Context 1 + 2 / 2007 | 19. Januar 2007

Studieren à la carte

Das Wirtschaftsstudium sieht in etwa überall gleich aus. Doch aufgepasst: Studierende müssen sich auch auf ein Gebiet spezialisieren.
Text: Lukas Kistler Context

An allen sechs Deutschschweizer Fachhochschulen werden Betriebsökonomen ausgebildet. Die Teilschulen der Fachhochschulen bieten je eigene Bachelorstudiengänge an, eng koordiniert wie etwa die Hochschulen in Basel, Olten und Brugg unter dem Dach der Fachhochschule Nordwestschweiz oder voneinander unabhängig wie die Hochschule für Wirtschaft (HWZ) und die Zürcher Hochschule Winterthur (ZHW) unter dem Dach der Zürcher Fachhochschule.

Im Zug der Bologna-Reform heisst der Studiengang an allen Hochschulen nicht mehr Betriebsökonomie, sondern Business Administration, und der Titel, mit dem sich Absolventen schmücken dürfen, ist nicht mehr bloss ein Diplom, sondern ein Bachelor of Science in Business Administration mit Vertiefung in . . . Gerade bei den Vertiefungen hören aber die Gemeinsamkeiten auf, denn die Hochschulen bieten verschiedene Studienrichtungen beziehungsweise eben Vertiefungen an (siehe Tabelle). Studierende bereiten sich mit der Wahl einer Vertiefung auf entsprechende Funktionen im Betrieb vor oder lernen branchenspezifische Fragestellungen kennen. Manche Vertiefungen werden von vielen Schulen angeboten, ein paar aber auch nur von einer (siehe Textanschluss).

 

Regionale Branchen reden mit

Bevor sie eine Hochschule wählen, tun angehende Betriebsökonomen und -ökonominnen gut daran, sich klar zu werden, auf welchen Gebieten sie besondere Kenntnisse erwerben wollen. «An allen Fachhochschulen gibt es einen ähnlichen Sockelbestand an Vertiefungen», sagt zwar Urs Dürsteler, Leiter des Studiengangs Business Administration an der Hochschule für Wirtschaft (HWZ). Dennoch bieten die Hochschulen einen je eigenen Mix von Vertiefungen an. Weshalb das unterschiedliche Angebot? Im Wesentlichen gibt es dafür zwei Gründe: historisch gewachsene Kompetenzen an der Schule sowie die Nachfrage einerseits der Wirtschaft, andererseits der Studierenden.

Pius Muff, Studiengangsleiter Business Administration an der Hochschule für Wirtschaft (HSW) Luzern, betont: «Alle unsere Vertiefungen haben ihr Gegenstück in der Forschung oder in Dienstleistungen, die von Instituten erbracht werden.» So können Luzerner Studierende beispielsweise in Finance + Banking vertiefen, und zwar am Institut für Finanzdienstleistungen in Zug. Oder in Public Management + Economics am Institut für Betriebs-und Regionalökonomie. Solche Institute oder Kompetenzzentren sind nicht nur in Luzern, sondern auch an anderen Hochschulen zu finden.

Mitunter haben diese und die entsprechenden Vertiefungen mit der Nachfrage der regionalen Wirtschaft zu tun. So weist Urs Dürsteler von der HWZ darauf hin, dass die Vertiefung Banking & Finance auf oder in der Nähe von Finanzplätzen studiert werden kann. Entsprechend der Bedeutung dieser Branche in der Schweiz kann diese Vertiefung in der einen oder anderen Form an allen Wirtschaftshochschulen belegt werden. Auch die Vertiefung Tourismus in Luzern und in Chur reflektiert die regionale Wirtschaft. «Die Branchen wollen Studierende, die hoch spezialisiert sind», sagt Urs Dürsteler, «und machen es teilweise davon abhängig, ob sie ihren Angestellten das Studium finanzieren.» Eine exklusive Vertiefung ist Auditing, die allein an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz am Standort Basel angeboten wird. Die Hochschule reagierte mit diesem Angebot auf die anziehende Nachfrage der Branche: «Wir haben festgestellt, dass Studierende vermehrt in die Wirtschaftsprüfung gingen», sagt Marcel Lüthi, Studiengangsleiter Betriebsökonomie in Basel. Eine Vertiefung in Auditing ist ab kommendem Herbst möglich.

 

Mehr und weniger vertieft

Neben Vertiefungsangeboten, die auf Branchen zugeschnitten sind, gibt es auch solche wie Rechnungswesen oder Marketing, die von fast allen Hochschulen angeboten werden. Solche Vertiefungen differenzieren sich nach Funktionen im Betrieb aus. Unterschiedliche Akzente setzen die Hochschulen hingegen beim Zeitpunkt der Vertiefung: An vier Hochschulen müssen sich Vollzeitstudierende jeweils ab dem zweiten von drei Jahren für eine Vertiefung entscheiden; Studierende, die berufsbegleitend studieren, beginnen an diesen Schulen im dritten von vier Jahren. Anders bei den beiden Zürcher Hochschulen, wo bereits ab dem 4. Semester eine Vertiefung gewählt werden muss. An der HWZ müssen Studierende denn auch 60 Credits (siehe Kasten) in der Vertiefung erwerben. Urs Dürsteler ortet drei Motive für den vergleichsweise frühen Zeitpunkt und damit «grösseren Tiefgang»: Dieser entspreche - bei der Vertiefung Banking & Finance - den Wünschen der Bankiervereinigung und somit der Banken, werde auch von der Studierendenschaft unterstützt und entspreche im Übrigen dem Vorbild amerikanischer Universitäten. Zum Vergleich: an der Hochschule für Wirtschaft in Basel müssen Leistungen im Umfang von mindestens neun Credits für die Vertiefung erbracht werden. Diesen Anteil können Studierende auf über 21 Credits ausbauen, indem sie passende Ergänzungsmodule wählen.

 

Pro und contra Integration

Auffällig ist, dass Kommunikation, Wirtschaftsinformatik und Tourismus, die als eigenständige Bachelorstudiengänge anerkannt sind, an manchen Hochschulen als Vertiefungen ins Betriebsökonomiestudium integriert sind, etwa an der HSW Luzern. Bis Herbst 2005 konnte man in Luzern die genannten Studienrichtungen separat studieren, seither werden die drei Fachgebiete als Vertiefungen innerhalb der Betriebsökonomie angeboten. Weshalb dieser Umbau? «Die breitere Ausbildung erhöht die Arbeitsmarktfähigkeit», ist Studiengangsleiter Pius Muff überzeugt, «die Absolventen können so breit eingesetzt werden.» Auch die HWZ hat die Integration ihrer drei Bachelorstudiengänge erwogen, kam aber laut Urs Dürsteler zum Schluss, sie doch eigenständig zu führen: «Die Studenten jedes Studiengangs haben eine eigene Kultur. Studierende der Wirtschaftskommunikation orientieren sich beispielsweise weniger gerne an Zahlen als die Wirtschaftsinformatiker.»

Neben der HWZ führen auch die ZHW und die Fachhochschule Nordwestschweiz eine Vertiefung, die eigentlich keine ist: General Management. Und ausgerechnet diese breite Ausbildung ist - zumindest an der HWZ - die beliebteste: Insgesamt fünf Klassen belegen diese Vertiefung, zwei Klassen vertiefen in Banking & Finance und bloss eine fokussiert auf Accounting & Controlling. Die Beliebtheit des nicht spezialisierenden Studiengangs unter den Studierenden ist wohl auch eine Altersfrage. Urs Dürsteler: «Die Jüngeren wollen sich häufig noch nicht spezialisieren.»

 

Bei Mobilität spielt der Markt

Entsprechend bestimmen also nicht nur die Wirtschaft und ihre Bedürfnisse die Vertiefungsrichtungen. Ein gewichtiges Wort reden auch die Studierenden mit ihren Vorlieben mit. Die Hochschulen versuchen, sich mit ihrem Mix an Vertiefungen ein Profil zu verleihen und Studierende anzuziehen. Doch spielt hier überhaupt der Markt? Konkret: Geht ein Basler an die HTW Chur, um in Sports Management zu vertiefen, oder eine St. Gallerin an die HSW Luzern, um sich Kenntnisse in Management + Law anzueignen? Pius Muff, Studiengangsleiter an der HSW, ist der Auffassung, dass der Markt innerhalb der Deutschschweiz spielt. Heute stammen 53 Prozent der Betriebsökonomiestudierenden aus der Zentralschweiz, der Rest aus der übrigen Deutschschweiz. Vor fünf Jahren lautete das Verhältnis noch 77 zu 23 Prozent. Studierende, die von ausserhalb der Zentralschweiz kommen, sagen laut Muff, dass sie wegen bestimmter Vertiefungen an der HSW studieren. Urs Dürsteler von der HWZ hingegen schätzt die Mobilität von FH-Studierenden als gering ein. 80 Prozent der Studierenden wohnen im Kanton Zürich, der grosse Rest in den umliegenden Kantonen und bloss wenige kommen von noch weiter weg. Dasselbe Bild zeichnet Marcel Lüthi von der Hochschule für Wirtschaft Basel, wonach deren Einzugsgebiet überwiegend die erweiterte Region Basel sei.

 

Vertiefungen in Business Administration

 

Die Bezeichnungen der Vertiefungen variieren von Hochschule zu Hochschule. Die Benennungen dieser Liste entsprechen deshalb nicht (immer) den von den Schulen gewählten Namen.

 

1. nach Tätigkeitsgebieten im Betrieb:

- Rechnungswesen: Etwa in den Varianten Finance & Accounting (BFH) oder & Controlling (HWZ).

- Marketing: Wird häufig mit Unternehmens-kommunikation (FHB, FHS St. Gallen, HSW Luzern, Kalaidos) kombiniert.

- Personalwesen: Beispielsweise als Human Resources

(HTW Chur) oder Personal- und Organisationsentwicklung (FHS St. Gallen).

- Unternehmertum: FHS St. Gallen, HTW Chur, Kalaidos

- General FHNW, HWZ. Auch als Business Administration (ZHW).

- Internationales Management: FHB, Kalaidos. An der FHNW und

ZHW ist dies ein separater Studiengang.

- Wirtschaftsinformatik: FHNW, HSW Luzern, ZHW. vielen Fachhochschulen ist dies ein separater Studiengang.

 

Exklusive Vertiefungen sind:

Auditing: FHNW

Management + Law: HSW Luzern

 

2. nach Branche:

- Banking & Finance: BFH, FHNW, FHS St. Gallen, HTW Chur, HSW Luzern, HWZ, ZHW und Kalaidos

- Public Management: BFH, HSW Luzern

- Tourismus: HTW Chur und HSW Luzern

 

Exklusive Vertiefung ist:

Sports HTW Chur

 

Was sind Credits?

Credits ist der Name für eine Art Währung: Studierende erwerben einen Kreditpunkt, indem sie eine Leistung erbringen, die 25 bis 30 Arbeitsstunden entspricht. Insgesamt müssen Fachhochschulstudierende im Rahmen ihres Bachelorstudiums 180 Credits erwerben. Dieses Kreditpunktesystem ist integraler Bestandteil der Hochschulreformen, wie sie die europäischen Bildungsminister in der Erklärung von Bologna festgelegt haben.