Im August 2006 hat Sienong Gampatshang seine kaufmännische Lehre beim KV Schweiz angefangen. Zuvor besuchte er die Realschule in Rapperswil. Er habe immer angenommen, dass für ihn als Realschüler sowieso nur eine zweijährige Bürolehre infrage käme. Doch davon habe ihm seine Tante, ihrerseits eine Absolventin der Bürolehre, abgeraten. Eines Tages machte ihn sein Lehrer auf die neue kaufmännische Lehre mit den verschiedenen Ausbildungstypen aufmerksam. Sienong Gampatshang fühlte sich angesprochen vom B-Profil, das sich an Realschüler bzw. Sek-B-Absolventen mit guten Leistungen in den Kernfächern richtet. Sein Berufswunsch war gefasst. Er schrieb 80 Bewerbungen, zunächst jedoch ohne Erfolg. Dann absolvierte er das 10. Schuljahr. Während eines einwöchigen Bewerbungsseminars habe er dann den entscheidenden Brief an den KV Schweiz geschrieben.
In einem Inserat sei ihm kürzlich aufgefallen, dass ein Unternehmen eine Lehrstelle mit B-Profil anbot und in Klammern dazu «vormals Bürolehre» schrieb. Dass es Ausbildungsverantwortliche gebe, die so schlecht informiert seien, habe ihn ziemlich erstaunt, sagt Sienong Gampatshang. Mit dieser Beobachtung trifft er so ziemlich den Kern des Problems: Viele nehmen an, dass es sich beim B-Profil um eine Neuauflage der ehemaligen zweijährigen Bürolehre handelt. So ist es aber nicht.
2003 wurde die herkömmliche kaufmännische Lehre abgelöst von drei Ausbildungswegen: dem B-Profil (Basisbildung), dem E-Profil (erweiterte Grundbildung) und dem M-Profil (erweiterte Grundbildung plus Berufsmaturität). Jede dieser Ausbildungen dauert drei Jahre und führt zum eidgenössischen Fähigkeitszeugnis. Die Zuteilung zum jeweiligen Profil hängt von den schulischen Voraussetzungen ab. Die Profile unterscheiden sich in den Schwerpunkten der Fachkompetenzen. Zudem sind die Anforderungen in sämtlichen Lernbereichen unterschiedlich.
Grosses Missverhältnis
Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Zahl der unterzeichneten Lehrverträge 2005 für das E-Profil (inklusive M-Profil) die Zahl derjenigen mit B-Profil bei Weitem übersteigt. Laut Bundesamt für Statistik kamen 9421 E-Profil-Verträge zustande gegenüber 1042 Lehrverträgen mit B-Profil. Die Zahlen deuten darauf hin, dass sich das B-Profil am Arbeitsmarkt nicht richtig etablieren kann.
«Das B-Profil hat ein Imageproblem», sagt Hansjörg Truttmann, Rektor am Kaufmännischen Bildungszentrum Zug. Die Bezeichnung ist seiner Meinung nach unglücklich. «B wird als etwas Zweitklassiges empfunden.» Und B töne zu sehr nach Bürolehre. Er habe in Gesprächen mit Lehrmeistern immer wieder festgestellt, dass sie das B-Profil als Ersatz für die Bürolehre betrachten, was eigentlich auch nahe liegend sei. «Wenn ich sie dann jeweils auf die Unterschiede hinwies, hatten sie ein Aha-Erlebnis.» In manchen Firmen sei man ausserdem der Ansicht, dass die Tätigkeiten im Büro immer komplexer würden und man diesen mit der Ausbildung nach B-Profil nicht mehr gerecht werde. «Es ist eine Tatsache, dass einfache Tätigkeiten zunehmend verschwinden. Das ist zwar nicht nur im kaufmännischen Bereich so, führt aber dazu, dass es für schulisch schwächere Jugendliche immer schwieriger wird, eine Lehrstelle zu finden.» Nach B-Profil werden in Zug momentan zwei Klassen im ersten Lehrjahr ausgebildet, nach E-Profil hingegen sieben. Hansjörg Truttmann geht davon aus, dass sich die Zahlen inskünftig etwas ausgleichen werden. Zum einen, weil das B-Profil an Akzeptanz gewinnen wird, und zum anderen, weil es immer auch Lernende gibt, die vom E-ins B-Profil wechseln.
Klare Positionierung
Laut Michèle Rosenheck, Leiterin Berufspolitik beim KV Schweiz, kommt der Profilwechsel von E nach B in der Praxis ungleich viel häufiger vor als umgekehrt. Die Durchlässigkeit werde auch sehr unterschiedlich gehandhabt. In manchen Schulen sei ein Wechsel von B zu E praktisch nicht möglich. Sie befürchtet, dass das B-Profil zu einem «Auffangbecken» werden könnte. Ihrer Meinung nach sind die beiden Profile inhaltlich zu wenig klar voneinander abgegrenzt. Der KV Schweiz, der sich im Vorfeld der Einführung der neuen kaufmännischen Grundbildung für das B-Profil stark gemacht hatte, werde sich dafür einsetzen, dass sich die verschiedenen Profile über eigenständige Inhalte und nicht über unterschiedliche Anforderungsniveaus positionieren werden.
«Das B-Profil ist eindeutig weniger beliebt in den Betrieben», bestätigt auch Hanspeter Schläpfer, Rektor des Berufsbildungszentrums Herisau. Hier kam bisher noch gar nie eine B-Profil-Klasse zustande. Die Anzahl von Auszubildenden nach B-Profil lag immer unter dem für eine Klasse erforderlichen Minimum von 12 bis 13 Jugendlichen. Die B-Profil-Lernenden fahren nach St. Gallen in die Berufsschule. Hanspeter Schläpfer, der früher Lehrlingsbetreuer bei Alcan war, sieht für die Absolventen des B-Profils jedoch gute Perspektiven. «Gerade in einem Industrieunternehmen ist jemand mit B-Profil beispielsweise in der Schicht-oder Auftragsplanung perfekt geeignet.» Dabei spielten Fremdsprachen nicht so eine grosse Rolle, dafür der Umgang mit dem PC umso mehr.
Auch René Flad ist bezüglich der Perspektiven von B-Profil-Absolventen und -Absolventinnen optimistisch. Flad ist Leiter Ausbildung Wirtschaft bei «Beruf Zug», einem Ausbildungsverbund mit 18 Lehrbetrieben in der Region Zug und Innerschweiz. Dem Argument, dass immer mehr Tätigkeiten aus dem Büro verschwinden, misst er nicht so viel Bedeutung zu. «Das sagt man schon seit 25 Jahren.» Wer eine KV-Lehre mit B-Profil abgeschlossen habe, sei in der Praxis hochwillkommen. Auch punkto Weiterbildung sieht Flad gute Perspektiven. «Mit dem B-Profil kann man nachher prinzipiell alles machen, sogar die Berufsmatura, wenn man die Aufnahmeprüfung besteht.» Seiner Erfahrung nach hatten B-Profil-Lernende nach bestandener Lehrabschlussprüfung keine grösseren Probleme beim Einstieg ins Berufsleben als die E-bzw. M-Absolventen.
Noch ein Ausbildungsweg
Dass 2005 neunmal weniger B-Profil-als E-Profil-Lehrverträge abgeschlossen wurden, hält Serge Imboden vom Bundesamt für Berufsbildung (BBT) «momentan für normal». Es brauche seine Zeit, bis man in den Firmen richtig einschätzen könne, was die drei Profile bedeuteten. «Die KV-Lehre hat eine langjährige Tradition. Eine Reform lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen umsetzen.» Er sei überzeugt, dass ein Beruf, der in so vielen Branchen vertreten sei, auch eine Differenzierung in der Ausbildung aufweisen müsse.
Nächstes Jahr kommt noch ein weiterer Ausbildungsweg hinzu, nämlich die zweijährige Grundausbildung mit eidgenössischem Berufsattest. Laut Serge Imboden ist es zum jetzigen Zeitpunkt schwierig abzuschätzen, wie sich die Attestausbildung auf die B-Profil-Lehre auswirken wird und ob sich längerfristig beide Ausbildungswege halten werden. «Entscheiden wird es letztlich die Wirtschaft.»
René Flad von Beruf Zug gibt der Attestausbildung keine grossen Chancen. «Im handwerklichen Bereich sind Attest-Lehren eine absolut gute Sache, aber im kaufmännischen Bereich geht es nicht ohne ein Minimum in Deutsch, einer Fremdsprache und Mathematik.» Flad ist überzeugt: «Das B-Profil muss gestärkt werden.»
In manchen Kantonen laufen Pilotversuche mit der Attestlehre, zum Beispiel in der Stadt Basel seit 2003. «Vor einem Jahr schlossen bei uns 56 Lernende mit dem Attest ab, 2005 waren es 40», sagt Christoph Brutschin, Rektor an der Handelsschule KV Basel. Im Raum Basel bieten auch Grossfirmen wie CS, UBS und Novartis Attestlehrstellen an. «Dies aber auch nur dank hartnäckiger Akquisition dieser Ausbildungsplätze, an der auch der Erziehungsdirektor Christoph Eymann tatkräftig mitwirkte.» Christoph Brutschin ist überzeugt, dass es diesen zusätzlichen Ausbildungsweg braucht, und zwar einfach, weil er seitens der Schulabgänger/innen einem grossen Bedürfnis entspricht. Der Basler Rektor weiss aber auch, dass es verschiedene Ansichten zur Einführung der Attestlehre gibt. Seine Prognose: «Wenn sich die Attestlehre gesamtschweizerisch durchsetzt, kommt das B-Profil noch mehr unter Druck, wenn nicht, wird es niveaumässig vermutlich tiefer positioniert.»
Alles über die KV-Lehre
KV-Lehre: Alles klar! Ein praktischer Begleiter für kaufmännische Lernende. Info-Schrift 15 (Bezug: info@kvschweiz.ch , www.kvschweiz.ch )





