Der Inhalt des Kofferraums mag so gar nicht zum gepflegten Äusseren von Esther Moser passen, denn darin liegen Schutzhelm, Leuchtweste, Gummistiefel und Stahlkappenschuhe. Esther Moser ist Case Manager bei der Suva, und wenn sie im Aussendienst arbeitet, dann muss sie all das, was ihre Arbeitgeberin in Sachen Arbeitssicherheit einfordert, selbst ebenfalls beherzigen. «Man ist schliesslich Vorbild», sagt sie.
Doch heute bleibt die Schutzbekleidung im Kofferraum, denn die Fahrt führt zu einem Bürogebäude im Winterthurer Industriequartier. Hier arbeitet Sibylle Baumann *, eine von rund 35 Patientinnen, die Esther Moser momentan betreut.
Sybille Baumann hatte vor gut zweieinhalb Jahren einen Unfall, der zunächst harmlos schien: Sie stolperte auf einer Treppe und überdehnte sich beim Aufstützen das Handgelenk. Damals war sie Industriemalerin, und die Hände ihr wichtigstes Arbeitswerkzeug. Nach einer kurzen Untersuchung schickte sie der Betriebsarzt ins Spital zur Abklärung. Resultat: Komplizierte Verletzungen an den Bändern. Es folgten Operationen, drei Monate Reha, Rückkehr an den Arbeitsplatz für 50 Prozent, die Erkenntnis, dass mit dem Handgelenk noch immer etwas nicht stimmt, weitere Untersuchungen - und schliesslich die Kündigung.
Früher Erstkontakt
Zum ersten Mal in Kontakt trat Esther Moser mit Sybille Baumann, als diese noch im Spital lag. Als Case Manager bekommt sie alle Fälle zu Gesicht, die bei der Suva Winterthur eingereicht werden und bei denen die Prognose unklar ist. Welche Fälle dann auch tatsächlich vom Case Management übernommen werden, entscheiden sie und ihre Kolleg/innen selbst. «Man kann das nicht allein an der Schwere der Verletzung festmachen», sagt sie. «Eine ebenso grosse Rolle spielen auch das soziale Umfeld und der Beruf.» Konkret: Bricht sich ein kaufmännischer Angestellter beim Skifahren das Bein, ist in den seltensten Fällen Case Management erforderlich, bei einer Verkäuferin, die den Grossteil ihrer Arbeit stehend verrichtet, ist zumindest ein zweiter Blick angebracht.
Im Fall von Sybille Baumann erkannte Esther Moser sehr schnell, dass sich Komplikationen abzeichnen könnten. In handwerklichen Berufen, weiss sie aus Erfahrung, sind Handverletzungen sehr sensibel.
Sybille Baumann ist noch einmal auf die Füsse gefallen. Die Kündigung wurde per Ende März 2006 ausgesprochen, als sie - wieder einmal - in der Rehabilitation war. Als sie die der Suva gehörende Reha-Klinik Bellikon auf diesen Termin hin verlassen konnte, hatte sie bereits eine Anmeldung für die Bürofachschule, einen Praktikumsvertrag im gleichen Betrieb, wo sie zuvor als Malerin gearbeitet hatte, und die Zusicherung der IV, die Umschulung zu finanzieren, in der Tasche. Zurzeit büffelt sie für die Abschlussprüfung, gleichzeitig laufen Abklärungen, ob der Betrieb das Praktikum für die Dauer der Handelsschule verlängern wird. Dass diese Lösung unzählige Gespräche zwischen Arbeitgeber und Suva, einen umfangreichen Schriftverkehr mit der IV sowie zahlreiche weitere Abklärungen erforderte, bekam sie nur am Rande mit. Aber Fakt ist: Ohne die Hartnäckigkeit von Esther Moser, die den Arbeitgeber von Sybille Baumann letztlich dazu bewog, eine Praktikumsstelle zu schaffen, stünde Sybille Baumann heute wohl auf der Strasse. Viel von diesem Seilziehen hinter den Kulissen hat sie allerdings nicht mitbekommen. In der ganzen Zeit war Esther Moser für sie die einzige Ansprechperson, und aus ihrer Sicht haben sich ihre Probleme gleichsam wie von selbst erledigt.
Neues Modell
Esther Mosers Stelle gibt es erst seit etwa vier Jahren. Damals hat die Suva ihr System auf Case Management umgestellt. Seit jenem Zeitpunkt ist jeweils eine Person für die gesamte Abwicklung eines Personenschadens verantwortlich, bei besonders komplexen Fällen sind dies die Case Manager. Damit soll einerseits die Kundenzufriedenheit erhöht werden. Eine vor einem Jahr veröffentlichte Umfrage bei Versicherten, Arbeitgebern und externen Leistungserbringern zeigt, dass dies sehr gut geglückt ist. Zum andern will man damit aber auch die Kosten senken. Bis anhin verursachten bei der Suva 5 Prozent aller Fälle nämlich rund 80 Prozent der anfallenden Kosten. Noch stärker als die medizinischen Leistungen schlagen dabei jene Fälle zu Buche, die zu einer Rente führen. Von den Case Managern erhofft man sich deshalb vor allem, dass sie die Zahl der Neuberentungen massiv senken können.
Eine Hoffnung, die sich erfüllt hat. Noch ist die Untersuchung, die den Paradigmenwechsel bei der Suva begleitet, nicht abgeschlossen, aber die Zwischenergebnisse sind äusserst positiv. Bereits im zweiten Jahr nach Start des Case Managements konnten die Rentenzahlen um rund 20 Prozent gesenkt werden. Erreicht werde dies, so Suva-Geschäftsleitungsmitglied Willi Morger anlässlich einer Pressekonferenz, dass die Suva und im Speziellen die Case Manager eine «Drehscheibenfunktion» einnehmen, das heisst sämtliche anfallenden Abklärungen koordinieren. Zwar sind die Strukturen voll aufgebaut, doch momentan arbeiten erst gut 100 Case Manager für die Suva. Sie betreuen jeweils gegen 40 Verunfallte. Vorgesehen sind insgesamt 130 Case Manager.
Was mit dieser Drehscheibenfunktion genau gemeint ist, kann Esther Moser aus ihrer Berufserfahrung genau benennen. Rund um einen komplexen Schadenfall werden unter Umständen Dutzende von Stellen aktiv: Spitäler, Hausärzte, die IV, private Versicherungen, der Arbeitgeber, Suva-interne Fachleute und so weiter. Für Verunfallte, zumeist Laien sowohl in medizinischen als auch in versicherungsrechtlichen Fragen, ist es da fast unmöglich, den Überblick zu bewahren. Case Manager hingegen sind genau in diesem Feld geschult. Einige bringen wie Esther Moser kaufmännische Erfahrung mit, andere kommen aus Pflege-berufen, und fast alle bringen eine Weiterbildung im Bereich Sozialversicherungen mit.
Kontakt zu Arbeitgebern
«Wichtig ist, dass wir möglichst schnell einen Kontakt zum Patienten herstellen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen können», sagt Esther Moser. «In der Regel findet die erste Kontaktaufnahme bereits ein bis zwei Wochen nach dem Unfall statt.» Von diesem Moment an ist sie alleinige Ansprechperson für den Fall. Zusammen mit internen und externen Fachleuten versucht sie, möglichst schnell eine Prognose zu erarbeiten, in welche Richtung sich ein Fall entwickeln kann: Ist eine Wiedereingliederung möglich, oder läuft es allenfalls auf eine Umschulung oder eine Rente hinaus? Oft ist das nicht nur eine medizinische Frage, sondern hängt von einer Reihe von weiteren Einflussfaktoren ab. Da ist zum Beispiel die psychische Befindlichkeit des Patienten. «Viele Menschen fallen nach einem schweren Unfall in ein Loch. Es können beispielsweise Depressionen entstehen oder Suchterkrankungen ausbrechen.»
Um dieses Risiko zu mindern, sei vor allem bei Menschen ohne gutes soziales Netz auch eine gewisse Zuwendung, die über das rein Organisatorische hinausgeht, nötig. Ausserdem sei es wichtig, gegebenenfalls schnell die Hilfe von entsprechenden Fachleuten beizuziehen. Diese Zuwendung ist, nebenbei bemerkt, durchaus auch im Sinne der Finanzen. Ältere Suva-Untersuchungen belegen nämlich, dass etwa Rückenschmerzen bei 15 Prozent der Patien-t/innen chronifizieren, wenn diese über einen gesicherten Arbeitsplatz verfügen und in einem guten sozialen Umfeld leben. Sind diese Voraussetzungen nur teilweise oder gar nicht erfüllt, erwachsen daraus bei 85 Prozent der Patient/innen chronische Beschwerden.
Besonders wichtig ist für Esther Moser bei ihrer Arbeit der Kontakt zum Arbeitgeber. Pro Woche verbringt sie deshalb rund ein bis zwei Tage im Aussendienst, führt Verhandlungen mit Personalabteilungen oder besucht ihre Klient/innen am Arbeitsplatz. «Wir streben wenn immer möglich eine schnelle Wiedereingliederung an», erklärt sie. «Das senkt das Risiko einer dauerhaften Arbeitsunfähigkeit erheblich.» Dafür sind oft aufwändige Abklärungen am Arbeitsplatz und bei Hausärzten nötig. Die Feststellung «arbeitsfähig» beziehungsweise «nicht arbeitsfähig» ist in vielen Fällen zu unscharf. Es geht darum, detailliert abzuklären, welche Tätigkeiten im Einzelnen geleistet werden können und welche nicht. Dabei steht immer auch die Frage im Raum, ob der Arbeitsplatz und das Einsatzgebiet der Beeinträchtigung des Patienten angepasst werden können.
In der Regel macht Esther Moser mit den Arbeitgebern gute Erfahrungen, vor allem, wenn es sich bei ihrem Klienten um eine geschätzte Arbeitskraft handelt und die volle Wiedereingliederung nur eine Frage der Zeit ist. Schwieriger wird es, wenn sich eine dauerhafte Arbeitsbeeinträchtigung abzeichnet. Denn so genannte Schonarbeitsplätze sind in der heutigen, auf Effizienz getrimmten Wirtschaft immer seltener. Eine der zentralen Aufgaben von Esther Moser und den anderen Case Managern ist es deshalb, nach Alternativen innerhalb des Betriebes zu suchen. Nötigenfalls berappt die Suva für eine bestimmte Zeit auch Taggelder, damit die betroffenen Personen und Arbeitgeber ohne Leistungsdruck in der Realität ausprobieren können, zu welchen Arbeiten sie noch fähig sind. Vielleicht ergibt sich daraus eine konkrete Lösung. Doch auch sonst ist das Geld aus Sicht von Esther Moser gut investiert: «Die Patienten haben so immerhin eine Tagesstruktur, die ihnen einen gewissen Halt gibt.»





