Context 03 / 2007 | 2. Februar 2007

Firmenclubs müssen unten durch

Firmensport reicht von Tennis über Fussball bis zu Hornussen. Viele finden Gefallen an schweisstreibender Freizeitaktivität unter Arbeitskollegen.
Text: Lukas Kistler Context

«Toc, toc, toc», machen die orangen Bälle, Turnschuhe quietschen über den grünen Hallenboden und Armin Freys Gegner ruft: «Ou nei!», denn er hat den Ball statt auf die Platte in die Luft gepfeffert. Tischtennis ist technisch anspruchsvoll, erfordert schnelles Reagieren und eine starke Psyche. «Der Kopf ist sehr wichtig», sagt Armin Frey, Captain der 4. Tischtennismannschaft von Siemens, in einer Trainingspause.

 

Tischtennis ist eine von 17 Sportarten, die unter dem Dach des Schweizerischen Firmensportverbandes organisiert sind. Dazu zählen gängige wie Fussball, Tennis und Handball, aber auch etwas altmodisch wirkende wie Faust- und Korbball. Als Firmensportarten werden auch Kegeln, Boccia und Billard ausgeübt, bei denen wohl das gesellige Spiel vor der schweisstreibenden Fitness kommt.

Bei Siemens sind die verschiedenen Disziplinen organisatorisch als Sektionen des Sport- und Freizeitclubs Siemens Schweiz zusammengefasst. Laut dessen Präsident Bruno Roggensinger sind bei der Regionalgesellschaft Siemens Schweiz rund 650 als Mitglieder aktiv dabei, darunter auch ehemalige und pensionierte Siemens-Angestellte sowie Familienangehörige. Der Präsident selber tat bei den Sektionen Berg und Ski sowie Velo mit, heute ist er bei Film und Video aktiv - angeboten werden nicht nur Sportarten. Schweizweit zählt der Firmensport rund 45 000 Aktive, darunter gegen 9000 Frauen.

 

«Viel produktiver»

Armin Frey ist das Gesellige wichtig. Rund 20 Teilnehmer tragen neben dem Meisterschaftsbetrieb jährlich zwei Einzelturniere und ein Doppelturnier aus, danach gehen

sie miteinander essen. Zu seiner Motivation sagt er, der vor 15 Jahren ins Tischtennis eingestiegen ist, weiter: «Tischtennis fasziniert mich, es ist aufwändig, die Spieltechnik zu lernen.» Gar nicht wichtig für ihn ist, zwecks Laufbahnplanung Kontakte mit Spielern anderer Firmen zu knüpfen. «Primär gehts mir darum, Leute mit denselben Interessen zu treffen.»

Armin Frey und drei weitere Siemens-Spieler trainieren in der Turnhalle des Primarschulhauses Fahrweid im zürcherischen Limmattal. Sie tragen alle dieselben blauen T-Shirts mit aufgenähtem runden Siemens-Logo auf der Brust. Siemens stellt den Spielern einen weiteren Trainingsraum in Zürich zur Verfügung und bezahlt die Hälfte des Mitgliederbeitrags. «Kulant», findet dies Frey. Für ihn hat die Firma davon nur Vorteile: Sport fördere die Gesundheit und erhöhe auch die Leistung. «Seit ich das Rauchen aufgegeben und mit Sport angefangen habe, bin ich viel produktiver.» Armin Frey lernte Maschinenschlosser, bildete sich weiter zum technischen Kaufmann und arbeitet heute im Einkauf am Siemens-Schweiz-Hauptsitz in Zürich-Albisrieden.

Bruno Roggensinger, der als Projektleiter und Referent bei der Siemens Academy arbeitet, hat über den Firmensport manchen Kollegen kennen gelernt und ein Beziehungsnetz innerhalb der Firma geflochten. Sein Engagement als Skilehrer habe viel dazu beigetragen. Das habe sowohl ihm persönlich genützt als auch seinem Arbeitgeber: «Die Firma profitiert, wenn ihre Angestellten sich bei der Arbeit wohl fühlen.» Siemens unterstütze zwar noch die Firmensport-Aktivitäten seiner Angestellten, glaube aber nicht mehr so recht an dessen Vorteile, schildert Roggensinger seinen Eindruck. Dort aber, wo die Firma einen klaren Nutzen hat, unterstütze sie den Firmensport sogar verstärkt und greife tiefer in die Tasche: Zum Beispiel beim alljährlich stattfindenden Firmenskirennen, das die Sektion Berg und Ski durchführt. Ein Unternehmen, so Roggensinger, das Firmensport fördert, signalisiere seinen Angestellten, dass es sich um deren Gesundheit bemühe, was wiederum die Arbeitsmotivation des Personals erhöhe.

 

Weniger Aktive

Drei Herren betreten die Turnhalle: die heutigen Meisterschaftsgegner der Siemens-Mannschaft. Die Begrüssung erfolgt per Handschlag, man kennt und duzt einander. Sind die Siemens-Spieler bereits etwas ergraut, so sind die Neuankömmlinge praktisch gänzlich weiss. Sie stellen die 4. Mannschaft von Swiss Re. «Wir haben ein Überalterungsproblem», sagt Armin Frey, «vor allem beim Tischtennis.» Allerdings werde auch nicht aktiv um neue Spieler/innen geworben. Auf der anderen Seite habe Tischtennis den Vorteil, dass man es auch im hohen Alter noch betreiben könne. Er selber fand über einen Anfängerkurs, zu dem ihn ein Kollege überredet hatte, zum Tischtennis.

Die Mitgliederentwicklung in den Sportsektionen sei mehrheitlich rückläufig, sagt Bruno Roggensinger, zum Beispiel sei die Tennissektion von 220 im Jahr 2000 aufheute noch 80 Aktive geschrumpft. Die schwindende Mitgliederanzahl sei auch ein Grund dafür, dass Siemens dem Firmensport finanziell weniger unter die Arme greift. Der Sport- und Freizeitclub-Präsident nennt drei Punkte, die zum Mitgliederschwund geführt haben. Zum einen, so merkt er selbstkritisch an, ist er hausgemacht: Man habe keinen Nachwuchs nachgezogen, viele würden pensioniert, ohne dass die nächste Generation bereitstünde. Zum anderen: Die Firma sei längst nicht mehr der einzige Anbieter von Sport-Angeboten, Angestellte übten beispielsweise auch in ihren Wohngemeinden Sport aus. Das Argument, Arbeitskollegen inner- und ausserhalb der Firma via Firmensport kennen zu lernen, zähle nicht mehr so stark. Den dritten Grund für den Aktivenverlust sieht Roggensinger aber auch in der Haltung von Siemens: Viel öffentlichkeitswirksamer als Firmensport seien etwa Sponsoren-Läufe. Dabei geht es beispielsweise um eine Aktion für Not leidende Kinder, bei der Siemens einen gewissen Betrag pro Laufrunde überweist. «Da geht es nicht in erster Linie um das Wohl der Mitarbeitenden, sondern um das Image der Firma», sagt Roggensinger. Immerhin: Die Aktion bewirkte, dass sich eine Läufergruppe bildete, die regelmässig zusammen trainiert und Wettkämpfe bestreitet.

Max Stettler, Zentralpräsident des Schweizerischen Firmensportverbands (SFS), weist noch auf andere Trends hin, die den Firmensport Mitglieder kosten: Firmensport werde ausschliesslich in Teams ausgeübt. Für den früheren «Tschütteler» und heutigen Tennisspieler waren zwei, drei Biere zusammen mit den Kollegen nach dem Training selbstverständlich, so festigte sich das Zusammengehörigkeitsgefühl. Heute befänden sich Einzelsportarten und Fitnesstrainings im Aufwind, was den Firmensport nicht begünstige. Das Hauptproblem sei aber, so Stettler, Leute für die ehrenamtliche Vorstandsarbeit zu gewinnen. Beispielsweise gebe es für die Sportarten Berg und Ski sowie Handball keinen nationalen Vorstand mehr. Früher sei es akzeptiert worden, dass Vorstandsmitglieder während der Arbeitszeit für den Firmensport tätig sind. Diese Zeiten seien vorbei, sagt der seit letztem Jahr amtierende SFS-Präsident.

Hinzu kämen Querelen mit Swiss Tennis, dem nationalen Tennisverband: Früher galt, dass Spieler/innen, die die Mitgliedschaft beim Firmensportverein erwarben, automatisch auch Mitglied bei Swiss Tennis wurden. Nun hat sich Swiss Tennis von dieser Praxis verabschiedet, Firmensportclubmitglieder müssten zweimal in die Tasche greifen. Das habe auch Mitglieder gekostet, sagt Stettler. Als Gegenstrategie setze der SFS auf bessere Information, etwa über eine eigene Homepage. Auch sei der Zentralvorstand von 40 auf sechs Mitglieder verkleinert worden, um schneller entscheiden zu können. Ausserdem suche man nach Möglichkeiten, Angestellten zu ermöglichen, wie bis anhin zu günstigen Preisen Sport zu treiben, ohne aber dass die Firmen noch mehr zur Kasse gebeten werden. Der SFS wolle in Zukunft die Unterstützung grosser Unternehmen gewinnen.

 

Spielverloren, Punktgewonnen

«Schönes Spiel», grüssen einander die Gegner vor jedem Match und schütteln einander nochmals die Hände. Neun Einzel und ein Doppel stehen auf dem Programm, gespielt wird auf drei Gewinnsätze und elf Punkte pro Satz. Einen Schiedsrichter gibt es nicht, der Spieler, der aufschlägt, zählt jeweils den Spielstand. Mit von der Partie ist auf Seiten der Siemens-Mannschaft ein Gehbehinderter. Sein Handicap macht er mit viel Einsatz wett. «Beim Firmensport geht es neben der Leistung auch um die soziale Integration», sagt Armin Frey.

Das Swiss-Re-Trio gewinnt mit dem Gesamtergebnis von 7 : 3 und bekommt zwei Punkte, die Verlierer erhalten, da sie 3 Partien gewannen, auch einen Punkt gutgeschrieben. Nach dem Ernst das Vergnügen: Armin Frey absolviert noch einen Plauschmatch. «Schade, dass Sie jetzt gehen», sagt Armin Freys Gegner, als ich mich verabschiede, «jetzt fängt er an zu fluchen, er ist nämlich am Verlieren.»

Hau den Ball: Firmensport fördert Konzentration und Technik - was wollen Arbeitgeber mehr?

 

Link

www.sfssport.ch

Homepage des Schweizerischen Firmensportverbands