Wer als New Worker lebt, bewegt sich auf dünnem Eis. Das musste auch Herbert W. auf die schmerzhafte Art erfahren. Zum einen hatte er eine Teilzeitstelle als Sachbearbeiter, zum andern versuchte er den Schritt in die Selbstständigkeit und vertrieb im Franchise-Verfahren Computer-Software für den Privatgebrauch. Da das Geschäft anfänglich nicht wunschgemäss lief, brauchte er seine Ersparnisse auf, um den gewohnten Lebensstandard zu halten, später musste der Alleinstehende den Gürtel massiv enger schnallen. Dann setzte ihn ein Sportunfall drei Monate ausser Gefecht. Bei seinem Arbeitgeber war er immerhin ausreichend versichert, aber die Einnahmen aus der Selbstständigkeit blieben in dieser Zeit fast vollständig aus. Als sich dann nach einiger Zeit bei seinem Arbeitgeber die Möglichkeit bot, das Arbeitspensum zu erhöhen, griff er dankbar zu. Das Experiment Selbstständigkeit ist vorderhand für ihn gestorben.
Was Herbert W. erlebte, war lediglich ein Schuss vor den Bug. Im schlimmsten Fall bedeutet ein Scheitern als New Worker näm
lich den Absturz in völlige Armut. Denn im Gegensatz zur Sozialversicherungs-Gesetzgebung, die sich noch immer an klassischen Erwerbsformen orientiert, wird der Arbeitsmarkt zunehmend flexibel.
Tendenz steigend
Wie viele New Worker es in der Schweiz gibt, kann zwar nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Klar ist aber, dass die Zahl der Menschen in einem so genannten Normalarbeitsverhältnis ständig sinkt. Heute sind bereits weniger als 50 Prozent der 4,2 Millionen Erwerbstätigen der Schweiz in einer unbefristeten Vollzeit-Anstellung anzutreffen. Alle andern arbeiten Teilzeit, in befristeten Arbeitsverhältnissen oder sind selbstständig.
Damit soll nicht gesagt werden, dass über 50 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen bereits New Worker sind. Viele der rund 400 000 Selbstständigen führen einen traditionellen Betrieb. Und ein grosser Teil der 1,3 Millionen Teilzeitarbeitenden will oder muss aus persönlichen, wirtschaftlichen oder familiären Gründen schlicht und einfach weniger arbeiten. Doch die Zahl derer, die sich ihr persönliches Job-Portefeuille zusammenstellen, ob freiwillig oder aus wirtschaftlichem Zwang sei dahingestellt, ist am Steigen.
Ins allgemeine Bewusstsein drang der Begriff New Work in den Neunzigerjahren, als viele Unternehmen begannen, in grossem Stil umzustrukturieren und immer mehr ihrer Angestellten in freiere Formen der Zusammenarbeit entliessen. Möglich wurde dies vor allem durch den grossflächigen Umbau der Schweiz von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Anders als bei der Industrie, wo die Arbeitskraft örtlich eng an den Standort der Produktionsanlagen gebunden ist, können moderne Dienstleistungserbringer ihre Tätigkeit mit gewissen Einschränkungen im Prinzip überall ausüben. Technologische Entwicklungen vor allem im IT-Bereich trugen ein Übriges dazu bei, dass sich die starre örtliche und zeitliche Gebundenheit der Erwerbsarbeit mindestens in Teilbereichen der Wirtschaft auflöste.
In dieser Zeit zeichneten Medien und Fachleute ein Bild von der Zukunft der Arbeit, das sich vor allem an den beiden Enden der sozialen Skala kristallisierte. Einerseits wurde die Entstehung einer neuen Unterschicht prognostiziert. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt, so die verbreitete Meinung, schaffe eine breite Schicht von Menschen, die ihren Lebensunterhalt nur unter schwierigsten Bedingungen sichern könne: Durch Arbeit auf Abruf, wacklige Anstellungen im Stundenlohn und Temporärarbeit. Am anderen Ende der Skala sahen die Prognostiker den «Selbstunternehmer» oder die «Ich AG» entstehen: Leistungsorientierte, gut gebildete Menschen, die sich ausgerüstet mit Palm, Handy und einem guten Beziehungsnetz virtuos und erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt bewegen.
Die meisten New Worker bewegen sich aber nicht entlang dieser Extreme, sondern irgendwo dazwischen. Sie sind Computerfachleute, die ihre Dienste als Selbstständige anbieten oder sich für die Dauer eines Projektes anstellen lassen, Erwachsenenbildner, die ihren Lebensunterhalt aus Teilzeitanstellungen und auf eigene Rechnung angebotenen Kursen zusammenstückeln, Mütter, die das Haushalteinkommen mit Heimarbeit aufbessern, Menschen auf dem Sprung in die Selbständigkeit, die noch ein sicheres Standbein als Angestellte haben, Junge, die sich mit Gelegenheitsarbeiten und Temporäreinsätzen durchhangeln und so weiter.
Absturzrisiko
Viele New Worker haben ihre Arbeitssituation selbst gewählt, weil sie die Freiheiten, die solche Erwerbsformen mit sich bringen, zu schätzen wissen. Viele sind sich aber zu wenig bewusst, dass sie ihr Haus bedeu-tend näher am Abgrund errichtet haben. Die Armutsstudien der Caritas beweisen, dass Selbstständige ohne Angestellte und Menschen mit befristeten Arbeitsverhältnissen überproportional oft zu den Working Poor zählen - in beiden Fällen also New Worker.
Für den Basler Soziologen Ueli Mäder liegt das Grundproblem darin, dass in der Schweiz «die soziale Sicherheit eng an den Erwerbsstatus gekoppelt ist». Konkret: Fast sämtliche Sozialversicherungen, von der Arbeitslosenversicherung über die zweite Säule bis zur Unfallversicherung, sind auf die Bedürfnisse von Angestellten zugeschnitten. Auch die sozialen Elemente im Arbeitsgesetz, die beispielsweise die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder den Kündigungsschutz regeln, entfalten ihre volle Wirkung nur bei Festangestellten. Sobald jemand unkonventionelle Erwerbsformen ausübt, klaffen Löcher im sozialen Netz. Ein Teil davon lässt sich zwar durch private Versicherungen stopfen, andere, wie beispielsweise ein Rückgang des Einkommens aus selbstständiger Tätigkeit, lassen sich gar nicht versichern. Diese soziale Unsicherheit ist es laut Mäder, die dafür sorgt, dass sich viele Menschen an ihre Jobs klammern, obwohl sie selbst und auch die Wirtschaft klar mehr Flexibilität wollen. Er plädiert deshalb für einen Ausbau des sozialen Sicherungssystems: «Wenn man die Absturzrisiken absichert, dann würde die Gesellschaft durch Flexibilisierung gewinnen, und letztlich würde sich das wohl sogar positiv auf die Produktivität auswirken.»
Praktischer Ratgeber
Die Arbeitswelt wird immer flexibler. Einerseits ist dies im Interesse der Unternehmen, die so einen Teil des unternehmerischen Risikos an die Erwerbstätigen delegieren können. Zum andern profitieren in vielen Fällen auch die Erwerbstätigen selbst: Dank Teilzeitarbeit, Temporärarbeit und so weiter sind sie heute viel besser in der Lage, ihr Leben nach ihren Wünschen zu gestalten.
Doch diese modernen, unter dem Begriff «New Work» zusammengefassten Arbeitsformen werfen auch Fragen auf: Mit «New Work - Ein Ratgeber für ungewöhnliche Berufslaufbahnen» publiziert der KV Zürich nun ein Buch, das die wichtigsten dieser Fragen in kompakter Form behandelt. Am Anfang werden die gängigsten Bausteine, aus denen individuelle Job-Portefeuilles in der Regel zusammengestellt sind, erklärt und auf ihre Vor- und Nachteile durchleuchtet. Relativ breiten Raum nimmt auch das Thema Versicherungen ein. Bei traditionellen Anstellungen ist der Versicherungsschutz in der Schweiz zwar recht gut ausgebaut. Bei New Workern hingegen können sich Löcher auftun, die durch private Versicherungen gestopft werden sollten.
Auch das Thema Geld kommt zur Sprache. Während bei Temporär- und Teilzeitarbeit die Lohnfrage relativ klar ist, werden bei Heimarbeit und quasi-selbstständigen Tätigkeiten viele Fragen aufgeworfen. Eine Summe, die hoch erscheint, schrumpft durch Abzug aller Kosten unter Umständen massiv. Der Ratgeber geht auf die wichtigsten Nebenkosten ein und zeigt anhand von Rechnungsbeispielen, wie New Worker seriös kalkulieren können.
Weitere Bereiche, die angesprochen werden, sind die Steuern, das Selbstmarketing, Weiterbildung und Fragen rund um Arbeitsplatzgestaltung und Wohlbefinden. Lukas Kistler
«New Work - Ein Ratgeber
für ungewöhnliche Berufs-
laufbahnen» von Ingo
Boltshauser kann bezogen
werden beim KV Zürich,
Pelikanstrasse 18
8023 Zürich, www.kvz.ch .
Preis: CHF 35.-
KV-Mitglieder bezahlen CHF 25.-





