Am Schluss herrschte dann dochwieder Ernüchterung. Im Durchschnitt, hat die UBS errechnet, betragen die Lohnerhöhungen für das laufende Jahr rund zwei Prozent. Damit liegen sie zwar erstmals seit Jahren wieder deutlich über der Teuerung, aber dennoch einiges tiefer, als die Angestelltenorganisationen sich erhofft hatten.
Diese sind 2006 nicht nur ungewöhnlich früh in die Lohnrunde eingestiegen, sondern auch mit ungewohnt hohen Forderungen. Die wirtschaftlichen Kennzahlen schienen ihnen Recht zu geben: Das Wachstum liegt bei stolzen drei Prozent, die Unternehmensgewinne schossen in noch nie erreichte Höhen, und auch für das kommende Jahr wird stabiles Wachstum vorausgesagt. Zudem orteten die Angestelltenorganisationen in vielen Branchen auch ein grosses Nachholpotenzial bei unteren und mittleren Einkommen. Während in den Chefetagen die Löhne in den vergangenen Jahren im zweistelligen Prozentbereich zulegen konnten, erhielten Basisangestellte in den letzten drei Jahren gemäss Berechnungen des Gewerkschafts-Dachverbandes Travail Suisse gerade mal die Teuerung ausgeglichen. Alles in allem also ideale Voraussetzungen, um wieder einmal deutliche Lohnerhöhungen einzufordern.
Grosse Branchenunterschiede
Auffallend an den diesjährigen Lohnabschlüssen ist, dass sie in den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich ausfielen. Die Streuung zwischen den schlechtesten und den besten Branchen ist in diesem Jahr rund doppelt so hoch wie 2006. Zu den Gewinnern zählen die IT-Branche, der Sektor Energie, die Finanzbranche und die Chemische Industrie. Auch die Angestellten der Kantone können sich mit 2,5 Prozent zu den Gewinnern der Lohnrunde zählen, allerdings ist dort der Nachholbedarf auch besonders gross. Vergleichsweise schlecht abgeschnitten haben hingegen die Angestellten der Textilindustrie, der Medien, des Bundes und in der Bauwirtschaft.
Jene Lohnabschlüsse, bei denen der KV Schweiz direkt mitverhandelt hat, bezeichnet Barbara Gisi, Leiterin Angestelltenpolitik als «zufrieden stellend». In der Luftfahrtbranche konnten erstmals seit Jahren überhaupt wieder Lohnerhöhungen erreicht werden, und bei Migros und Coop sind die Ergebnisse trotz vergleichsweise tiefer Gewinnaussichten sogar überdurchschnittlich (siehe Tabelle).
Trend zur Individualisierung
Die Abschlüsse in der Luftfahrtindustrie enthalten einen hohen generellen Anteil, um die Reallohnverluste der letzten Jahre wenigstens zum Teil auszugleichen. Ansonsten konstatiert Barbara Gisi, dass sich der Trend zu individuellen Lohnerhöhungen weiterhin fortsetzt. Immerhin kämen aus den meisten Betrieben aber Signale, für den grössten Teil der Belegschaft wenigstens die Teuerung auszugleichen.
Individuelle Lohnerhöhungen sind aus Sicht von Barbara Gisi nicht grundsätzlich schlecht. «Problematisch ist allerdings, dass in vielen Unternehmen die Transparenz mangelhaft ist. Aber wo Angestellte realistische Ziele erhalten und sie am Jahresende daran gemessen werden, ist gegen individuelle Lohnerhöhungen nichts einzuwenden - sofern Angestellte aller Stufen und Funktionen die Chance erhalten, ihren Lohn aufzubessern.»
Auch die gezielte Anhebung von Minimallöhnen war dieses Jahr in den meisten Unternehmen und Branchen kein Thema mehr. «Die Minimallohndebatten haben in den Tieflohnbranchen einige Wirkung gezeigt», so Barbara Gisi. «Da dafür aber ein grosser Teil der Lohnsummen verwendet wurde, kam der Mittelstand in den vergangenen Jahren tendenziell zu kurz. In vielen Gesprächen mit Mitgliedern hörte ich heraus, dass nun auch wieder einmal die mittleren Einkommen zum Zug kommen sollten.»
Bei der Untersuchung der getätigten Lohnabschlüsse fällt im Weiteren auf, dass mehr Unternehmen denn je ihren Angestellten Einmalzahlungen ausrichten. Barbara Gisi betrachtet diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. «Einerseits ist es zwar schön, dass die Angestellten am Unternehmenserfolg teilhaben können, andererseits wäre ihnen mit einer grosszügigeren Lohnerhöhung mehr geholfen. Boni verpflichten ein Unternehmen zu nichts, eine Lohnerhöhung hingegen hat Bestand.»





