Context 04 / 2007 | 16. Februar 2007

Von Merkur beflügelt

Die Händler der Antike hatten einen Gott, die Kaufleute des Mittelalters einen Heiligen. Der antike Gott hat bis heute überlebt und übernimmt Logo-Funktionen vieler Unternehmen.
Text: Lukas Kistler

Die heilige Barbara schützt Bergleute, der heilige Florian bewahrt vor Feuer und seit 1962 haben auch die Stewardessen eine Schutzpatronin: Bona von Pisa. Wie die Angehörigen unzähliger anderer Berufsgruppen, rechnen auch Kaufleute mit dem begünstigenden Einfluss höherer Mächte. Auf den Beistand von zwei Heiligen dürfen sie sich verlassen. Doch der Reihe nach: Vor den christlichen Heiligen wurden im antiken Griechenland und danach in Rom Gottheiten wie Zeus, Athene oder Hermes verehrt, und was den Christen die Schutzpatrone sind, waren den Römern und Griechen die Schutzgötter.

 

Geflügelter Gott

Römische Kaufleute baten um den Schutz Merkurs, der als Gott des Handels galt. Seine Kennzeichen waren - den Handel bildlich umsetzend - der Geldbeutel, aber auch geflügelte Schuhe, ein geflügelter Hut oder Helm und der Heroldsstab. Die letzteren Kennzeichen - Schuhe, Hut sowie Stab - erbte Merkur von seinem griechischen Pendant Hermes, da er nebst seiner Aufgabe als Gott des Handels auch diejenige des Boten und Führers versah - Ämter, die er von Hermes übernommen hatte.

Hermes wurde von den Griechen als Gott der Hirten betrachtet und darüber hinaus

als Bote des Zeus, seines Vaters, der ihn zu anderen Göttern und zu Menschen schickt. Derart zwischen Himmel und Erde, aber auch zwischen Ober- und Unterwelt vermittelnd, wurde Hermes zum göttlichen Vorbild für Dolmetscher und Herolde. Der Hirtenstab, den er in der Hand trägt, wandelte sich zum Heroldsstab. Als Wegkundiger fungierte er auch als Führer: Er trieb die Seelen der Verstorbenen mit seinem Hirtenstab in die Unterwelt. Sein Markenzeichen sind die geflügelten Schuhe, die bildlich die Fähigkeit, grosse Distanzen überwinden zu können, ausdrücken. Dieselbe Bedeutung hat alternativ dazu sein geflügelter Hut oder Helm.

Über die Merkur und Hermes zugeschriebenen Eigenschaften sagt Ulrich Eigler: «Die Griechen hatten verschiedene Lesarten solcher mythischer Figuren und entsprechend ist die ursprüngliche Bedeutung umstritten.» Wie bei den christlichen Heiligen wandle sich die Interpretation heidnischer Götter im historischen Prozess, betont der Professor für klassische Philologie an der Universität Zürich. Er weist darauf hin, dass Merkur über die Funktionen des Boten und Vermittlers hinaus als Gott der Kommunikation, aber auch als Gott der Diebe galt.

 

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Weshalb brauchen die Kaufleute Merkur oder allgemeiner gefragt: Weshalb brauchen Berufsleute einen Schutzgott? Soziologisch gesehen, so Ulrich Eigler, gehe es darum, die eigene Berufsgruppe gesellschaftlich aufzuwerten, den Beruf in den Kreis der geachteten Berufe einzuführen. Zudem stifte das dem Gott gewidmete Opfer beziehungsweise der von Mitgliedern einer Berufsgruppe gemeinsam begangene Gottesdienst eine berufliche Identität. Psychologisch betrachtet helfen sowohl der heidnische Schutzgott als auch die christliche Schutzpatronin gegen das Alleinsein. Der Gott oder die Patronin galt als erste/r Erfinder/in, als erstes Mitglied der Berufsgruppe.

Die vor über 2000 Jahren entwickelten Mythen und Bilder antiker Gottheiten konnten sich bis in die Gegenwart halten. Einen Hermesstab findet man beispielsweise nicht nur am alten Standort der Zürcher Börse am Bleicherweg, sondern auch auf Plakaten, die für die Schweizer Mustermesse Basel warben, etwa auf dem von 1922. Später wurde die Messe mit einem anderen Merkmal Merkurs, dem geflügelten Helm, beworben, beispielsweise im Jahr 1956. Andernorts tänzelt Merkur auch in corpore: am Dachvorsprung des Warenhauses Merkur, am Hauptplatz der polnischen Stadt Wroclaw. Abweichend von seinen üblichen Insignien hält dieser polnische Merkur eine Fackel und schreitet auf einem Globus, immerhin aber trägt er den geflügelten Helm. Mit Blumenstrauss eilt der Merkur des Blumen-Service Fleurop, auch er mit dem Flügelpaar auf dem Helm. Pakete transportiert der gleich dreifach geflügelte Hermes des Logistik-Dienstleisters Hermes Logistik, während die Uniformmütze des SBB-Angestellten von 1959 bescheiden nur ein Flügelpaar ziert. Nur noch als Name ist Hermes in den ab 1923 hergestellten Schreibmaschinen präsent. Ab 1935 bis 1989 wurde dann die tragbare Reiseschreibmaschine Hermes Baby produziert.

Die Unternehmen und Produkte spielen bei der Wahl von Merkmalen des Merkurs oder Hermes' auf unterschiedliche seiner Funktionen an: Während die Börse, die Messe und das Warenhaus, die Waren oder Wertschriften umsetzen, Merkur als Gott des Handels einführen, rücken die drei Transportfirmen dessen Boten-Funktion als desjenigen, der ständig unterwegs ist, in den Vordergrund. Bei den Schreibmaschinen wird wohl auf dessen Aufgabe als Herold, als Übermittler von Botschaften, angespielt. Passender noch scheint der Name bei der Hermes Baby zu sein, die ja auch transportiert werden kann und insofern die Mobilität des Merkurs unterstreicht.

 

Kontinuitätzwischen Antike und Gegenwart

Symbole, Darstellungen oder gar der blosse Name Merkurs werden zwar bis heute verwendet, allerdings auch aus dem kulturellen Zusammenhang herausgerissen. «Das verhält sich mit vielen Mythen und Symbolen der Antike so», sagt Ulrich Eigler, «die Herkunft wird vergessen und ein neuer Kontext wird gefunden.» Allerdings transportieren solche Bilder die frühere Bedeutung mit und dienen so als Vehikel kultureller Erinnerung. «Sie bieten Anlass, Fragen nach deren Bedeutung zu stellen, und heben damit den kulturellen Wert der sie verwendenden Unternehmen», ist der Lateiner überzeugt.

In einem weiteren Sinne gibt es nach Ulrich Eiglers Auffassung eine Kontinuität zwischen Antike und Gegenwart. Für die reisenden Händler war es wichtig, sich symbolisch soziale Sicherheit zu verschaffen, indem sie Merkur als Fürsprecher ihrer Berufsgruppe einsetzten. «Merkur schuf für die antiken Kaufleute eine Corporate Identity, bildliche Darstellungen von ihm sind nichts anderes als ein Logo», sagt Ulrich Eigler. «In der Antike war Corporate Identity so wichtig wie heute.»

Die alte Zürcher Börse, die Mustermesse, Transportunternehmen, Schreibmaschinen: Sie alle bedienen sich in der einen oder anderen Weise überlieferter Zeichen des Merkurs oder schlicht seines Namens und kommunizieren so mit Logos ihren Angestellten und Kunden eine bestimmte Corporate Identity. Auf diesem Gebiet seien allerdings auch merkwürdige Vorgänge zu beobachten, so Ulrich Eigler, etwa wenn sich ein Reiseunternehmen Ikarus nenne. Denn Ikarus kam auf seinem Flug der Sonne so nahe, dass das Wachs, das seine Flügel zusammenhielt, schmolz und Ikarus abstürzte. Ein anderer Missgriff sei Phaeton, ein Modell des Autobauers VW. Der Sohn des Sonnengottes, Phaeton, lieh sich vom Vater den Sonnenwagen aus, verlor aber die Herrschaft über das Gefährt und hätte die Erde in Brand gesteckt, wäre er nicht vom Blitz Jupiters zu Boden geschleudert worden.

 

Engagierte Patrone

Weniger sichtbar sind die Symbole der christlichen Schutzpatrone. Mittelalterliche Kaufleute konnten sich auf die Fürsprache zweier Heiliger verlassen: Nikolaus von Myra und Guido von Anderlecht. Ulrich Eigler ist der Auffassung, dass die Idee des/r Schutzheiligen auf antike Vorbilder zurückgeht. Die Christen versuchten, so Eigler, heidnische Götter durch eigene Heilige zu ersetzen. Maria etwa übernehme viele ikonographische Elemente der ebenfalls jungfräulichen Göttin Athene. Damit erfolge die Christianisierung der Göttin der Weisheit und des Kampfes. Im Unterschied zu antiken Schutzgöttern sind Heilige aber Menschen, die historisch mehr oder weniger belegt werden können. «Nach katholischer Auffassung erreichen Heilige ihren Status durch den exemplarischen Lebenswandel», sagt Wolfgang Müller, Professor für Dogmatik an der Universität Luzern. Guido von Anderlecht, der im 10. und 11. Jahrhundert als Sigrist und Kaufmann tätig war, setzte sich mit der Frage des Privatbesitzes auseinander. Gegen erwirtschafteten Wohlstand, hatte er nichts einzuwenden, so Wolfgang Müller. Wirtschaftlich Erfolgreiche müssten aber, so die Auffassung Guidos, im Sinne der christlichen Caritas an die Bedürftigen denken. Diese Haltung christlicher Sozialethik sei denn auch der Grund, weshalb Guido als Schutzpatron der Kaufleute verehrt werde. Der Theologe aus Luzern weist darauf hin, dass die Verehrung Nikolaus' als Fürsprecher der Kaufleute ebenfalls auf einen karitativen Akt zurückgehe. Der Legende nach soll er drei jungen Frauen geholfen haben: Deren Vater hatte sie ins Bordell gesteckt, damit sie ihre Mitgift verdienen. Nikolaus liess ihnen Goldstücke zukommen.

 

Dass jede Berufsgruppe ihre Heiligen hatte, geht laut Müller auf die mittelalterliche Vorstellung von der Gesellschaft als ständisch strukturierter zurück: Der Adel und der Klerus auf der einen Seite und das Volk - Kaufleute, Gewerbetreibende und Bauern - auf der anderen. Die Ständeordnung hatte ihr Pendant im Himmel und analog dazu reklamierten auch Berufsgruppen eine Vertretung - eine/n Fürsprecher/in - im Himmel für sich. Daneben taten Berufsgruppen auch etwas für die soziale Sicherheit, indem sie etwa Witwen von Berufskollegen unterstützten. Erforderlich wurde dies, weil Frauen im Mittelalter keine Geschäfte führen durften. So folgten Berufsleute den Schutzheiligen in deren vorbildlicher Lebensweise, die den Glauben mit Nächstenliebe verband.

 

Auch heute werden Schutzheilige als solche verehrt, so Wolfgang Müller. In katholisch geprägten Gegenden in der Innerschweiz, im Wallis oder in München kämen Handwerksinnungen jeweils am Namenstag «ihres» Heiligen zusammen. Auch in abgewandelter Form lebt das Vorbild der Schutzheiligen weiter: Dass Firmen anlässlich ihres Jubiläums beispielsweise ein Kinderdorf unterstützen, interpretiert Wolfgang Müller als säkularisierte Form des Patronatswesens.