Context 06 / 2007 | 16. März 2007

«Chuchichäschtli» für Fortgeschrittene

Mundart-Unterricht boomt in der Schweiz. Immer mehr Schulen bieten entsprechende Kurse an. Augenschein in einer Klasse in Zug.
Text: Ingo Boltshauser

Zum Aufwärmen gibt es einen Buchstabensalat, in dem zehn Wörter versteckt sind, «wo zu Erchältig und Gripp passed». Der Anlass dazu ist aktuell: In der Vorwoche fiel der Kurs «Schwwiizertüütsch» an der Klubschule Migros in Zug aus, weil die Lehrerin krank war. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beugen sich über ihre Blätter, tuscheln miteinander und suchen. Am Schluss haben sie alle Wörter gefunden. Nicht nur vergleichsweise nahe Liegendes wie «Halswee» oder «Fiebermässer» orte-ten sie, sondern auch «fröschtele» oder «Schliim» gingen ihnen nicht durch die Lappen. Zwischendurch gibt es immer wieder Fragen, die die Leh-rerin zum Nachdenken bringen. Etwa, warum es «Schweissuusbrüch» heisst, wo man doch eben erst gelernt habe, aus «ei»-Lauten werde im Schweizerdeutsch «ii». «Das isch än Usnahm», antwortet Claudia Cermeño schliesslich. Unterrichtssprache ist konsequent Schweizerdeutsch.

 

Heute sind vier Teilnehmerinnen und Teilnehmer erschienen, normalerweise sind es fünf. Damit hat der Kurs gerade so die Hürde geschafft, um überhaupt durchgeführt zu werden. Anwesend sind: Die Kursleiterin mit dem spanischen Namen, die aber eine waschechte Schweizerin ist, zwei Frauen mit Schweizer Namen wie Faessler und Herzog, die aus Japan und Grossbritannien stammen und mit ihren Schweizer Ehemännern hier leben, die ebenfalls mit einem Schweizer verheiratete Chilenin Susana Tenud und ein Deutscher namens Jörg Saabel. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie gut Deutsch sprechen - sonst wären sie gar nicht zugelassen worden für den Kurs - und dass sie es wirklich ernst meinen mit dem Schweizerdeutsch. Sie besuchen den Kurs bereits im zweiten Semester.

 

Es kratzt nicht

Nach dem kurzen Ausflug in die Welt der Viren stehen heute Zahlen auf dem Programm. Konkret geht es um Telefonnummern und die Uhrzeit. Claudia Cermeño lässt eine CD laufen, und ihre Schüler/innen sollen sich die Nummern, die in den Dialogen genannt werden, notieren. Ausserdem müssen sie auf die beim Telefonieren verwendeten Verben wie «aalüüte», «ufhänke» oder «zruglüüte» achten. Auch hier zeigt sich, dass die Kursteilnehmer/innen bereits einige Erfahrung in der Fremdsprache Schweizerdeutsch besitzen. Sie notieren sämtliche Nummern korrekt, auch wenn die Sprecher auf der Übungs-CD keinerlei Konzessionen bei der Sprechgeschwindigkeit oder der Aussprache machen.

Bei der nächsten Übung - die Anwesenden sollen nun aus dem Stegreif selbst Dialoge führen - zeigt sich dann aber, dass es mit der Meisterschaft doch noch nicht so weit her ist. Beim Korrigieren zeigt sich Kursleiterin Cermeño gnädig. Zwar interveniert sie, wenn jemand «sächsundsächzig» statt «sächsesächzg» sagt oder wenn jemand «um foifi» statt «am foifi» zurückrufen will, aber bei der Aussprache drückt sie oft beide Augen zu. Vor allem die Kratzlaute wollen bei ihren Schüler/innen nur selten so richtig kratzen. Wichtig ist ihr vor allem, dass ihre Klasse die grundlegenden Unterschiede zwischen Mundart und Schriftsprache begreift, zum Beispiel, dass viele Zahlenangaben wie Uhrzeiten, Alters- oder Notenangaben auf «i» enden.

 

Zürcher Vormachtstellung

An der Klubschule Migros Zug wird «Züritüütsch» unterrichtet. Nicht etwa, weil dieser Dialekt als besonders chic gilt, sondern ganz einfach, weil es für die Innerschweizer Dialekte keine geeigneten Lehrmittel gibt. Ausserdem ist es sowieso nicht das erklärte Ziel, dass die Kursteilnehmer/innen nach Beendigung des Lehrganges wie Einheimische klingen. Aber sie sollen in der Lage sein, schweizerdeutsch geführten Dialogen problemlos folgen zu können und Mundart mindestens so gut zu beherrschen, dass sie verstanden werden. Wenn Schweizerinnen und Schweizer mit den Absolvent/innen des Kurses unbefangen in ihrem Dialekt sprechen, ist das Ziel erreicht.

 

Als es um Schweizer Redensarten geht, die Zahlen beinhalten, zeigt sich, dass es auf dem Weg zum Schweizerdeutsch nicht nur sprachliche, sondern oft auch kulturelle Hindernisse gibt. Die Chilenin Susana Tenud spricht Sätze wie «Es isch foif vor zwölfi» oder «Es Zwänzg-ab-achti-Gsicht mache» zwar fehlerfrei aus, aber den Sinn der Redewendungen kann sie nicht entschlüsseln, weil es in ihrer Muttersprache keine Entsprechungen gibt. Lange Zeit zu diskutieren bleibt allerdings nicht. Claudia Cermeño hält das Tempo hoch, denn das Lernziel des heutigen Tages ist ehrgeizig. Dazu gehört auch, dass am Schluss des Unterrichts Aufgaben gegeben werden. Aufs nächste Mal müssen die Teilnehmer/innen den Wortschatz der Lektion büffeln und einen Dialog auf der mit dem Lehrbuch mitgelieferten CD abhören und Fragen dazu beantworten.

 

Neben Schweizerdeutsch unterrichtet Claudia Cermeño auch Deutsch für Fremdsprachige. Das seien zwei völlig verschiedene Dinge, sagt sie. «Zum einen ist hier das Tempo viel höher als im Fremdsprachenunterricht, zum andern gibt es in der Mundart keine verankerte und geschriebene Grammatik.» Obwohl: Ganz ohne Regeln kommt auch der Dialekt nicht aus, nur sind wir uns deren im Alltag nicht bewusst. «Das war auch für mich spannend», sagt die Zugerin. «Ich musste mich plötzlich auf eine Art und Weise mit meiner Muttersprache auseinandersetzen, wie ich das noch nie zuvor gemacht habe.»

 

Nicht Aussenseiter bleiben

Nach dem Kurs treffen sich die Teilnehmer/innen noch zu einem Kaffee in der nahe gelegenen Einkaufsstrasse. Wichtigstes Thema bei den Gesprächen: Die Schweiz und die Schweizer und ihr Umgang mit der Muttersprache, der jeden ausschliesst, der sie nicht beherrscht. Zum Beispiel bei Tischgesprächen, wo sie mit Fremdsprachigen zwar höflich hochdeutsch sprechen, im Gespräch mit ihresgleichen aber sofort wieder in Dialekt verfallen. Ohne Mundartkenntnisse, ist zum Beispiel Jörg Saabel überzeugt, bleibe man stets ein Aussenseiter. «Spricht man die Schweizer auf Deutsch an, antworten sie in Mundart, versucht man aber selbst, ein paar Brocken Mundart zu sprechen, erfolgt die Antwort garantiert auf Hochdeutsch.» Der Deutsche kam erst vor knapp einem Jahr in die Schweiz, weil seine Frau hier eine interessante Stelle in der Maschinenindustrie angeboten bekam. Um sich in der Schweiz erfolgreich zu integrieren, sagt er, muss man Schweizerdeutsch beherrschen. Und dass er sich hier integrieren will, steht für ihn ausser Frage. Vor allem der beiden Kinder, acht und zehn Jahre alt, wegen. Nach Jahren, in denen der Arbeitsort der Mutter ihren Wohnort bestimmte, wollen sie sich endlich irgendwo niederlassen und ein soziales Netz aufbauen können.

 

Die Liebe hat Yoko Ochiai-Faessler vor zehn Jahren in die Schweiz verschlagen. In den ersten drei Jahren hat sie fleissig deutsch gebüffelt, dann sorgte die Geburt ihres ersten Kindes für einen Unterbruch in Sachen Sprachunterricht. Ihre ursprüngliche Hoffnung, Mundart im Alltag lernen zu können, hat sich nicht erfüllt. Zu Hause sprechen sie japanisch, und einfach durch Zuhören im Bekanntenkreis kam sie auch nicht weiter. Jetzt allerdings macht sie schnelle Fortschritte. «Es ist gut, Schweizerdeutsch richtig lernen zu können, mit Regeln und einem Buch als Grundlage», sagt sie.

 

Ursprünglich wollte die gebürtige Engländerin Diana Herzog nur für einen sechsmonatigen Aufenthalt in die Schweiz kommen. Daraus sind mittlerweile 27 Jahre geworden. Ihr Hochdeutsch ist, wenn auch mit starkem englischem Akzent, sehr gut, doch Mundart spricht sie - noch - nicht. Sie weiss, dass sie auch nach vielen Mundartkursen nicht als gebürtige Schweizerin durchgehen wird, das ist auch nicht ihr Ziel. Aber sie will unbefangen Gespräche mit Schweizerinnen und Schweizern führen können, zeigen, dass sie trotz ihrer englischen Herkunft hierher gehört.

Auch Susan Tenud lebt seit bald drei Jahrzehnten in der Schweiz. Ihre erste Erfahrung mit den Schweizern: «Ist man blond und hellhäutig, wie meine Kollegin, mit der ich in die Schweiz kam, dann wird man viel schneller akzeptiert als ein südländischer Typ.» Sie erlebt es heute noch manchmal, dass sie behandelt wird, als sei sie geistig nicht ganz auf der Höhe. Die Leute sagen etwa, wenn sie nach dem Weg fragt: «Du gehen rechts», anstatt richtiges Deutsch oder Dialekt mit ihr zu sprechen - eine Demütigung, die hellhäutigen Fremdsprachigen meist erspart bleibe. Den Schweizerdeutsch-Kurs besucht sie deshalb nicht zuletzt darum, endlich in dem Land akzeptiert zu werden, in dem sie den grössten Teil ihres Lebens verbracht hat.