Quelle: Context

«Arbeitsfreie Erholung ist für den Berufserfolg wichtig»

Für die Arbeitspsychologin Carmen Binnewies ist klar: Wer bei der Arbeit eine gute Leistung bringen will, muss sich in der Freizeit ohne Stress erholen können.

Context: Sie haben wissenschaftlich nachgewiesen, dass Erholung in der Freizeit wichtig ist für den Erfolg im Beruf. Wie wirkt sich nun die zunehmende Vermischung von Arbeit und Freizeit aus?
Carmen Binnewies: Sie kann dazu führen, dass die Erholung beeinträchtigt wird, weil die Arbeit ständig präsent ist und man in der Freizeit eventuell Schwierigkeiten hat, von der Arbeit abzuschalten oder sich zu entspannen. Abschalten und Entspannung sind aber wesentliche Faktoren, die zu einer guten Erholung beitragen.


Flexible Arbeitszeiten haben Vor- und Nachteile - worauf müssen Arbeitnehmer achten, damit die Vorteile überwiegen?
Es ist wichtig, dass jeder für sich Wege findet, Arbeit und Freizeit zu vereinen oder eben auch zu trennen. Da gibt es
kein Patentrezept, weil Menschen unterschiedliche Präferenzen haben. Für die einen können dies zum Beispiel trotz Flexibilität selbst festgelegte Arbeitszeiten oder ein regelmässiger Rhythmus sein. Für den anderen mag es wichtig sein, Arbeit und Freizeit räumlich oder örtlich zu trennen und zum Beispiel zu Hause nur im Arbeitszimmer zu arbeiten. Wichtig ist, dass für die Freizeit ebenso wie für die Arbeitszeit Zeit eingeräumt und sie nicht immer der Arbeit untergeordnet wird.


Was können Vorgesetzte dazu beitragen?
Dazu gibt es erstaunlicherweise sehr wenig Forschung, ich plane gerade mehrere Projekte dazu. Aber relativ einleuchtend ist, dass Vorgesetzte eine Atmosphäre schaffen sollten, in der die Freizeit beziehungsweise das Privatleben inklusive Familie auch als wichtig erachtet wird. Entsprechend sollte den Mitarbeitern eine arbeitsfreie Zeit zugestanden werden, in der man auch mal das Arbeitshandy abschalten kann, ohne hinterher Ärger zu bekommen. Letztlich ist eine erfolgreiche Erholung für die Mitarbeiter und die Organisation nicht nur nett, sondern eine Voraussetzung für gute Leistung bei der Arbeit.


Ihrer Ansicht nach sind drei Wochen Ferien im Jahr weniger wichtig als das gezielte Entspannen am Feierabend/Wochenende; warum?
Meine Aussage ist nicht, dass längere Ferien im Jahr überhaupt nicht wichtig sind, denn natürlich erholt man sich in dieser Zeit und kann andere Erfahrungen machen, für die man sonst keine Zeit hat. Allerdings hat die Forschung gezeigt, dass die positiven Effekte des Urlaubs nach 3 bis 6 Wochen wieder «verpufft» sind. Deshalb reichen die Ferien nicht aus, um über das ganze Jahr erholt und fit zu bleiben, und dementsprechend kommt der täglichen Erholung oder jener am Wochenende eine wichtige Bedeutung zu.


Dank moderner Kommunikationsmittel ist man auch in der Freizeit zunehmend ständig erreichbar; ist dies mehr Fluch oder mehr Segen?
Wenn man in der Freizeit ständig über die Arbeit nachdenken muss und sich ständig mit arbeitsbezogenen Aufgaben beschäftigt, dann hält der Stress an und dies kann einen krank machen. Allerdings muss man sagen, dass es einen Unterschied macht, ob man über positive oder negative arbeitsbezogene Dinge nachdenkt. Über positive Seiten der Arbeit nachzudenken hat auch positive Effekte.


Kann diese Erreichbarkeit auch zu einer Art Suchtverhalten führen?
Viel zu arbeiten ist nicht unbedingt schon immer gleich Sucht. Ich würde eher sagen, dass es schnell eine negative Spirale geben kann: Wenn man in seiner Freizeit immer arbeitet, kann man sich nicht ausreichend erholen und ist danach bei der Arbeit müde und nicht voll leistungsfähig. Dies führt vermutlich wieder dazu, dass man länger arbeitet beziehungsweise auch noch in seiner Freizeit arbeitet, weil man eine hohe Leistung zeigen will. So entwickelt sich ein Teufelskreis.


Wie wird sich diese Entwicklung Ihrer Meinung nach fortsetzen? Werden wir eines Tages überhaupt keine Freizeit mehr haben, weil sich Arbeit und Freizeit komplett vermischen?
Mein Eindruck ist, dass zumindest in Deutschland in den letzten Jahren ein zunehmendes Bewusstsein dafür entsteht, dass Freizeit beziehungsweise die Work-Life-Balance eine sehr wichtige Rolle spielt. Bis dies aber in die alltäglichen Praktiken wie Kommunikation per Handy oder E-Mail Einzug gehalten hat, dauert es vermutlich noch ein bisschen. Und natürlich treten diese auf den ersten Blick eher «Luxusprobleme» der Erholung/Work-Life-Balance in wirtschaftlich schwierigen Zeiten in den Hintergrund. Aber langfristigist den Unternehmen schon klar, dass nur gesunde und erholte Mitarbeiter die Leistungsfähigkeit des Unternehmens sicherstellen können. the


Carmen Binnewies

ist Juniorprofessorin für Occupational Health Psychology am Institut für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.