Viele Orte brüsten sich gerne mit Berühmtheiten, die ihnen bereits einen Besuch abgestattet haben. Beim Airport Conference Center (ACC) am Zürcher Flughafen ist es genau umgekehrt: Hier rühmt man sich, auch grossen Namen Anonymität zu gewähren. Auch wenn an diesem trüben Februarnachmittag fast alle der 32 zur Verfügung stehenden Konferenz- und Seminarzimmer gebucht sind, laufen über die Videowand im Entrée doch nur wenige Firmennamen. «Diskretion», sagt Bart Schmid, Verkaufsleiter des ACC, «ist unsere wichtigste Geschäftsgrundlage.» Viele der hier stattfindenden Sitzungen dienen dem Anbahnen von Geschäften, und da will man sich nicht von Konkurrenten oder neugierigen Journalisten ertappen lassen.
Das ACC ist ein nüchterner Bau. Aussen spiegelnde Glaswände, innen funktionelle Sitzungszimmer ohne Schnickschnack. Dafür ist die Aussicht aus dem obersten Stock spektakulär. Der Blick geht direkt über die Check-In-Halle aufs Rollfeld, das Flair ist so international wie das Publikum, das hier verkehrt. Bei rund 70 Prozent der Meetings, schätzt Schmid, ist mindestens ein Teil der Teilnehmer mit dem Flugzeug angereist. Diese Gäste können ihren manchmal nur wenige Stunden dauernden Aufenthalt in der Schweiz verbringen, ohne auch nur einen Atemzug unklimatisierte Schweizer Luft zu atmen. Durch Passerellen und Gänge führt der Weg von der Zollabfertigung direkt zu einem Lift und in den Empfangsraum des ACC. Dieser Komfort lockt einerseits Schweizer Firmen, die internationale Gäste empfangen, hierher. Andererseits finden wegen der verkehrsgünstigen Lage mitten in Europa hier auch Meetings völlig ohne Schweizer Beteiligung statt. «Man darf sich allerdings keine Illusionen machen», sagt Schmid. «Alle wichtigen europäischen Flughäfen verfügen über ähnliche Konferenzzentren, und die Wahl des Ortes hängt in erster Linie von den Flugplänen ab.»
Hightech
Immerhin rund ein Drittel der hier durchgeführten Veranstaltungen sind aber rein national, und die Inland-Nachfrage steigt ständig an. Die Anonymität und die gute Verkehrsanbietung sind dafür sicher wichtige Gründe, aber darüber hinaus bietet das ACC auch höchste Professionalität. «Diese wird heute zwingend verlangt, denn wenn sich Geschäftsleute treffen, dann ist Zeit buchstäblich Geld», weiss Bart Schmid. Konkret: Schon bei der Buchung wird detailgenau festgelegt, wie die Räume möbliert und ausgestattet sein müssen. Beamer, Konferenzschaltungen und auf Wunsch sogar Videoschaltungen in andere Teile der Welt sind eine Selbstverständlichkeit. Für allenfalls auftauchende technische Prob-leme stehen jederzeit zwei Techniker zur Verfügung, und auch das reguläre Betreuungspersonal ist in der gängigen Hard- und Software geschult. Und sollten Konferenzteilnehmer spontan weitere Wünsche haben, so rühmt sich das ACC, fast alles innert einer Stunde besorgen zu können, zum Beispiel auch professionelle Übersetzer/innen.
Hinzu kommt die persönliche Gästebetreuung: Das Erfüllen von fast allen Cateringwünschen gehört ebenso dazu wie das kurzfristige Umbuchen von Flügen oder die Organisation von Unterhaltungsprogrammen. Auch VIP-Betreuung oder Sicherheitsbegleitung werden angeboten. Notfalls kennt man auch Schleichwege, um jeden Gast, der dies wünscht, ungesehen aus dem Gebäude führen zu können. «Wir arbeiten mit vielen externen Partnern zusammen», sagt Schmid zu diesem Vollservice. «Unser Ziel ist es aber, dass unsere Kunden mit einem einzigen Anruf sämtliche Wünsche erfüllt bekommen.»
Bereichernd
Auch wenn das Airport Conference Center kein Hotel ist, empfindet es Guglielmo Brentel, Präsident Hotelleriesuisse und Kenner der Businesshotellerie, keineswegs als Konkurrenz. Im Gegenteil: «Das ist ein hervorragendes Angebot, von dem letztlich auch die Hotellerie im Raum Zürich und der ganze Wirtschaftsraum profitieren können.»
Gerade für Zürich und Basel ist das MICE-Geschäft (siehe Box) von zentraler Bedeutung. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, aber Brentel schätzt, dass in den beiden grössten Deutschschweizer Städten rund 70 bis 80 Prozent aller Logiernächte von Geschäftsleuten gebucht werden. Auch in Genf dürfte der Anteil deutlich über 50 Prozent liegen. In vielen anderen Städten und Regionen sind Freizeitgäste zwar wichtiger, doch das Geschäft mit Kongressen und Seminaren ist fast überall auf dem Vormarsch.
Schweiz in Top Ten
Vor allem auf internationaler Ebene boomt das MICE-Geschäft. Die Globalisierung fördert geschäftliche Kontakte rund um den Globus, und der von Fachleuten vorausgesagte Trend zu Videokonferenzen hat sich (noch) nicht eingestellt. Die Schweiz gehört zu denjenigen Ländern, die am stärksten von dieser Entwicklung profitieren. In einem von der International Congress & Convention Association erhobenen Rating hat sie letztes Jahr zwei Plätze gutgemacht und liegt damit erstmal in den Top Ten der Kongress-Standorte. Gründe dafür sind einerseits die verkehrstechnisch günstige Lage mitten in Europa, die durch WEF, UNO und multinationale Konzerne geförderte internationale Ausstrahlung und die gut schweizerischen Tugenden wie Sicherheit, Sauberkeit und Zuverlässigkeit. Ebenfalls dazu beitragen dürfte das kulturelle und touristische Umfeld: An Kongressen wird schliesslich nicht nur gearbeitet, sondern auch gefeiert.
Allerdings, so Brentel, dürfe sich die Schweiz nicht zu sehr auf ihren Lorbeeren ausruhen. Ausgerechnet Zürich, als Standort für mittelgrosse Kongresse mit 3000 bis 4000 Teilnehmenden eigentlich prädestiniert, verfügt nach wie vor nicht über ein zeitgemässes Kongresszentrum von ausreichender Grösse. Er fordert Städte und Regionen deshalb auf, sich an Investitionen in die nötige Infrastruktur zu beteiligen. Das sei ein Engagement, das sich nicht nur für die Hotels lohne: «Kongressgäste geben im Durchschnitt 400 Franken pro Tag aus. Davon wandert vielleicht ein Drittel in die Beherbergung, der grosse Rest fliesst in Gast-ronomie, Kultur, Shopping und so weiter.»
Nur für Profis
Ist das Geschäft mit Seminaren und Kongressen auch ein Ausweg für die mittelständische Hotellerie, die vielerorts in der Krise steckt? «Nein», winkt Brentel ab. «Einfach einen Hellraumprojektor in ein Hinterzimmer zu stellen und sich als Seminarhotel zu deklarieren, reicht nicht. Erfolgreiche Seminarhotels sind in der Regel spezialisierte Anbieter, die höchsten professionellen Ansprüchen an Technik und Service genügen müssen.» Dabei ist auch die Lage entscheidend. Einige abgelegene Häuser sind zwar als Klausurhotels durchaus erfolgreich, ansonsten aber sind verkehrsgünstige Lage und ein attraktives Freizeitangebot zentrale Standortfaktoren. Auch der Versuch von Touristenhotels, die flaue Nebensaison mit Kongressen und Seminaren zu überbrücken, ist oft zum Scheitern verurteilt. «Ein gut geführtes Seminarhotel allein reicht für den Erfolg noch nicht aus», sagt Brentel. «Ebenso wichtig ist, dass ganzjährig weitere, möglichst wetterunabhängige Angebote wie Shopping, Wellness oder Kultur bestehen.» Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Davos im Seminar- und Kongressgeschäft recht erfolgreich. Mit immerhin 13 000 Einwohner/innen ist der Ort auch ausserhalb der Saison äusserst lebendig.
Wer sich in diesem Bereich aber einen Namen gemacht hat, für den ist das MICE-Geschäft in der Regel sehr lukrativ. Im Gegensatz zum Tourismus, der stark auf Einflussfaktoren wie zum Beispiel Wechselkurse und Wettereinflüsse reagiert, ist dieser Bereich nicht sehr preissensibel. «Bei Seminar- und Kongresshotels», so Brentel, «spielen 15 Franken mehr oder weniger keine grosse Rolle. Viel wichtiger ist, dass Qualität und Serviceleistung stimmen.»
MICE
Das Kürzel «MICE», das den Geschäftszweig Seminar- und Kongresstourismus umfasst, steht für:
- Meeting: Sitzungen, Seminare,
kleinere Tagungen.
- Incentive: Treffen mit Belohnungscharakter, wo es nicht ums Tagesgeschäft, sondern vor allem ums Netzwerken und Feiern geht.
- Congress: Kongresse
- Exhibition: Ausstellungen, Messen etc. www.seminarguide.ch
Unter diesem Link findet man eine von Schweiz Tourismus zusammengestellte Liste von Seminarhotels und Kongresszentren





