Context 05 / 2007 | 2 . März 2007

Geld und Geist

Was in der Schweiz ausser Käse und Uhren sonst noch erfunden wurde, zeigt der Schriftsteller Alex Capus anhand von zehn Porträts über Wirtschaftspioniere.
Text: Therese Jäggi

Kein Kind von Traurigkeit: Rudolf Lindt erfand die «chocolat fondant».

Rudolf Lindt war nicht der erste, der Schokolade herstellte, aber es gelang ihm als Erstem, anstatt der üblichen zähen Paste eine weiche, glänzende Masse zu produzieren. «Chocolat fondant» nannte er seine Kreation. Deren Entdeckung war ihm sozusagen über Nacht zugefallen. Denn als er eines Montagmorgens in die Fabrik kam, realisierte er, dass er am Freitag vergessen hatte, seine vom Wasserrad betriebene Rührmaschine abzustellen. Sein Geheimnis, dass Schokolade sehr, sehr lange gerührt werden musste, konnte er zwanzig Jahre lang für sich behalten. Mit dem Verkauf der Schokolade wollte der Berner Patriziersohn nichts zu tun haben. Er gab sie dem Berner Zuckerbäcker Jean Tobler in Kommission. Dieser beauftragte zwei Handlungsreisende mit dem Verkauf. Die Schokolade fand reissenden Absatz. Doch anstatt die Produktivität zu erhöhen, versuchte Rudolf Lindt, den Verkauf aufzuhalten. Geld interessierte ihn nicht. Er kürzte den Grossistenrabatt zunächst von achtzehn auf dreizehn, dann auf zehn und später auf acht Prozent. Als Lindt nochmals um drei Prozent reduzieren wollte, kündigte Tobler das Abkommen. Nun musste sich Lindt nach einem anderen Verkäufer umsehen und entschied sich 1899 für den Zürcher Schokoladenfabrikanten Johann Rudolf Sprüngli.

«Weil die unerhörte Tat der Kern jeder guten Geschichte ist, kann ich mir kein grösseres Vergnügen vorstellen, als rückblickend nach deren Ursprung zu forschen.» So umschreibt der Schriftsteller und Historiker Alex Capus seine Motivation für dieses Buch. Und um es gleich vorwegzunehmen: Es ist auch ein grosses Vergnügen, diese zehn Lebensgeschichten zu lesen. Nicht allen von Alex Capus porträtierten Pionieren fiel das Glück einfach so zu wie Rudolf Lindt. Ihnen gemeinsam ist aber, dass sie ihr Leben einer Idee verschrieben und sich davon weder durch Zweifel noch durch Misserfolg aufhalten liessen.

 

Viel Experimentierfreude

Julius Maggi tüftelte und experimentierte jahrelang bis seine «Leguminosa» 1884 auf den Markt kam. Das war ein aus Bohnen, Linsen und Erbsen bestehendes Mehl, welches in Wasser aufgelöst und gekocht eine Art Suppe ergab. Die Maggi-Würze, die ihn weltberühmt machen sollte, erfand er erst später, und das nur - so behaupteten Kritiker -, um sein fades Gemüsemehl zu würzen. Julius Maggi schlief nur drei oder vier Stunden täglich und vertrat die Meinung, dass man Schlafmangel mit Essen kompensieren könne.

Carl Franz Bally hatte eine Marktlücke entdeckt, als er auf die Idee kam, Schuhe industriell zu produzieren. 1851 stellte er dreissig Arbeiter ein. In Schönenwerd gab es jedoch niemanden, der etwas von Schuhmacherei verstand, von industriell gefertigter schon gar nicht. Unter Anleitung eines deutschen Schusters entstand eine erste Kollektion, die jedoch von so schlechter Qualität war, dass sie sich kaum verkaufen liess.

1689 wurde Hans Jakob Leu, der Gründer der ersten modernen Schweizer Bank geboren. Zürich war geprägt vom protestantischen Geist. Die Leute arbeiteten viel und gaben wenig aus, denn praktisch alles, bei dem man hätte Geld ausgeben können, war verboten. Als Hans Jakob Leu das Amt des Seckelmeisters antrat, war mehr Geld in der Stadt als man brauchen konnte. Leus Idee war, das überflüssige Geld im Ausland anzulegen. Nach einem Versuchsjahr mit Anlagen in London, Paris und Wien nahm die Bank Leu 1755 erstmals öffentlich Gelder entgegen. Im Mai und am 11. November konnten die Kunden dienstags und donnerstags ihr Geld bringen und die Zinsen abholen.

Auf jeweils wenigen Seiten fasst Alex Capus die Lebensgeschichte der Firmengründer zusammen. Dabei hält er sich an die historischen Fakten, wobei aber auch Anekdoten nicht zu kurz kommen. Im Anhang liefert er einen Überblick über die weiteren Firmengeschichten bis zur Gegenwart. Capus entwirft das Panorama einer von Mut und Neugier geprägten Epoche und zeigt ausserdem, dass Wirtschaftsgeschichte spannend und unterhaltsam sein kann.