hat der Historiker Bernard Degen verfasst. Da der Band nicht an ein Fachpublikum gerichtet ist, ist Degens chronologischer Abriss der Geschichte der Arbeitenden und Gewerkschaften von den Anfängen bis heute sehr gut lesbar. Zwischen Degens historischen Ausführungen werfen weitere Autoren und Autorinnen Schlaglichter auf einzelne Aspekte. Der Historiker Marc Perrenoud geht beispielsweise auf den Streik der Zürcher Bankangestellten von Ende September 1918 ein und dokumentiert die Haltung der späteren Bankiervereinigung, die den Bundesrat und den General zum Einsatz der Armee drängte. Zürich wurde am 7. November militärisch besetzt, was Tage später den landesweiten Generalstreik provozierte.
Texte und Bilder tragen gleichermassen zu dem gelungenen Band bei, der sowohl historisch Interessierte und angestelltenpolitisch Engagierte ansprechen dürfte. Lukas Kistler





